Macht im All
Europas Suche nach dem Starlink-Ersatz

Starlink dominiert die schnelle Kommunikation aus dem All und ist für die Ukraine im Krieg unverzichtbar geworden. Doch Europas Abhängigkeit von Elon Musks System ist riskant. EU und Bundeswehr arbeiten daher an eigenen Satellitennetzen.

    Ein Modell eines Satelliten aus der Eutelsat-OneWeb-Konstellation auf einer Messe
    Europas bisher wichtigste bestehende Alternative zu Starlink, aber kein Ersatz: OneWeb des französischen Staellitenbetreibers Eutelsat (picture alliance / NurPhoto / Joan Cros)
    Tausende Starlink-Satelliten kreisen um die Erde. Damit stellt SpaceX, das US-Raumfahrtunternehmen von Elon Musk, einen Großteil der funktionierenden Satelliten im Orbit. Auch bei Raketenstarts ist das Unternehmen führend.
    Im Ukrainekrieg zeigt sich, welche Macht in dieser Infrastruktur steckt. Starlink versorgt die ukrainischen Streitkräfte mit Internet an der Front: für Kommunikation, Aufklärungsdaten und Drohneneinsätze. Für Kiew ist das System längst zu einer Art Lebensader geworden.
    Doch Europas Abhängigkeit von einem einzigen privaten US-Unternehmen ist heikel. In Europa und konkret auch in Deutschland wird deshalb an Alternativen gearbeitet.

    Inhalt

    Starlink: Vorsprung im All

    Elon Musks Unternehmen SpaceX hat nicht nur einzelne große Satelliten ins All gebracht, sondern eine riesige Konstellation aus vielen kleinen Satelliten im niedrigen Erdorbit aufgebaut, dem Low Earth Orbit (LEO). Dort kreisen sie nicht in 36.000 Kilometern Höhe wie klassische geostationäre Kommunikationssatelliten, sondern nur 550 Kilometer über der Erde. Im niedrigen Erdorbit braucht es zwar viele Satelliten für eine flächendeckende Versorgung, dafür ist die Datenübertragung deutlich schneller, nahezu in Echtzeit.
    In der Ukraine wurde das System extrem wichtig, nachdem Russland zu Beginn des Angriffs die ukrainischen Kommunikationsnetze ausgeschaltet hatte. Über Starlink konnten die ukrainischen Soldaten weiter miteinander kommunizieren, Aufklärungsdaten austauschen und moderne Drohnen einsetzen. Über Starlink läuft fast die gesamte Kommunikation der ukrainischen Streitkräfte. Starlink hält Verbindungen selbst aufrecht, wenn die bodengestützten Netzwerke schon längst ausgefallen oder durch Cyberangriffe gestört sind.
    Hinzu kommt die schiere Masse. Nach Einschätzung der Branche gibt es derzeit grob 11.000 bis 12.000 funktionierende Satelliten im Orbit, etwa 10.000 davon werden SpaceX zugerechnet. Und es werden noch mehr: Genehmigt sind bereits bis zu 15.000 Satelliten, langfristig strebt Elon Musk sogar 42.000 Systeme im All an.

    Europas riskante Abhängigkeit Europas

    Doch Starlink gilt nicht mehr als uneingeschränkt geopolitisch verlässlich. Denn die Satelliten gehören nicht einem Staat oder einem Bündnis, sondern SpaceX: einem privaten US-Raumfahrtunternehmen des Tech-Milliardärs und Donald-Trump-Vertrauten Elon Musk. Im Ukrainekrieg wurde bereits sichtbar, wie weit sein Einfluss reicht: Musk blockierte zwischenzeitlich die Nutzung des Systems, unter anderem in umkämpften Gebieten und bei bestimmten militärischen Operationen. Es stellt sich daher die Frage: Wie wäre das im Krisenfall in Europa?
    Laut der Weltraumsicherheitsexpertin Antje Nötzold von der Universität der Bundeswehr hat Musk durch die dominierende Stellung von Starlink auf dem Markt großen Einfluss gewonnen, „nicht nur auf das Kriegsgeschehen in der Ukraine, sondern generell auf den Weltraummarkt“, so Nötzold.
    Auch die Bundeswehr sei “nicht autark“. Um Drohnen steuern zu können, müsse auch Deutschland auf die LEO-Konstellationen zurückgreifen.
    Hinzu kommt ein weiteres Risiko: die Verwundbarkeit des Starlink-Systems. So sollen schon etliche Starlink-Terminals von russischen Einheiten gehackt, erbeutet oder anderweitig genutzt worden sein. Dadurch habe Russland zeitweise Vorteile im Drohnenkrieg gehabt.
    Starlink ist außerdem an das normale Internet angeschlossen. In einem Konflikt könnten laut Experten Gegner versuchen, Unterseekabel zu kappen, über die die weltweite Internetkommunikation läuft – mit dem Ziel, den Gegner “blind” zu machen. Das würde auch Starlink betreffen. Um solch ein Szenario zu verhindern, müsste ein Satellitennetz anders aufgebaut sein.

