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Start des neuen TextilsiegelsDer grüne Knopf soll Beschäftigen mehr Fairness bringen

Der Grüne Knopf ist ein Siegel mit staatlicher Überwachung für nachhaltig hergestellte Textilien. Ein Textilprodukt mit diesem Knopf muss bestimmte Mindeststandards einhalten. Nichtregierungsorganisationen sähen statt Siegel aber lieber klare gesetzliche Vorgaben.

Von Frank Capellan

Frauen an Nähmaschinen. Eine schaut in die Kamera. (imago / ZUMA Press)
Frauen arbeiten in Bangladesch in einer Textilfabrik (imago / ZUMA Press)
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Kundin: "Ich bin mir echt nicht sicher, ob ich das so cool finde, dass ich bei Primark eingekauft habe, halt wegen der Arbeitsbedingungen und so."

Manchmal überkommt die Verbraucher das schlechte Gewissen, ein T-Shirt beim Textil-Discounter für zwei Euro, eine Hose für einen Fünfer, wie kommen solche Preise zustande?

Kundin: "Ich denke mir, H&M, die stellen das genauso her, ich bezahle nur einfach mehr!"

Die Verunsicherung der Kunden ist groß. Die Katastrophe von Rana Plaza in Bangladesch, bei der mehr als 1.000 Menschen beim Einsturz einer Textilfabrik ums Leben kamen, hatte auch die Politik aufgerüttelt.

Entwicklungsminister Gerd Müller rief ein freiwilliges Textilbündnis ins Leben, seit Jahren schon fordert der CSU-Minister zudem "ein einheitliches Siegel, das Mindeststandards garantiert".

Von heute an soll es Wirklichkeit werden. Grün wird er sein, der Knopf, den der Entwicklungsminister auf Textilien heften möchte. Alles prima also?

"Wenn der Verbraucher das Siegel am Produkt sieht, weiß er noch nicht, was dahinter steckt."

Meint Kathrin Krause vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. So ganz überzeugt ist sie von diesem Siegel nicht. Vom "Baumwollfeld bis zum Bügel" soll die gesamte Lieferkette überprüft werden, zum Start allerdings geht es nur ums Waschen und Färben, Nähen und Schneiden.

50 Firmen sollen dabei sein

Krause: "Wir fordern da schon jetzt einen klaren Stufen- und Fristenplan. Das heißt, ab 2021 kommt der Baumwoll-Anbau hinzu, damit die Unternehmen sich darauf einstellen können, wie sie ihre Produktion verändern müssen."

Etwa 50 Unternehmen, die Textilien herstellen oder vertreiben, sollen zum Start dabei sein. Tchibo ist mit von der Partie, Otto und Outdoor-Spezialist Vaude möchte sich mit dem Grünen Knopf schmücken, aber auch Lidl und Kik haben eine Prüfung beantragt.

Bangladesch, Myanmar, Äthiopien, Honduras… TÜV und Dekra sollen sich in diesen und vielen anderen Ländern anschauen, unter welchen Arbeitsbedingungen, zu welchen Löhnen dort produziert wird oder ob etwa beim Färben giftige Chemikalien aufgefangen werden. Müller will sicherstellen, dass der Grüne Knopf nicht zu einem PR-Gag wird. Denn manches Unternehmen könnte versuchen, das Siegel zum "Green-Washing" zu nutzen – und sich grüner zu geben als es ist.  

"Für uns sind die Vergabe-Kriterien absolut nicht nachvollziehbar, es ist völlig unklar, was es bedeutet, staatlich kontrolliert zu werden."

Kritisiert Maria Rost vom Verband Textil und Mode. Sie wünscht sich vielmehr eine Stärkung des Textilbündnisses. Auch Nichtregierungsorganisationen sähen lieber klare gesetzliche Vorgaben an Stelle von freiwilliger Kontrolle zur Vergabe eines Siegels.

Rost: "Gut gemeint ist hier leider schlecht gemacht. Wir haben große Sorge, dass hier viel versprochen wird, was am Ende nicht eingehalten werden kann."

Ein weiteres nationales Siegel macht keinen Sinn, meint die Verbandsvertreterin, und tatsächlich wird der Grüne Knopf nun zusätzlich zu bereits bestehenden Siegeln vergeben.

Eine Siegelflut

Krause: "Also ich habe mal hier einen Beutel mitgebracht, hier haben wir den Blauen Engel, das Gots-Siegel und wir haben das Fairtrade-Textilsiegel. Das ist das Beste, was Sie eigentlich kriegen können an zertifizierter Ware da draußen."

Kathrin Krause von der Verbraucherzentrale präsentiert einen Stoffbeutel, auf dem gleich mehrere Gütesiegel aufgenäht sind:

"Was wir eigentlich bräuchten ist, dass es keine Nachteile gibt für Unternehmen, die nachhaltiger und besser produzieren, zum Beispiel bessere Löhne bezahlen, Umweltmanagement haben, ihre Lieferkette kennen."

"Wir sind im Dialog mit der deutschen Wirtschaft", erklärt Arbeitsminister Hubertus Heil. Der Sozialdemokrat arbeitet mit Blick auf das Textilbündnis eng mit dem CSU-Kollegen Müller zusammen.

Heil: "Es gibt eine Selbstverpflichtung, was Menschenrechtsstandards betrifft und Nachhaltigkeit. Und wir sind gehalten nach dem Koalitionsvertrag zu überprüfen, wieviel das jetzt auch so machen und dann zu entscheiden, ob wir das jetzt gesetzgeberisch auch verpflichtend machen, wie das zum Beispiel in Frankreich der Fall ist."

Diese Entscheidung soll im kommenden Jahr fallen. Würde es gesetzliche Vorgaben für die gesamte Textilindustrie in Europa geben, würde das die Siegelflut überflüssig machen und dem Verbraucher den Einkauf ohne schlechtes Gewissen deutlich erleichtern.

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