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Olympia 2024
Russische Athleten in Paris? Ukraine berät über Boykott

Das Internationale Olympische Komitee hat sich mit Blick auf die Sommerspiele von Paris 2024 für neutrale Athleten aus Russland und Belarus offen gezeigt. Am Freitag will das ukrainische olympische Komitee entscheiden, ob man für diesen Fall die Spiele boykottiert.

Von Matthias Friebe | 02.02.2023
    Die Olympischen Ringe.
    Die Olympischen Ringe. (dpa / Daniel Kalker)
    Für Vladyslav Heraskevych ist die Sache klar. "Ich finde, wir sollten boykottieren, denn viele russische Sportler kämpfen in der Ukraine. Heute töten sie Ukrainer und morgen stehen sie im Wettkampf?" Der Skeleton-Pilot wird mit abstimmen, wenn das ukrainische Olympische Komitee darüber berät, ob man für den Fall, dass Sportler aus Russland am Start sind, die Sommerspiele von Paris 2024 boykottieren soll.
    Heraskevych erwartet aber auch Diskussionen und kritisiert die Top-Sport-Funktionäre in seinem eigenen Land. "Unser nationales Olympisches Komitee tut so wenig. Bis jetzt hat es noch kein Statement gegeben zur Frage, ob russische Athleten wieder zugelassen werden sollen."

    Bach sagt: "Niemand darf wegen seines Passes ausgeschlossen werden"

    Ausgelöst wurde die Diskussion durch Thomas Bach. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees hatte sich offen gezeigt, darüber zu reden, russische Athleten in Paris unter neutraler Flagge an den Start gehen zu lassen. Er beruft sich auf einen Bericht zweier UN-Sonderberichterstatter: "Dass ihre Bedenken sich beziehen auf einen Grundsatz der Nicht-Diskriminierung. Das heißt, Athleten auszuschließen alleine auf Grund Ihres Passes."
    "Es geht nicht um den Pass", kontert Wintersportler Vladyslav Heraskevych im Deutschlandfunk. "Russische Sportler sind keine zufällige Gruppe, jeder hat seine Geschichte und die Statistik sagt, circa 85 Prozent der russischen Sportler Angehörigen von Militär, Polizei oder anderen staatlichen Strukturen sind." Wer welche persönliche Verantwortung im Krieg hat, das lässt sich so aber schwer herausfinden. Wie will das IOC also definieren, wer starten darf oder nicht? Diese Frage steht auch noch im Raum.
    Was ist mit Sportlern, die nicht dem Militär angehören, aber Bilder mit dem Kriegssymbol "Z" in den sozialen Medien posten? Der Kriegspropaganda dient fast alles. Jüngstes Beispiel: Die Belarussin Aryna Sabalenka gewinnt unter neutraler Flagge die Australian Open, das erste Tennis Grand Slam des Jahres. "In einer Propaganda-Show hieß es dann: Das wären die Belarussian Open in Australien. Dieser Sieg in Australien ist ein gutes Zeichen für unseren zukünftigen politischen Sieg."

    Klitschko fordert: "Machen sie das nicht!"

    Deshalb können viele in der Ukraine mit neutralen Athleten unter olympischer Flagge nicht viel anfangen, die Thomas Bach jetzt wieder ins Spiel bringt: "Das festgezurrte Prinzip: keine russischen oder belarussischen Athleten. Individuelle, neutrale Athleten ohne Identifikation mit ihrer Nationalität."
    "Machen Sie das nicht", fordert Wladimir Klitschko, Box-Olympiasieger von 1996, "sonst verraten Sie den olympischen Geist." Und droht Thomas Bach förmlich in diesem Twitter-Video: "Wir beobachten Sie, die Geschichte wird über Sie richten."

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    Boykotte 1980 und 1984 Die olympische Geschichte kennt insbesondere rund um Moskau 1980 und Los Angeles 1984 große Boykott-Bewegungen, kein gutes Kapitel der Historie. Vladyslav Heraskevych erhofft sich jetzt für den Fall eines ukrainischen Boykotts internationale Unterstützung. "Wir brauchen einen großen Zusammenhalt, auch mit großen Olympischen Komitees, wie zum Beispiel Deutschland." Ein Boykott nur der Ukraine reicht nicht aus, ist er überzeugt, der direkt auch alternative Wettbewerbe ins Spiel bringt für alle potentiellen Nicht-Paris-Teilnehmer.
    "Bei Olympischen Spielen geht es um die Athleten, um Höchstleistungen und unsere Werte, es geht nicht um Thomas Bach oder um korrupte IOC-Funktionäre, die in ihren Büros sitzen und verrückte und dumme Entscheidungen treffen." Die Entscheidung des ukrainischen Olympischen Komitees, im Falle einer Zulassung russischer Sportler in Paris fernzubleiben, wird den Sport weltweit beschäftigen. Ihn zu beschützen, das gibt Skeletoni Heraskevych als Ziel seiner Bemühungen an, beschützen vor russischer Propaganda.