Corona-Chaos in der Serie AAusgefallene Spiele, Streit um Protokolle

Die Corona-Variante Omikron hat auch die Serie A im Griff. Wegen fast 100 Fällen sind bereits viele Spiele ausgefallen. Weitere Ausfälle drohen. Und auch die Regularien sind widersprüchlich. Die Verantwortlichen bangen um das Ende der Saison.

Von Tom Mustroph | 09.01.2022

6th January 2022; Olimpico Stadium, Rome, Italy; Serie A championship football, SS Lazio versus Empoli; Andrea La Mantia
6th January 2022 Olimpico Stadium, Rome, Italy Serie A championship football, SS Lazio versus Empoli Andrea La Mantia of FC Empoli and Luis Alberto of SS Lazio PUBLICATIONxNOTxINxUK ActionPlus12354069 Allshotlive (imago images/Action Plus)
Boostern, boostern, boostern. Das ist inzwischen die Hoffnung der Serie A, um die Saison überhaupt noch durchziehen zu können. Giuseppe Marotta, Generaldirektor vom Meister Inter Mailand, preschte schon einmal vor.
"Ich denke, im Bereich des Sports sollte die dritte Impfdosis zur Pflicht werden. Sie minimiert das Risiko, an Covid zu erkranken und irreparable Folgen davonzutragen. Die Ärzte sagen, das Risiko beim Impfen ist minimal, man muss dann auch nicht in die Quarantäne, wie im Falle von heute."

Chaotischer 20. Spieltag

Marotta bezog sich auf den chaotischen 20. Spieltag. Vier der zehn Partien am Donnerstag sind ausgefallen. Die lokalen Gesundheitsämter haben dem FC Turin und Udinese die Auswärtsreisen nach Bergamo und Florenz untersagt. In Salerno und Bologna durften auch die jeweiligen Heimmannschaften nicht spielen.
Das führte zu teils absurden Szenen. Inter etwa reiste nach Bologna. Die Nerazzurri fuhren auch ins Stadion. Gegner Bologna kam aber nicht. Wegen acht infizierter Spieler verhängte das Gesundheitsamt eine Quarantäne. Laut Richtlinien des Ligaverbands hätte Bologna dennoch spielen müssen. Denn bei 13 gesunden Spielern, darunter ein Torwart, muss ein Match durchgeführt werden. Der Kader darf dann mit Nachwuchskräften aufgefüllt werden.
Bei Bolognas Trainer Sinisa Mihajlovic löste dieses Szenario vor allem Galgenhumor aus: "In den letzten Tagen bin ich zum bestbezahlten Trainer der Welt geworden. Denn ich trainiere den Nachwuchs und verdiene dabei jede Menge Geld."

Das Ziel: Die Meisterschaft durchziehen

Aber die Regeln sind so, und der Verband hält daran fest. Eine Videokonferenz am Donnerstag hat das noch einmal bestätigt. Ziel ist, die Meisterschaft durchzuziehen, komme was da wolle.
Deshalb geht König Fußball auch auf maximale Konfrontation zur Regierung. Der Verband fordert Sonderrechte. Inter Mailands Manager Marotta begründet das so:
"Es herrscht ein Zustand der großen Konfusion. Wir stehen vor ausgefallenen Spielen. Wir sind mit einer Politik der verschiedenen Gesundheitsämter der verschiedenen Provinzen konfrontiert, die unabhängig voneinander entscheiden. Das führt dazu, dass Verona nach La Spezia fährt, um da zu spielen. La Spezia hat elf positive Spieler, während andere Teams mit weniger positiven Fällen gestoppt wurden."
Marotta fordert deshalb eine Entmachtung der Gesundheitsämter: "Was heute fehlt, ist Klarheit, eine einheitliche Linie zwischen dem Sport und dem Gesundheitsministerium. Beide Institutionen müssen entscheiden, welches Protokoll umgesetzt werden soll. Ich würde die Entscheidungsmacht der Gesundheitsämter limitieren."

Sportpolitik verspricht einheitliches Vorgehen für die Zukunft

Die Sportpolitik reagierte gehorsam. Sportstaatsekretärin Valentina Vezzali versprach eilfertig eine gemeinsame Regie für den Sport und forderte einheitliches Handeln aller Gesundheitsämter. Letzteres fällt allerdings nicht in ihren Fachbereich. Ein Treffen von Sportministerium, Gesundheitsministerium und Ministerium der Regionen mit Vertretern des Fußballs ist erst für kommenden Mittwoch angesetzt.
Für den 21. Spieltag am Wochenende drohen schon jetzt mindestens drei Spielausfälle. Anreisen müssen die Teams, die nicht in Quarantäne sind, laut aktuellem Regelwerk selbst dann, wenn der Gegner coronabedingt nicht antreten kann. Das führt zu Frust etwa bei Andrea Cardinaletti, Vizepräsident von Venedig angesichts des Aufsteigerduells mit Salernitana:
"Diese Auswärtsfahrt hat uns ökonomisch belastet und auch Risiken ausgesetzt. Gern hätten wir unsere Spieler in der Hygieneblase gelassen, die wir kreiert haben, um das Covid-Protokoll zu respektieren. Dann hätten wir weniger riskiert und weniger Geld ausgegeben."
Cardinaletti geht von etwa 50.000 Euro Kosten für den Auswärtstrip aus. Gut möglich, dass er Entschädigung vom Ligaverband fordert. Ein neues Feld im komplexen Pandemiespiel.

Absurde Quarantäne-Regeln

Eine weitere absurde Episode betraf das Spitzenspiel Juventus Turin gegen den SSC Neapel. Neapel schickte drei Spieler auf den Platz, die nach dem am 30. Dezember verabschiedeten Covid-Regularium in Quarantäne gemusst hätten. Das neue Reglement gilt aber erst ab 10. Januar. Formal war Neapel also im Recht.
Abhilfe verspricht tatsächlich nur die Pflicht zum Boostern. Dreifach Geimpfte müssen laut aktuellem Regelwerk der Regierung nicht in Quarantäne, selbst bei direktem Kontakt zu Infizierten.