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Städel Museum Die älteste Museumsstiftung Deutschlands

Mit einer überaus großzügigen Geste machte sich der Frankfurter Johann Friedrich Städel vor genau 200 Jahren zum Namensgeber einer Bürgerstiftung, aus der das renommierte Städel Museum und die Frankfurter Kunstakademie, die Städel-Schule, hervorgingen. Diese revolutionäre Idee bürgerlichen Mäzenatentums bestimmt das Städel Museum noch heute.

Von Rudolf Schmitz | 15.03.2015

Max Hollein, Direktor des Städelmuseums, schaut am 20.02.2008 während einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main in die Runde.
Das Städel Museum bekommt wenig Fördergelder, aber gerade das zeichnet für Direktor Max Hollein eine einzigartige Erfolgsgeschichte. (dpa picture alliance / Arne Dedert)
"Mehrere Zimmer sind mit ausgesuchten Gemälden aller Schulen geschmückt, in vielen Schränken sind Handzeichnungen und Kupferstiche aufbewahrt, deren unübersehbare Anzahl, so wie ihr unschätzbarer Wert den öfters wiederkehrenden Kunstfreund in Erstaunen versetzt."
So schreibt Johann Wolfgang von Goethe über die Kunstsammlung des Frankfurter Kaufmanns und Bankiers Johann Friedrich Städel. Er hatte ihn mehrere Male in seinem Wohnhaus am Frankfurter Rossmarkt besucht. Am 15. März 1815 bestimmte der kinderlose und unverheiratete Johann Friedrich Städel in seinem Testament, dass seine Kunst und sein Vermögen von 1,3 Millionen Gulden an eine Stiftung fallen solle. Das "Städelsche Kunstinstitut" war als Schausammlung und Kunstschule geplant, das daraus entstandene Städel Museum gilt als die älteste Museumsstiftung Deutschlands. Damals war dieses Vermächtnis eine einzigartige Pioniertat, die großes Erstaunen auslöste.
"Städel war sicherlich der Erste, der in dieser Größenordnung sein Vermögen und seine Sammlung für die Bürgerschaft gegeben hat. Das Ganze war natürlich geprägt aus einem Gesichtspunkt der Aufklärung, die Idee natürlich, dass Kultur, Kunst zu der Gesamtbildung eines Menschen, zur Menschlichkeit dazugehört."
Eine einzigartige Pioniertat
Diese Idee der kulturellen Bürgerstiftung ist für Max Hollein, den Direktor des Frankfurter Städel Museums, ein großes Erbe. An sie hat er immer wieder erinnert, um die Entwicklung und Erweiterung dieses Museums voranzutreiben.
"Ich glaube, das Besondere des Städels ist sicherlich, dass es ein Museum von Bürgern für Bürger ist. Ein Drittel der Werke im Haus sind Schenkungen, insofern baut dieses ganze Museum seine Sammlung, aber natürlich auch sein Fortleben auf dem bürgerschaftlichen Engagement, auf dem Mäzenatentum vieler auf. Und ich glaub, dass diese Idee, dass es nicht ein Museum ist, sondern dass es unser Museum ist, dass man Mitverantwortung für dieses Museum übernimmt – das ist besonders wichtig."
Als Johann Friedrich Städel im Dezember 1816 starb, hinterließ er rund 500 Gemälde - vorwiegend Holländer und Flamen des 17. Jahrhunderts -, etwa 4.600 Handzeichnungen und rund 10.000 Druckgrafiken. Da er testamentarisch die Erlaubnis erteilt hatte, weniger Gutes zugunsten von Besserem zu verkaufen, ist nur noch ein Bruchteil davon erhalten. Städel selbst hatte enzyklopädisch gesammelt, um einen Überblick über die Kunstgeschichte zu gewinnen."
"Er hat versucht, in guter kaufmännischer Weise, für möglichst überschaubares Geld möglichst hohen Gegenwert zu bekommen. Und das war dann oft in den Bereichen Zeichnung und Druckgrafik sehr gut möglich, während es bei den Gemälden eher schwierig war."
195 Bullaugen aus bruchsicherem Spezialglas wölben sich hinter des "alten" Städel über der Halle des neuen Erweiterungsbaus am Dienstag (14.02.2012). Durch die Bullaugen fällt Licht in die unterirdischen Ausstellungsräume, die in der kommenden Woche eröffnet werden. Jährlich ziehen die Kunstwerke des Städel mehrere hunderttausend Besucher an. Der unterirdische Erweiterungsbau soll auch architektonisch neue Akzente setzen.
195 Bullaugen aus bruchsicherem Spezialglas wölben sich hinter dem "alten" Städel über der Halle des neuen Erweiterungsbaus. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Martin Sonnabend, Kurator des Graphischen Kabinetts, hat sich schon oft gefragt, wie man sich Johann Friedrich Städel, diesen großen Unbekannten, vorstellen soll. Es existiert eine anonyme Handzeichnung des Stifters, nach der Johann Nepomuk Zwerger 1828 eine Büste anfertigte. Sie steht im Foyer des Städel Museums und empfängt die Besucher.
"Das ist ein strenger, nüchterner Mann, der gleichwohl mit einer Intelligenz und Sympathie hinausschaut ins Leben. Man hat ein angenehmes Gefühl vor dieser Büste, man merkt aber auch, dass das jemand ist, der sehr genau überlegt, was er tut und was er nicht tut."
Heute bietet des Städel Museum, das ab 1833 zunächst in einem Palais der Innenstadt residierte, dann ab 1878 seinen heutigen Ort in einem Museumsneubau am Sachsenhäuser Ufer fand, einen Überblick über 700 Jahre europäische Kunstgeschichte. 2012 bekam es den lang gewünschten Erweiterungsbau für die Kunst der Gegenwart. Ein Großteil der Kosten wurde durch mäzenatische Zuwendungen und Spenden der Frankfurter Bevölkerung bestritten. In den Augen seines Direktors Max Hollein verkörpert dieses Museum, das mehr als zwei Drittel seiner Gelder einwerben muss, eine einzigartige Erfolgsgeschichte.
"Heutzutage erweist sich die Idee der Bürgerstiftung, wo die Bürger auch Mitverantwortung für eine solche kulturelle Einrichtung und ihre Entwicklung übernehmen, als das fortschrittlichste Organisationsprinzip für eine kulturelle Einrichtung in der Zukunft."