Mittwoch, 28. Februar 2024

Nachhaltigkeit im Fußball
Bundesliga-Vereine können für fehlende Nachhaltigkeit bestraft werden

2022 hat die Deutsche Fußball-Liga Nachhaltigkeitskriterien für alle Bundesliga-Klubs verabschiedet, jetzt passt sie die Richtlinie an. Die Zahl der Kriterien sinkt. Dafür drohen Vereinen, die bestimmte Kriterien nicht erfüllen, nun Sanktionen.

Von Maximilian Rieger | 27.01.2024
Leere Becher liegen auf der Tribüne eines Fußballstadions.
Klimagerechte Veränderungen beim Fußball könnten große Auswirkungen auf die Transformation in Städten haben, sagen Forschende. (picture alliance / Kirchner-Media / Kirchner / David Inderlied)
Für Markus Frieben beginnt gerade die vielleicht arbeitsreichste Zeit des Jahres.
„Daten zusammentragen, Konzepte entweder erstellen oder korrigieren, Schulungen überprüfen, Schulungen einführen.“
So sieht im Moment der Arbeitsalltag von Frieben aus. Er leitet die Nachhaltigkeitsabteilung bei Borussia Mönchengladbach. Seine Deadline: der 15. März. Bis dahin müssen alle Vereine, die in der 1. oder 2. Liga spielen möchten, ihre Lizenzunterlagen bei der Deutschen Fußball-Liga einreichen. Und zu den Unterlagen gehören auch Nachweise darüber, ob sich die Klubs an die Nachhaltigkeitskriterien der DFL halten.
Die gibt es seit 2022 – und nicht alle Klubs waren damals begeistert, erinnert sich Ilja Kaenzig, der Geschäftsführer des VfL Bochum.
„Als wir angefangen haben, gab‘s ja auch den ein oder anderen Klub, der gesagt hat: Lass mich in Ruhe, mit Nachhaltigkeit will ich nichts zu tun haben. Wir kommen also von ganz weit her und da ist schon extrem viel passiert.“

Nachhaltigkeits-Kriterien reduziert, Strafen eingeführt

Alle Bundesliga-Vereine haben zum Beispiel Verantwortliche für Nachhaltigkeit. Mehr als die Hälfte hat ihren CO2-Fußabdruck gemessen. Das sind zwei von mehr als 100 Kriterien, die die DFL damals eingeführt hat. Bereits bei der Lizenzierung vor einem Jahr sollten die Klubs Nachweise für die einzelnen Kriterien erbringen, allerdings noch ohne Strafe, falls das nicht gelingt. Nach diesem Testlauf hat die DFL die Nachhaltigkeitskriterien überarbeitet. Von den mehr als 100 Kriterien sind jetzt nur noch 54 übriggeblieben.
Aber die Liga und die Verantwortlichen der Klubs betonen: Die Anforderungen seien nicht gesenkt worden. Stattdessen habe man manche Kriterien zusammengefasst, manche würden an anderer Stelle bei der Lizenzierung abgefragt. Jetzt könne man sich auf das Wesentliche konzentrieren, findet Franziska Altenrath, die Leiterin der Nachhaltigkeitsabteilung beim FC St. Pauli.
„In der ersten Version war unglaublich viel abgefragt und die Gefahr ist ja immer, dass ganz viel Papier erstellt wird und sich aber nicht wirklich etwas verändert.“
Und jetzt gibt es auch zum ersten Mal Strafen für Klubs, die gewisse Mindeststandards nicht erfüllen. Das Strafmaß legt die DFL je nach Einzelfall fest, Punktabzüge sind theoretisch möglich, aber praktisch äußert unwahrscheinlich.
„Das ist wichtig, damit wir Verbindlichkeit in den Prozess bekommen", findet Neele Rickers, Leiterin der Nachhaltigkeits-Abteilung bei Zweitligist Paderborn.
„Das ist wichtig, damit wir Verbindlichkeit in den Prozess bekommen. Das ist wichtig, damit das Thema Nachhaltigkeit in der Lizensierung nicht nur ein Nice-To-Have-Inhalt ist, sondern tatsächlich relevant ist, um die Lizenz zu erhalten.“

Umweltstrategie wird zur Pflicht

Die Klubs müssen zum Beispiel nachweisen, dass sie eine Umweltstrategie haben und soziale Projekte in der Region fördern. Insgesamt gibt es neun solcher Kriterien, deren Verfehlung für die Vereine Strafen nach sich ziehen können. Im kommenden Jahr verdoppelt sich die Anzahl.
Das ist aber immer noch deutlich weniger, als ursprünglich geplant. Eigentlich hatte die DFL angekündigt, dass alle der mehr als 100 Kriterien als so relevant eingestuft werden, dass Vereine bestraft werden, wenn sie die Vorgaben nicht erfüllen.

Nachhaltigkeits-Expertin Ferkau: "Da wäre mehr gegangen"

Nachhaltigkeits-Expertin Tanja Ferkau, die die DFL bei der Ausarbeitung der ersten Kriterien beraten hat, ist daher unzufrieden mit der Entwicklung.
„Wenn ich jetzt, glaube ich, insgesamt sagen müsste, finde ich es ambitioniert genug, würde ich sagen: Da wäre mehr gegangen.“
Sie kritisiert, dass es noch zu wenige ligaweite, einheitliche Standards gibt, um Daten zu den verschiedenen Kriterien zu erheben, zum Beispiel bei der Messung der CO2-Emissionen.
Ferkau vermisst aber auch bei manchen Geschäftsführern den Willen, Nachhaltigkeit „zu einem wirklichen Prio-Thema zu machen und nicht zu seinem: Oh ne, das nervt total das Thema, das kann doch auch Frau Meyer mitmachen. "Das ist, glaube ich, an vielen Stellen immer noch ein bisschen die Denke und ich glaube, da muss man raus.“

Wird der finanzielle Anreiz zum Anschub?

Die Nachhaltigkeits-Verantwortlichen der Klubs würden zwar sehr gute Arbeit leisten, bekämen aber teils nicht genug Geld, um alle Themen gut bearbeiten zu können.
Ferkau schlägt deswegen vor, neben den Sanktionen auch ein Anreiz-System zu kreieren – zum Beispiel einen zentralen Geldtopf bei der DFL. Vereine könnten sich dort mit ihren Projekten für eine Förderung bewerben. Einige Vereine scheinen einem solchen Modell in Zukunft auch nicht abgeneigt zu sein. Ilja Kaenzig vom VfL Bochum meint, man müsse dabei die Chance, Geld zu verdienen, in den Vordergrund stellen.
„Wir werden als Bundesliga Nachhaltigkeit auch kapitalisieren können, weil das wird uns dann Möglichkeit geben, noch Anreizsysteme zu schaffen. Dass es Ausschüttungen gibt an die, die große Fortschritte machen, an die, die besondere Dinge machen. Wir reden ja jetzt bei der zukünftigen Fernsehbeteiligung von Mitwirkung: Wer mehr liefert, soll mehr bekommen. Bei der Nachhaltigkeit wird es genauso sein müssen.“
Mehr Anteile von den Milliarden aus den Medienrechte-Einnahmen könnten eine große Motivation sein für Klubs, in Nachhaltigkeit zu investieren. Und die nächste Chance würde es bald geben – noch in diesem Jahr werden die Medienrechte neu ausgeschrieben. Das komme aber zu früh, sagt Kaenzig. Über eine Geldverteilung unter Nachhaltigkeits-Aspekten würde man erst bei der nächsten Vergabe 2028 sprechen können.