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StartseiteSport am WochenendeRechnen und planen in sportarmen Zeiten05.04.2020

Sportvereine in der CoronakriseRechnen und planen in sportarmen Zeiten

Serie: "Motiviert bleiben - Wie Sportvereine mit der Coronakrise umgehen"

Von der Coronakrise sind sowohl die kleinen Dorfvereine als auch die Großvereine in den Städten betroffen. Die Verantwortlichen des Eimsbütteler TV in Hamburg und des SV Grün-Weiß Todenbüttel müssen sich nun einiges einfallen lassen, um die wirtschaftliche Durststrecke zu überstehen.

Von Andrea Schültke

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Das Vereinshaus in Todenbüttel (privat)
Beim SV Grün-Weiß Todenbüttel in Norddeutschland liegt in der Coronakrise vieles brach. (privat)
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"Es ist im Moment einfach sehr schwierig, die Motivation aufrecht zu erhalten, denn wir arbeiten gerne für den Sport. Aber Sport findet im Moment nicht statt, und wir können das, wofür wir da sind, unsere Existenzberechtigung sozusagen, im Moment nicht beweisen."

Frank Fechner führt hauptamtlich einen der größten Sportvereine in Deutschland, den Eimsbütteler TV in Hamburg mit 16.000 Mitgliedern. 

Sport nur online

Für die Mitglieder hat Fechner mit seinem Team ein exklusives Online-Kursangebot auf die Beine gestellt. Damit will der Verein die Beitragszahlenden bei der Stange halten. 

Auch eine Autostunde weiter nördlich, in Todenbüttel mit seinen 1070 Einwohnern, sorgt das Internet für ein wenig Bewegung in dieser sportarmen Zeit. Der Dorfverein SV Grün-Weiß Todenbüttel bietet seinen 600 Mitgliedern seinen Zumbakurs online an. Per Video-Konferenzschaltung sind zwischen 20 und 25 Teilnehmende live im eigenen Wohnzimmer dabei.

Ansonsten liegt alles brach. Auch das Grün-Weiß-Großprojekt: Das Vereinsheim bekommt einen neuen Anbau: "Der beinhaltet eine Sauna, einen Fitnessbereich und einen Kursraum und wir sind da kurz vor Abschluss, können das aber nicht final beenden und sind dann natürlich trotzdem verpflichtet, Darlehen und ähnliches zu bedienen", erläutert Stephan Heuck, ehrenamtlicher 1. Vorsitzender. Der Verein habe einen Teil des Baus durch aktive Eigenleistung gestemmt: 200 Mitglieder haben bereits 8000 Arbeitsstunden auf der Baustelle geleistet.  

Bauprojekte beeinträchtigt

Das Kontaktverbot hat die ehrenamtlich Helfenden jetzt zum Stillstand gebracht und die Baustelle nahezu auch. 

Auch beim Eimsbütteler TV im Hamburg läuft ein Bau-Großprojekt aktuell nicht reibungslos: Das Sportzentrum Hoheluft - ein fünfstöckiges Gebäude mit Turn- und Sporthallen, Büroräumen einem Bewegungskindergarten, Saunalandschaft und Gastronomiebereich. Eigenleistung der Mitglieder wie in Todenbüttel ist hier kein Thema. Aber auch beim ETV-Neubau gibt es laut Vorstand Frank Fechner Corona-bedingte Auswirkungen: "Es gibt polnische Subunternehmer, die im Moment ihre Arbeiter nicht auf die Baustelle bringen können, weil die in Quarantäne sind oder nicht ins Land gelassen oder nicht rausgelassen werden. Das Szenario wirkt sich im Zweifel eben so aus, dass die Fertigstellung verzögert wird." Die Finanzierung des 16-Millionen-Projekts sei gesichert, so Frank Fechner.

