Sonntag, 21.04.2019
 
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Stadtplanung oder SelbstorganisationLernen von den Slums

Immer mehr Menschen zieht es in die Städte. Das gilt weltweit und führt in vielen Regionen zu einem nicht geplanten Wachstum an der Peripherie der Metropolen. So entsteht eine spontane Randbebauung von Barrios, Favelas und Townships, die die traditionellen Stadtkerne umschließt.

Von Barbara Weber

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Vier Personen sitzen auf Matrazen auf dem Boden in einem Rohbau und schauen Fernsehen (Iwan Baan)
Der Wolkenkratzer Torre David in Caracas stand zehn Jahre lang leer - dann wurde er von 3.500 Menschen besetzt. Inzwischen ist das Gebäude zerstört. (Iwan Baan)
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"Der Name ist immer verschieden, der Ausdruck der Siedlungen ist ebenfalls verschieden. Das hat mit den billigsten zur Verfügung stehenden Baumaterialien zu tun. Was wir aber gemeinsam haben ist eigentlich die Initiative, der Aktionismus, ist das, dass Menschen, die in so einer Situation leben, eigentlich ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben."

So Hubert Klumpner, Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich, der gemeinsam mit seinem Kollegen Alfredo Brillembourg zu diesen sogenannten informellen Siedlungen forscht. Informell deshalb, weil dieser Bebauung keine Planung vorangegangen ist, die Hütten oder Häuser selten auf gekauften Grundstücken errichtet werden und häufig über keinen offiziellen Wasser- oder Stromanschluss verfügen. 

Kosten sparen durch informelles Bauen

Ein Beispiel für das informelle Bauen zeigt eine Ausstellung in der Kölner Galerie Boisserée. Hier wird ab kommende Woche bis zum 4. Mai der Kolumbianer Mauricio Salcedo seine Skulpturen vorstellen. Ihn besuchte ich mit der geborenen Chilenin und Mathematikerin Eloisa Castanon, die bei der Übersetzung half, in seinem Kölner Atelier. Der Künstler steht vor einer seiner Skulpturen, ein Architekturmodell, das  aussieht wie eine Bienenwabe, als wären mehrere Miniaturräume einfach übereinander und nebeneinander verschachtelt.

Mauricio Salcedo und Eloisa Castanon vor einer Skulptur (Barbara Weber)Mauricio Salcedo und Eloisa Castanon vor einer Skulptur (Barbara Weber)

So oder so ähnlich sieht auch das Haus aus, indem er aufgewachsen ist. Er erzählt, dass sein Großvater Bauer war, als er vor über 50 Jahren an den Rand von Bogotà zog. Obwohl er keinen Schulabschluss hatte, konnte er damals Polizist werden:

"Wie bei den meisten Familien, die vom Land in die Stadt kommen, baute er zuerst nur einen Raum, wo der Opa mit der Oma und dem Vater von Mauricio zusammen gelebt haben."

Übersetzt Eloisa Castanon:

"Danach wurde dann weitergebaut. Es ist nicht so ein Projekt, was feststeht, da steht nirgendwo, das wird so am Ende aussehen. Da wird immer nacheinander geschaut, wie man das so weitermacht - also nach Bedarf, wird gebaut."

"Genauso ist es."

Sagt Mauricio Salcedo:

"Je nachdem, wie viele Leute da leben, wenn die Familie dann größer wird, dann wird noch größer gebaut, und das ist nicht ungewöhnlich, dass dann mehrere Familien in so einem Haus wohnen."

Er ergänzt:

"Das erste ist das Bauen mit Ziegelsteinen, weil man die man überall in Kolumbien findet. Das andere ist: Du baust was auf dem Grundstück, und dann, normalerweise das, was oben steht, ragt dann noch bis zu zwei Metern ein bisschen Richtung Straße, das heißt, du nimmst ein bisschen Platz, der nicht unbedingt dir gehört. Aber die Ziegelsteine sind ganz typisch, das ist genau so, wie man in Bogotà dann wirklich baut, und so sieht das dann auch aus, die Fassade von den Häusern."

Also das Prinzip ist: Man kauft ein kleines Grundstück, setzt da drauf einen Raum, dann baut man bei Bedarf die erste Etage, die dann wieder ein bisschen größer ist und herausragt über den ersten Raum, dann kommt die zweite Etage, die ragt wieder ein bisschen raus über die erste Etage. Ja und irgendwann kracht das zusammen – oder wie?

"Ja, das kann in der Tat passieren, weil man will diese Räumlichkeiten so optimieren, und das kann passieren, dass das alles zusammenbricht."

Wird das nur von der Mittelschicht so gebaut oder auch von den Armen?