    OneWeb und IRIS²: Europäische Alternativen zu Starlink

    „Für Breitbandverbindungen gibt es aktuell im niedrigen Erdorbit überhaupt nur zwei Konstellationen, die fliegen: Starlink und uns“, sagt Joanna Darlington, Sprecherin des französischen Satellitenbetreibers Eutelsat. Mit „uns“ meint sie OneWeb: Europas bisher wichtigste bestehende Alternative zu Starlink.
    Ein Ersatz ist OneWeb aber nur bedingt. Die Konstellation umfasst rund 600 Satelliten und ist damit deutlich kleiner als Starlink.
    Starlink-Terminals sind außerdem vergleichsweise klein, mobil und schnell einsetzbar. OneWeb-Terminals sind dagegen größer und weniger handlich. Und SpaceX erweitert seine Konstellation in hohem Tempo, während die europäische Alternative deutlich kleiner bleibt. Über der Ukraine seien die verfügbaren OneWeb-Kapazitäten bereits vollständig verkauft, sagt Darlington. OneWeb ist damit kein echter Starlink-Ersatz.
    Die größere europäische Antwort soll deshalb IRIS² werden. Die EU plant damit ein eigenes Kommunikationsnetz aus knapp 300 Satelliten. IRIS² soll der EU und ihren Mitgliedstaaten sichere Verbindungen ermöglichen, aber auch Breitbanddienste für Behörden, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger bereitstellen. Außerdem soll das System schnelles Internet in Regionen bringen, die bisher schlecht angebunden sind, heißt es auf der Website der Europäischen Kommission.
    Den Auftrag für den Aufbau hat Brüssel an das Konsortium SpaceRise vergeben, zu dem Eutelsat, der luxemburgische Anbieter SES und das spanische Unternehmen Hispasat gehören. Nach Angaben von Eutelsat-Sprecherin Joanna Darlington ist IRIS² ein Projekt von rund 10,6 Milliarden Euro. Die EU finanziert davon etwa sechs Milliarden Euro. In Betrieb gehen soll IRIS² nach Angaben der EU-Kommission 2029. Doch ob das gelingt, ist offen.

    Was Deutschland im All plant

    Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, sagt, IRIS² allein werde für die deutschen Bedarfe nicht ausreichen. Deshalb plane die Bundeswehr SATCOMBw Stufe 4, ein eigenes militärischen Satellitennetz im niedrigen Erdorbit mit etlichen Satelliten. Der Vorteil eines solchen Systems: Auch wenn einer der Satelliten ausfällt, hat das nicht gleich gravierende Folgen. Denn bei einem LEO-Netzwerk mit hundert oder mehr Satelliten ist es viel schwieriger, das ganze Netzwerk durch einen Angriff auszuschalten. „Diversität schafft Resilienz”, so Traut.
    Als Konkurrenz zu IRIS² verstehe die Bundeswehr das eigene System ausdrücklich nicht. Die erste Teilkonstellation ist für 2029 geplant. Aktuell befindet sich SATCOMBw Stufe 4 aber noch in der Ausschreibung. Das heißt: Auch Deutschlands eigener Starlink-Ersatz wird frühestens in einigen Jahren verfügbar sein.
    Auch der Bundesnachrichtendienst will mit dem Projekt GEORG eigene optische Aufklärungssatelliten anschaffen. Sie sollen laut Weltraumexpertin Nötzold ein unabhängigeres Lagebild ermöglichen, also zeigen, was wo passiert und wie sich Situationen am Boden verändern, und zwar unabhängig von kommerziellen Anbietern.
    Die deutsche Raumfahrtindustrie arbeitet ebenfalls an den Voraussetzungen für mehr Unabhängigkeit im All. Die klassische Raumfahrtindustrie wird „Old Space“ genannt: Das sind große Industrieunternehmen wie Airbus Defence and Space, Thales Alenia Space oder in Deutschland OHB. Sie bauen hochkomplexe Satelliten, oft als Einzelstücke und im Auftrag von Staaten.
    Das Gegenmodell ist „New Space“, zu dem auch das Unternehmen Berlin Space Technologies (BST) in Berlin-Adlershof zählt. BST will nicht teure Einzelstücke bauen, sondern Satelliten nach Baukastenprinzip, perspektivisch bis zu 300 pro Jahr. Dafür will die Universitätsausgründung rund 50 Millionen Euro in einen neuen Produktionsstandort in Berlin investieren. Er soll Anfang 2027 eröffnet werden. Eine Interimsfabrik gibt es schon.

    Warum Satelliten allein nicht reichen

    Doch auch wenn in Deutschland und Europa generell mehr Satelliten gebaut werden: Sie müssen auch in den Orbit gelangen, eine weitere Herausforderung für Europa. Neben der Ariane-Rakete gelten New-Space-Anbieter wie Isar Aerospace oder die Rocket Factory Augsburg als Hoffnungsträger. Doch viele Systeme sind noch in der Erprobung.
    Was Europa außerdem fehlt, sind eigene weltraumgestützte Frühwarnsysteme für Raketenabwehr. Satelliten könnten im Ernstfall helfen zu erkennen, wo eine Rakete gestartet ist und wohin sie fliegt. Bisher verfügen innerhalb der NATO nur die USA über ein globales satellitengestütztes Frühwarnsystem.
    In Europa gibt es zwar erste Projekte. Weltraumexpertin Juliana Süß nennt das EU-Projekt „ODIN’s EYE“ sowie „JEWEL“, ein 2025 von Frankreich und Deutschland ausgerufenes Vorhaben für weltraumgestützte Sensorik. Doch auch hier ist ungewiss, bis wann Ergebnisse zu erwarten sind. „Bei beiden Projekten sind die Timelines momentan unklar”, so Süß.

    Radiobeitrag: Anna Loll, Onlinetext: Elena Matera