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StartseiteForschung aktuellViel mehr Menschen bedroht als gedacht30.10.2019

Steigender MeeresspiegelViel mehr Menschen bedroht als gedacht

In einer aktuellen Studie zu den Folgen des Klimawandels kommen US-Forscher zu einem alarmierenden Befund: Der zu erwartende Anstieg der Meeresspiegel bedroht weltweit viel mehr Küstenbewohner als bisher angenommen. Schon heute leben über 100 Millionen Menschen unterhalb der Hochwasser-Linie.

Von Volker Mrasek

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Überschwemmungen in Kurigram in Bangladesch. (www.imago-images.de)
Bangladesh gehört laut den Studienautoren zu den sechs Ländern, die durch einen Meeresspiegelanstieg besonders stark bedroht sind (www.imago-images.de)
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Nach der neuen Studie werden viel größere Küstenstriche und viel mehr Menschen vom Meeresspiegelanstieg betroffen sein, als man bisher annimmt. Mitte des Jahrhunderts könnten es gut und gerne 450 Millionen Küstenbewohner sein, sagt Benjamin Strauss, einer der beiden Autoren. Der Ökologe leitet das private Forschungs- und Informationsbüro "Climate Central" in Princeton in den USA:

"Wie stark der Meeresspiegel auch immer steigen mag: Für alle Szenarien ergibt sich, dass mehr als dreimal so viele Menschen bedroht sind als bisher gedacht. Auf die 450 Millionen kommen wir selbst bei Einschränkungen der Treibhausgas-Emissionen nach den Vorstellungen des Pariser Klimaabkommens. Ende des Jahrhunderts könnten sogar neun Prozent der heutigen Weltbevölkerung in Küstenabschnitten leben, die dann unterhalb der mittleren Flutpegel liegen."

Das allerdings wäre das Worst-Case-Szenario. Hier wurde ein Meeresspiegelanstieg von 2,40 Meter bis Ende des Jahrhunderts angenommen, mit starken Schmelzwasserabflüssen in der Antarktis.

Neues Höhenmodell mit Lasermessungen

Die nach oben korrigierten Prognosen sind Ergebnis eines neuen digitalen Höhenmodells für Küstenregionen. Der Informatiker Scott Kulp hat es in dreijähriger Arbeit entwickelt. Anders als das bisher gebräuchliche Modell der US-Raumfahrtbehörde NASA stützt es sich nicht auf Radarbilder von Satelliten, sondern auf Lasermessungen, die an Bord von Flugzeugen gemacht wurden:

"Es ist allgemein bekannt, dass das Höhenmodell der NASA Schwächen hat. Das Satellitenradar dringt oft nur bis zum Dach von Baumkronen und Häusern vor und nicht bis zum Boden. Deswegen überschätzt das Modell die Geländehöhen, in Küstenstädten sogar um etwa vier Meter im Durchschnitt. Die Ungenauigkeit unseres Modells beträgt dagegen nur noch zehn Zentimeter."

Einschätzung basiert auf neuronalem Netzwerk

Das neue Modell basiert auf einem neuronalen Netzwerk, das sich trainieren lässt, wie die Forscher sagen. Sie fütterten es mit präzisen Laser-Höhenmesswerten von verschiedenen Abschnitten der US-Küste - und mit weiteren Informationen wie der Siedlungsform, dem Vegetationstyp und der Höhe von Pflanzen und Häusern. So lernte das Modell, besser zwischen Bebauung, Bäumen und Boden zu unterscheiden und die Höhe der Landstriche realistischer einzuschätzen.

Für ihre Studie modellierten Scott Kulp und Benjamin Strauss jetzt praktisch alle Küstenregionen der Erde. Demnach sind vor allem sechs Länder in Asien viel stärker vom Meeresspiegelanstieg bedroht als angenommen: China, Indien, Bangladesch, Vietnam, Indonesien und Thailand. Strauss: "Ein Ergebnis unserer Studie ist, dass schon heute 110 Millionen Menschen unterhalb der Hochwasser-Linie leben. Sie schützen sich mit Deichen und anderen Bauwerken, etwa in den Niederlanden, Deutschland und Belgien. Wenn wir dagegen ein Land wie Bangladesch betrachten, dann muss man sagen: Es liegt größtenteils im Delta des Ganges. Da gibt es unzählige Inseln und Kanäle, die man vermutlich niemals wird eindeichen können. Auch in anderen dichtbesiedelten Mündungsgebieten in Asien dürfte die Situation schwierig werden."

Wie belastbar sind die prognostizierten Zahlen?

Ein Lob für die Entwicklung ihres Höhenmodells bekommen die US-Forscher von Athanasios Vafeidis. Er ist Professor für Küstensysteme und -gefahren an der Universität Kiel. Dass aber dreimal so viele Menschen vom künftigen Meeresspiegelanstieg betroffen sein werden – diese Aussage sieht der griechische Ingenieur und Geograph skeptisch:

"Ich wäre mit diesen Zahlen vorsichtig. Die Forscher haben ihre Methode nur an bestimmten Küstenabschnitten in den USA und in Australien getestet. Und wir wissen nicht, wie gut sie anderswo wirklich ist – zum Beispiel in den Mangrovenwäldern an vielen Küsten Südostasiens. Dort ist auch die Bebauung ganz anders. Die Autoren schreiben auch selbst, dass ihr Modell keine verbesserten Höhenangaben für das Tiefland von Florida liefern konnte. Zusätzliche Studien wären also wünschenswert."

Festhalten darf man aber, dass das neue digitale Höhenmodell ein Fortschritt ist. Es kann dazu beitragen, genauere Risikozonen für den Meeresspiegelanstieg auszuweisen. Bisher sind sie offenbar zu klein, und so manche Küstenregion wiegt sich vermutlich in falscher Sicherheit.

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