Neuer Bundestrainer
DFB sucht den Retter, der nicht zu viel kosten darf

Der Deutsche Fußball-Bund ist bei der Suche nach einem Nachfolger für Hans-Dieter Flick als Bundestrainer finanziell eingeschränkt, die Liste der Kandidaten ist trotzdem prominent besetzt. Die Entscheidung hat Tragweite, denn es geht um die Heim-EM 2024.

11.09.2023
    DFB-Präsident Bernd Neuendorf (vorne) mit Sportdirektor Rudi Völler
    DFB-Präsident Bernd Neuendorf (vorne) mit Sportdirektor Rudi Völler (IMAGO / Schüler / IMAGO / Marc Schueler)
    Bei der Suche nach einem neuen Bundestrainer für die Nationalmannschaft der Männer wird der DFB auch auf das Geld achten müssen. Dem DFB war vom Finanzamt wegen falsch verbuchter Einnahmen für zwei Jahre die Gemeinnützigkeit aberkannt worden. Entsprechende Rückstellungen führten zu einem Minus von 33,5 Millionen Euro. Die Trennung von Hans-Dieter Flick und seinen Assistenten wird nun erneut Geld kosten, denn die Verträge laufen bis zur EM 2024.
    Die Kandidaten für die Nachfolge von Hans-Dieter Flick sind für DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Sportdirektor Rudi Völler und die Task Force Nationalmannschaft deshalb auch aus finanzieller Hinsicht zu betrachten.
    Julian Nagelsmann: Der 36-Jährige ist noch beim FC Bayern unter Vertrag, wurde dort im März beurlaubt. Der Vertrag läuft noch bis 2026, der DFB müsste sich mit dem Rekordmeister finanziell einigen. Die Qualitäten für das höchste Traineramt im deutschen Fußball werden dem 36-Jährigen zugesprochen. Aber hat er auch die Motivation dafür? Nach seinem wenig ruhmreichen Abgang beim FC Bayern München hat sein Image als Ausnahmetrainer gelitten. Ein nächstes missglücktes Engagement beim völlig verunsicherten DFB-Team würde Nagelsmann in der Karriere nochmals zurückwerfen.
    Stefan Kuntz: Der türkische Nationaltrainer ist wegen der Leistungen seines Teams schwer in die Kritik geraten, zuletzt gab es ein dünnes 1:1 gegen Armenien. Wie beim DFB könnte für die Türkei Japan eine Rolle spielen: Kuntz tritt mit der Mannschaft am Dienstag dort an. der ehemalige deutsche Nationalspieler kennt den DFB durch seine langjährige und erfolgreiche Tätigkeit in der U21. Allerdings war der 60-Jährige 2021 ein Kandidat auf die Nachfolge von Joachim Löw, Flick wurde ihm vorgezogen. Die Entscheidung habe er akzeptieren müssen, sagte Kuntz im August dem türkischen Portal Ajansspor. "Enttäuscht war ich nur über die Art und Weise, wie die Gespräche geführt wurden." Die Gespräche führte damals allerdings nicht die aktuelle DFB-Spitze um Präsident Bernde Neuendorf.
    Jürgen Klopp: Der Trainer des FC Liverpool ist die wohl am meisten gewünschte Lösung. Er könnte die Euphorie für die Heim-EM erzeugen und hat die wohl größte sportliche Reputation. Klopp bleibt aber wohl der unrealistischste Kandidat: Der 56-Jährige hat einen bis 2026 gültigen Vertrag in Liverpool und will ihn eigenen Angaben zufolge auch erfüllen, neben seinem Gehalt wäre im Ernstfall wohl eine Ablöse fällig.
    Oliver Glasner: Oft gefordert wurde ein Blick von außen, also ein Bundestrainer aus dem Ausland. Mit Eintracht Frankfurt hatte der Österreicher großen Erfolg, gewann die Europa League 2022. Er gilt als exzellenter Fachmann, war in Frankfurt aber am Ende unerwünscht und wurde zum Saisonende 2022/23 ein Jahr vor Vertragsende freigestellt.
    Louis van Gaal: Oder ist der frühere Bayern-Trainer Louis van Gaal die Lösung aus dem Ausland? "Ein vielversprechendes Land hat immer noch eine Chance, mich zu überzeugen", sagte der Niederländer. Doch ob die Gesundheit mitspielt? Erst im August wurde der 72-Jährige erneut wegen Prostatakrebs operiert, muss sich schonen. Bei der WM in Katar scheiterte er mit den Niederlanden im Viertelfinale am späteren Weltmeister Argentinien.
    Roger Schmidt: Er musste 2017 Bayer Leverkusen in einer sportlichen Krise verlassen. Über China und Eindhoven fand er den Weg zu Benfica Lissabon, wo er sehr erfolgreich arbeitet. Enzo Fernandez aus Argentinien entwickelte sich unter ihm, der Weltmeister ging schließlich für mehr als 120 Millionen Euro zum FC Chelsea. Für vergleichsweise weniger wäre der 56 Jahre alte Schmidt zu haben, seine Ausstiegsklausel soll 30 Millionen Euro betragen, was für den DFB mindestens ein Hindernis sein könnte.
    Matthias Sammer: Früher war Sammer Meistertrainer bei Borussia Dortmund, heute ist er dort Berater. Aus dem Tagesgeschäft hat er sich aus gesundheitlichen Gründen aber längst zurückgezogen. Für Kritik am deutschen Fußball fühlte er sich zuletzt oft zuständig, sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "Wir liegen am Boden." Den Bundestrainer-Job schloss er im selben Interview aus. "Ich habe vor einiger Zeit für mich die Entscheidung getroffen, dass ich operativ nicht mehr tätig sein möchte. Dabei soll es auch bleiben."
    Rudi Völler: Unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar: Völler sitzt bei dem Spiel gegen Frankreich gemeinsam mit Sportdirektor-Kollege Hannes Wolf und Ex-Nationalspieler Sandro Wagner auf der Bank - bleibt es vielleicht dabei, wenn es gegen Frankreich am Dienstag gut läuft? Vor 23 Jahren wollte Völler auch nur Übergangslösung sein und blieb dann vier Jahre.

    Tempo ist geboten, die nächsten Spiele kommen im Oktober

    Sonderlich lange Zeit lassen kann sich der DFB nicht. Bereits Mitte Oktober reist die Nationalmannschaft in die USA für die kommenden Testspiele gegen die beiden WM-Gastgeber USA (14.10.) und Mexiko (18.10.).
    (nch/dpa/sid)