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StartseiteSport am Wochenende“Wir sind besser als das”31.05.2020

Sportler und Polizeigewalt in den USA“Wir sind besser als das”

Die Proteste von Sportlern in und außerhalb der USA gegen die Polizeibrutalität gegenüber Afroamerikanern haben die Züge einer Bewegung - auch mit einer Solidarität zwischen den Ausrüsterfirmen Nike und Adidas. In der Bundesliga protestieren Sancho, Hakimi, McKennie und Thuram.

Von Jürgen Kalwa

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Eine Collage der Aktionen gegen Rassismus der Bundesliga-Spieler Jadon Sancho (Borussia Dortmund), Weston McKennie (Schalke) und Marcus Thuram (Borussia Mönchengladbach). (imago images / Poolfoto)
Jadon Sancho protestiert auf seinem Shirt, Weston McKennie auf seiner Armbinde. Marcus Thuram setzt mit einem Kniefall ein Zeichen. (imago images / Poolfoto)
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Die Schrift auf dem selbstgebastelten Armband war kaum zu erkennen. Aber in ein paar Situationen wurde Weston McKennie von der Kamera in Nahaufnahme eingefangen. Und so erreichte die Botschaft des amerikanischen Nationalspielers in Diensten des FC Schalke 04 beim gestrigen Bundesligaspiel ein Publikum in seiner Heimat: "Justice for George" lautete sie: "Gerechtigkeit für George". Für George Floyd, der vor einer Woche bei einem Polizeieinsatz ums Leben gekommen ist, was von Passanten auf Video festgehalten worden war: "I can’t breathe."

Die Smartphone-Aufnahmen zeigten einmal mehr, mit welcher Brutalität Ordnungshüter in den USA oft gegen unbewaffnete Afro-Amerikaner vorgehen. Der dunkelhäutige Mittelfeldspieler McKennie erklärte seine Aktion nach dem Spiel gegen Werder Bremen auf Twitter so: "Wir müssen für das eintreten, woran wir glauben. Und ich glaube, es ist Zeit, dass wir gehört werden."

LeBron James erinnert an Aktion von Colin Kaepernick

Er war nicht der erste Sportler, der sich äußerte. Basketballer LeBron James demonstrierte vor ein paar Tagen bereits mit einer einzigen Wortmeldung auf Instagram, dass es einen ganz besonderen Kontext gibt. Den zum Sport. Er nahm das Foto des Polizisten, der auf der Straße kniet und mit seinem Bein den Hals des wehrlosen George Floyd abquetscht. Und stellte das Bild des knienden Football-Quarterbacks Colin Kaepernick daneben, der vor drei Jahren während der Hymnenzeremonien vor den Spielen gegen exakt solche Übergriffe der Polizei protestiert hatte und von der NFL dafür geächtet wurde.

Kaepernick selbst hatte das brutale Verhalten, das so gut wie nie geahndet wird, 2018 bei einer Ehrung von Amnesty International als "gesetzlich erlaubtes Lynchen" bezeichnet. Als Teil eines Unterdrückungssystems, das in seinen Worten "auf die Entmenschlichung dunkelhäutiger Amerikaner" abziele.

Adidas bekundet Sympathie für Werbespot von Nike

Die Sportausrüsterfirma Nike hatte den arbeitslosen Football-Profi vor zwei Jahren unter Vertrag genommen und sein Anliegen für eine Werbekampagne genutzt. In dieser Woche legte das Unternehmen nach. Mit einem kurzen Werbespot – bestehend nur aus Text, weiß auf schwarzem Untergrund, und sanfter Musik. Das Video sorgte für eine überraschende Reaktion. Adidas, Nikes größter Konkurrent auf dem Weltmarkt, demonstrierte auf Twitter offene Sympathie: "Zusammen kommen wir weiter", lautete der Kommentar: "Zusammen erreichen wir Veränderungen." Die Klickzahlen sind übrigens beachtlich: Das Video kam binnen eines Tages auf mehr als drei Millionen Zuschauer.

Athleten, vor allem jüngere, die hohe Anhängerzahlen in sozialen Medien haben, nutzen ihre Plattformen bis dato eher selten für politische Stellungnahmen. Angst vor heftigen und hässlichen Gegenreaktionen bremst viele. Umso bemerkenswerter ist, wie die erst 16-jährige amerikanische Tennisspielerin Coco Gauff, zur Zeit auf Platz 52 der Weltrangliste, reagierte.

Und zwar zunächst mit einem kurzen Text auf Twitter. Mit unverstellter Betroffenheit: "Ich bin in Tränen aufgelöst. Ganz normale, unschuldige Menschen sterben aufgrund unserer Hautfarbe. Das muss aufhören." Dann drehte sie ein Selfie-Video, in dem sie mit einem stummen Blick in die Kamera schaut und im Text die provokative Frage stellt: "Bin ich die nächste?"

Basketballerin Satou Sabally thematisiert Rassismus

Dass der Athletennachwuchs die gesellschaftliche Diskriminierung von Minderheiten nicht länger als gegeben hinzunehmen bereit ist, vermittelte vor wenigen Wochen im Deutschlandfunk die deutsch-gambische Basketballerin Satou Sabally, die in den USA studiert und einen Profivertrag in der WNBA bekommen hat. Sie packt das Thema schon seit einer Weile offensiv in den sozialen Medien an:

"Ich denke, das ist sehr wichtig. Wenn ich darüber rede, sagen viele weiße Menschen: "Wirklich? Boah, das kann doch nicht sein." Oder: "Boah. Das kann doch wirklich nicht so schlimm sein." Aber es ist so schlimm. Viele Menschen sehen es nicht, weil es sie selbst nicht betrifft, dass Rassismus immer noch eine Sache ist."

Die Basketball-Spielerin Satou Sabally spielte bislang für die Oregon Ducks. (imago images / Icon SMI) (imago images / Icon SMI)Basketballerin Satou Sabally - "Deutschland kann eine Talentschmiede sein"
Satou Sabally hat es geschafft: Die 22-jährige Basketballerin spielt künftig in der amerikanischen Frauen-Profiliga für die Dallas Wings. In Deutschland gebe es viele Talente, sagte Satou Sabally im Dlf. Es sei an der Zeit, dass der Deutsche Basketball-Verband nicht nur die Männer prioritär behandle.

Auch in dieser Woche war sie aktiv und meldete sich vor ein paar Stunden erneut zu Wort: "Ich will mich überall auf der Welt in weißen Vierteln sicher fühlen. Ich denke an die Männer in meiner Familie, meine Freunde und jeden anderen schwarzen Menschen."

Soziologe: Sportler haben eine wichtige Botschaft

Der Soziologie-Professor Harry Edwards, der im Hintergrund der Protestaktion der Olympioniken John Carlos und Tommie Smith 1968 in Mexico City als Berater wirkte, findet die Politisierung schwarzer Athleten von heute bemerkenswert. Als Experte der Verhältnisse in den USA hat seine Stimme auch heute noch Gewicht. So sagte er in dieser Woche in einem Interview mit dem kanadischen Fernsehsender Sportsnet:

"Diese Generation folgt den Spuren der Geschichte. Wir können von Glück sagen, dass Leute wie Carmelo Anthony, LeBron James, Dwyane Wade and andere großartige Athleten wie Colin Kaepernick, Eric Reid und Marco Jenkins, ihre Karriere riskieren und in manchen Fällen ihr Leben, weil sie ein wichtige Botschaft haben: Wir sind besser als all das."

Es sind nicht länger nur einzelne Stimmen, die sich Gehör verschaffen. Allmählich entsteht so etwas wie eine Bewegung.

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