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StartseiteForschung aktuellWie weit ist die Entwicklung schmerzfreier Injektionsnadeln?02.08.2016

Spritzen ohne PieksWie weit ist die Entwicklung schmerzfreier Injektionsnadeln?

Bei vielen Menschen ist die Furcht vor Spritzen groß. US-Forscher äußerten deshalb bereits vor einigen Jahren eine interessante Idee: Manche Impfstoffe und Medikamente könnte man doch mit einem speziellen Pflaster in den Körper injizieren statt mit einer Nadel. Doch was ist aus diesem Konzept geworden?

Von Frank Grotelüschen

Eine Spritze sticht in einen Arm (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Eine herkömmliche Impfung per Spritze. Die Idee der US-Forscher: ein Pflaster mit unzähligen (schmerzfreien) Mikronadeln über die der Wirkstoff abgegeben wird. (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

"So, das kann jetzt etwas pieksen..."

Eine typische Szene im Behandlungszimmer: Die Ärztin hat zur Spritze gegriffen und setzt nun die Nadel an. Den wenigsten Patienten bereitet das Freude – weshalb Forscher nun schon seit Jahren nach einer Alternative suchen.

"Ein Medikament per Spritze zu verabreichen, benötigt Übung und Sachkenntnis. Und dem Patienten kann das natürlich weh tun. Mit unseren Mikronadeln wollen wir die Verabreichung von Medikamenten viel einfacher machen."

Sebastien Henry forscht am Georgia Institute of Technology in Atlanta. Sein Team zählt zu den führenden Gruppen bei der Entwicklung von pieksfreien Impftechniken. 2008 stellten die Forscher ihre Idee vor: Statt den Wirkstoff durch eine einzige große Nadel zu injizieren, wird er durch Dutzende winziger Mikronadeln verabreicht, jede von ihnen nur einige Mikrometer dünn und höchstens einen Millimeter lang, mit bloßem Auge also kaum zu erkennen.

Pflaster mit Mikronadeln

"Stellen Sie sich das vor wie ein Pflaster, auf dem ein Areal aus mehreren Dutzend Mikronadeln aufgebracht ist. Jede Nadel enthält das Medikament, mit dem Sie behandeln oder impfen wollen. Dieses Pflaster klebt man einfach auf den Körper auf. Und dabei dringen die Mikronadeln ein bisschen in die Haut ein."

Das millimetertiefe Eindringen genügt, denn die schützende oberste Hautschicht ist lediglich mikroskopisch dünn – dünner noch als ein menschliches Haar. Und da die Nadeln so fein und kurz sind, treffen sie die Schmerzellen kaum. Die Prozedur tut, wenn überhaupt, nur leicht weh.

"Die Nadeln bestehen aus einem speziellen körperverträglichen Kunststoff, der sich dann in der Haut auflöst und den Wirkstoff freigibt. Später kann man das Pflaster dann einfach wieder abziehen und wegschmeißen."

Jahrelang entwickelten Henry und seine Kollegen die Technologie weiter und testeten sie in diversen Tierversuchen. Die verliefen immerhin so erfolgreich, dass 2015 die erste klinische Studie mit menschlichen Probanden folgte: 100 Freiwillige wurden in verschiede Gruppen aufgeteilt: Die einen bekamen ein Impfpflaster aufgeklebt mit einem Wirkstoff, der vor Grippe schützen sollte. Andere erhielten ein Placebo-Pflaster ohne Mikronadeln. Und wieder anderen verpasste man die Grippeimpfung per Spritze.

"Die vorläufigen Resultate sind hervorragend. Sie zeigen, dass die Impfung per Pflaster genauso gut oder vielleicht sogar besser funktioniert als mit einer Spritze. Die Antwort des Immunsystems war mindestens genauso gut. Das stimmt uns sehr optimistisch."

Eine der Herausforderungen: die Massenfertigung der Pflaster

Damit scheinen die Experten aus Georgia ein gutes Stück weiter zu sein als andere Forschergruppen. Eine Gruppe aus Wien hat eine ganz ähnliche Entwicklung inzwischen sogar aufgegeben. Bei ihrem Patent hatten klinische Tests gezeigt, dass offenbar zu wenig Wirkstoff in den Körper gelangt war. Dagegen wollen Sebastien Henry und seine Kollegen nach ihrer erfolgreichen Nagelprobe nun weitermachen. Doch bevor ihr Impfpflaster zugelassen werden kann, muss es noch eine entscheidende Hürde nehmen – eine klinische Studie an rund 1.000 Patienten, die die Wirksamkeit des Impfpflasters belegt. So eine Studie aber ist teuer. Also haben die Forscher eine Firma gegründet, die nach Partnern sucht, um die Studie zu finanzieren und die Technik in den nächsten Jahren zur Marktreife zu entwickeln. Eine der Herausforderungen: die Massenfertigung der Pflaster. Sollten diese Hürden genommen werden, wäre das Impfpflaster vor allem auch für Entwicklungsländer interessant, meint Henry.

"Dort ist es oft schwierig, Impfkampagnen zu organisieren. Dafür braucht man einiges an ausgebildetem Personal. Dagegen sind unsere Pflaster in der Handhabung so einfach, dass jeder sie sich selbst aufkleben kann. Außerdem benötigt man für die üblichen Impfstoffe oft eine geschlossene Kühlkette, der Wirkstoff muss immer kühl lagern. Das ist bei den Impfpflastern überflüssig. Hier ist der Wirkstoff so in die Mikronadeln eingebaut, das er sich auch bei hohen Temperaturen über viele Monate hält."

Manche Hilfsorganisationen würden sich bereits für die Technik interessieren, sagt Henry. Aber auch regelmäßig zu verabreichende Medikamente etwa gegen Diabetes und Osteoporose ließen sich per Pflaster einfacher und angenehmer geben. Ein Allzweckmittel aber sind die Mikronadeln nicht, denn:

"In den Mikronadeln lassen sich nur relativ geringe Mengen an Wirkstoff einlagern. Dadurch ist die Dosis, die man in einem Pflaster unterbringen kann, relativ beschränkt. Ein paar Milligramm sind möglich. Muss man einige Dutzend Milligramm verabreichen, ist das mit dem Pflaster nicht mehr praktikabel."

Und deshalb wird es auch in Zukunft in unseren Arztpraxen immer mal wieder heißen:

"So, das kann jetzt etwas pieksen..."

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