"Ja."

Fasst Eloisa Castanon die Antwort zusammen:

"Das wird auch gemacht, dass die Leute, die weniger Geld haben, auch so bauen können."

Mauricio Salcedo betont, dass seine Familie zur Mittelschicht gehört. Sein Vater habe schließlich Betriebswirtschaft studiert, dann als Taxifahrer gearbeitet, in einem Nachbarviertel eine Billardkneipe betrieben, eine kleine Schneiderei für Trikotwaren – die aufgrund der chinesischen Konkurrenz Pleite gegangen ist und fährt jetzt wieder Taxi. Irgendwas findet er immer, um Geld zu verdienen. Das Prinzip, mit vor Ort üblichen günstigen Rohstoffen Hütten oder kleine Häuser zu entwickeln, nutzt auch Prof. Hubert Klumpner: Die simplen, zweigeschossigen Häuser für die Townships in Südafrika bestehen aus Holz, Plastik, Betonstein und Wellblech. Diese "Rohlinge", wie er sie nennt, verfügen über WC und Wasseranschluss und kosten zwischen 5.000 bis 9.300 Euro. Der Clou ist das zweite Stockwerk, das den Bewohnern ermöglicht, im Erdgeschoss einen kleinen Laden zu betreiben oder das obere Zimmer zu vermieten.

Torre David – bis 2014 die größte Hausbesetzung weltweit

Wie erfinderisch Menschen mit der Wohnungsnot in der Millionenstadt Caracas in Venezuela umgegangen sind, zeigt ein Forschungsprojekt, das Hubert Klumpner gemeinsam mit seinem Kollegen Alfredo Brillembourg durchgeführt hat:

"Torre David ist eigentlich eine Besetzung. Das ist jetzt kein Slum, sondern das ist die – wie wir das genannt haben - die größte Hausbesetzung der Welt. Es handelt sich dabei um einen Turm, der als Bankhauptquartier geplant wurde. Es gab dann eine wirtschaftliche Krise, die Bank ging in Konkurs und der halbfertig gebaute Turm fiel an die Regierung. Man ließ ihn dann zehn Jahre lang leer stehen bis er von 3.500 Menschen besetzt wurde, also ein Wolkenkratzer wie irgendwo in Frankfurt im Bankenzentrum, wo es einen unfertigen Turm gibt, der plötzlich besetzt wird, und diese Besetzung hat dazu geführt, dass dieser Turm einerseits natürlich als Sonderfall betrachtet wurde, andererseits aber auch zu einem Labor wurde, wie ein Gebäude funktionieren kann, das über keinerlei Infrastruktur verfügt. Ein Wolkenkratzer, den wir aus Europa kennen, hat eine Fassade, einen Lift, Klimaanlagen, Strom und Wasserversorgung. Das alles hat dieser Turm nicht, und all diese Aufgaben von Infrastruktur werden dort von Menschen erfüllt."

Eine Person sitzt telefonierend auf einer Mauer vor dem Torre David (Iwan Baan)Das Leben im Torre David: ein Beispiel für selbstorganisiertes informelles Wohnen (Iwan Baan)

Was konkret haben Sie im Torre David gemacht, der ja inzwischen auch zerstört ist durch das Erdbeben, die Bevölkerung wurde ja vorher schon umgesiedelt, fast muss man sagen, zum Glück, sonst wäre es wahrscheinlich noch zu Todesfällen gekommen, aber was war konkret Ihre Arbeit vor Ort?

"Wir haben das beobachtet über anderthalb Jahre, wie Menschen sich dort eigentlich heimisch machen, wie sie sich versorgen, wie sie die ganze Gegend rund um diesen Turm in dieses Versorgungskonzept einbeziehen, wie sie den Turm baulich verändern, und was sich eigentlich davon ableiten lässt und wie man auch seine Schlüsse daraus ziehen kann und seine Einsichten in irgendeiner Weise übertragbar macht auf andere Objekte, von denen wir eigentlich glauben, dass sie fertiggestellt werden können oder anscheinend nicht nutzbar sind, und das haben wir in diesem Labor dort entdeckt und dokumentiert."

Stadtplanung versus Selbstorganisation

Und noch etwas hat die Arbeit zu informellen Siedlungen wie den Torre David gebracht: Erkenntnisse, was "formeller Urbanismus", also gezielte Stadtplanung, von informeller Besiedlung lernen kann:  

"Sie müssen sich vorstellen, dass wir eigentlich immer informell beginnen. Unser formelles Regelwerk ist eigentlich die Übersetzung informeller Praktiken. Wenn wir uns das Leben in den Städten ansehen, dann ist das, was wir in Manhattan in Soho als Galerienviertel kennenlernen können, das war eigentlich ein Bruch der Vorschriften.