Frank Fechner vom Eimsbütteler TV in Hamburg  (privat)Frank Fechner, Vorsitzender des Eimsbütteler TV in Hamburg (privat)

Finanzierung gesichert

Auch für den Anbau am Vereinsheim des SV Grün-Weiß Todenbüttel sieht Stephan Heuck die Finanzen geregelt. Die dörflichen Strukturen seien hier ein Vorteil, so der 1. Vorsitzende. 

"Ja, wir sind in der glücklichen Lage, dass wir hier auf dem Land vielleicht etwas familiärer aufgestellt sind, als es anderswo vielleicht der Fall ist. Und von daher habe ich Kontakte, die relativ regelmäßig auch zu unserer Gemeindevertretung wie auch zu unserer örtlichen Bank vorhanden sind, die uns mit entsprechenden Lösungen und Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, auch entsprechend Hilfe leisten." 

Die ist nötig, denn der SV Todenbüttel verwaltet und bewirtschaftet die vereinseigene Sportanlage in Eigenregie. Die Einnahmen der Gastronomie decken normalerweise die laufenden Kosten. Das fällt jetzt weg. 

Feiern verschieben

Auch ein anderes ganz besonderes Großereignis des Dorfvereins in Schleswig-Holstein kann nicht stattfinden wie geplant: Das 100-jährige Vereinsjubiläum - mit Feierlichkeiten über das ganze Jahr verteilt: "Wir hatten die Möglichkeit, Anfang des Jahres im Januar noch unsere erste offizielle Feier zu absolvieren. Aber es ist schon ein zum Teil ein bisschen bedrückendes Gefühl, dass man die Arbeit, die man schon investiert hat, sehr wahrscheinlich nicht komplett so an den Tag legen kann, um das Jubiläum so zu feiern, wie es eigentlich würdevoll für hundert Jahre angedacht ist."

Stephan Heuck, ehrenamtlicher 1. Vorsitzender des SV Grün-Weiß Todenbüttel  (privat)Stephan Heuck, ehrenamtlicher 1. Vorsitzender des SV Grün-Weiß Todenbüttel (privat)

Ein Teil der Feiern könnte ins nächste Jahr verlegt werden, so die Überlegung. Dass dann viele Mitglieder ausgetreten sein könnten, glaubt Stephan Heuck nach momentaner Beobachtung nicht. Das liegt - vermutet er - unter anderem am Beitrag, der auf dem Dorf möglicherweise niedriger sei, als in der Stadt. Dass die Mitglieder dem Dorfverein treu bleiben hat wohl auch mit der Atmosphäre dort zu tun, die Stephan Heuck als "häuslich" umschreibt. 

Solidarisch sein

In der Großstadt Hamburg appelliert Frank Fechner an die 16.000 Mitglieder seines ETV, weiterhin Beiträge zu zahlen – auch um Arbeitsplätze zu sichern: 

"Solange die Mitglieder solidarisch mit dem Verein sind, können wir solidarisch mit unseren Trainern und Übungsleitern und mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sein. Das eine bedingt das andere."

Auf die Solidarität sind wohl alle 90.000 Vereine im Deutschland derzeit angewiesen. Ganz gleich ob kleiner Dorfverein oder mitgliederstarker Großstadtclub. Frank Fechner nennt als positives Beispiel das Engagement seiner Mitarbeitenden, um das Online-Angebot auf die Beine zu stellen oder auch die Hilfsdienste für ältere Vereinsmitglieder.

Traurige Leere

Dennoch treiben den Vorstand des Großvereins Gefühle um, die viele in ihren Vereinen ähnlich erleben:

"In gewisser Weise ist das im Moment hier auch eine traurige Situation und ein bisschen frustrierend. Denn ich sitze hier in einem Haus mit 7.000 Quadratmeter Sportfläche, und hier findet nichts statt - das ist schon traurig."

Alles fehlt, bestätigt Stephan Heuck aus Todenbüttel. Er hat aber auch beobachtet, dass "der Wille vorrangig da ist, das Ganze wieder beleben zu dürfen und zu können."

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