Straßenkreuzung im New Yorker Stadtteil Soho (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)Straßenkreuzung im New Yorker Stadtteil Soho (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)

Soho war früher eine Zone mit Lagerhäusern, wo irgendjemand mal begonnen hat, Kunstausstellungen zu installieren, und das wurde im nach hinein legalisiert und formalisiert. Und das bedeutet, dass nicht Stadtplaner gesagt haben, wir machen dort jetzt einen Art-Distrikt, sondern die Kunst hat die Stadt verändert, nicht die Stadt die Kunst. Und ich glaube, das sollten wir uns vor Augen halten: Unsere restriktive Stadtplanung gegenüber dem, was eigentlich die Stadtkultur ausmacht, muss ständig neu verhandelt werden, und das erfordert auch einen großen Grad an Sensibilität und es produziert im Idealfall Stadtviertel, die in einer gewissen Selbstverständlichkeit von ihren Bewohnern nicht nur benutzt sondern auch belebt werden, und wenn das funktioniert, dann haben Sie erfolgreiche Städte. Das ist sehr stark atmosphärisch. Das hat auch mit einem Imaginarium zu tun, das sofort in die Realität, in die gebaute Realität übersetzt wird, und dieses selbstbestimmte Stadtleben produziert die städtische Kultur. Und das stimmt in Rio de Janeiro genauso wie in Berlin Frankfurt oder in Köln."

Inwiefern sehen Sie Innovationen für unser Stadtbild direkt aus den Slums. Gibt’s die?

"Naja, das kann man natürlich nicht übersetzen, die Stadtviertel, die wir uns anschauen, in Südamerika zum Beispiel, das ist ein Wachstum in eine Größenordnung und in einer Dimension, die wahrscheinlich keine Präzedenzfälle kennt. Wenn man das historisch betrachtet sind alle Städte, die wir jetzt kennen, die über 500 Jahre oder länger existiert haben, haben sich in irgendeiner Weise aus "informellen Siedlungen" entwickelt. Deswegen sagen wir auch: Informelles Formalisieren und formelles In-Formalisieren. Also wir sollten uns etwas lockerer gegenüber unserer gebauten Umwelt verhalten und uns eigentlich nicht durch unsere selbsterstellten Regelwerke daran hindern lassen, das zu tun, was uns interessant und richtig vorkommt. Wir brauchen eigentlich einen größeren Spielraum in dieser Interpretation, und das ist auch genau das, was intelligente Entwickler, Architekten, Stadtplaner, Politiker immer wieder einsetzen, und ich glaube, dass wir da noch viel intelligenter werden müssen und verstehen müssen, was eigentlich die Ingredienzien sind, um erfolgreiche Städte zu bauen, weil wir über die letzten Generationen eigentlich ein Riesenproblem, eine große Hypothek für unsere Städte bauen, und das sind Stadtviertel, die gegenüber den historischen Städten immer uninteressanter werden. Und da ist eine große Gefahr. Wir müssen heute mit unserem Wissen lebendige Quartiere produzieren, die auch noch in zehn, zwanzig oder hundert Jahren überlebensfähig sind und ihre Qualität bewahren."

Warum ist es für uns so wichtig, Stadt- und Stadtplanung neu zu denken, Stichwort Demokratie?

"Na gut, die Stadt und die Stadtplanung ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Goethe hat mal gesagt: Architektur ist gefrorene Musik. Ich sag gerne: Die Stadt, der Urbanismus ist gefrorene Politik und genau wie die und unsere Demokratien ständig, täglich immer neu verhandelt werden müssen, muss das auch die Stadt tun. Ansonsten werden sie in Museen leben, das wäre der eine Fall, auch das gibt’s, das funktioniert auch nicht, das haben wir gemerkt, oder wir leben in einem gebauten Umfeld, das einem Zweck dient, mit dem wir uns nicht mehr identifizieren. Und das braucht auch eine stärkere Beteiligung, eine Stadt ist eine Produktion von Werten, nicht der Konsum von Werten, und das verwechseln wir leider heute oft."

Soweit Hubert Klumpner, Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich und gemeinsam mit Alfredo Brillembourg Herausgeber des 2018 in 5.Auflage erschienen Buches: "Torre David – Informal Vertical Communities", erschienen im Lars Müller Verlag, Zürich

Die Skulpturen von Mauricio Salcedo sind in der Ausstellung "Surrounding Periphery" in der Kölner Galerie Boisserée vom 27. März bis zum 4. Mai zu sehen.

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