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StartseiteForschung aktuellDie Illusion der Selbsterkenntnis20.06.2019

Steve Ayan: Ich und andere IrrtümerDie Illusion der Selbsterkenntnis

"Unser Geist ist nicht dafür geschaffen, sich selbst zu erkennen, sondern um zu funktionieren", schreibt der Wissenschaftsjournalist Steve Ayan in seinem Buch "Ich und andere Irrtümer". Er zeigt damit die Grenzen der wahren Selbsterkenntnis auf - und stößt damit viele Leser erst mal vor den Kopf.

Von Martin Hubert

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Ein Baby schaut sich im Spielzeugspiegel an (imago images / Westend61)
Das Ich: Die wahre Selbsterkenntnis ist nicht das Mittel zum menschlichen Überleben, sondern die illusionäre Selbstüberhöhung, so Autor Steve Ayan. (imago images / Westend61)

"Erkenne Dich selbst." Diesen Rat erteilen Philosophen und Pädagogen seit Jahrhunderten - und neuerdings auch die Verfasser psychologischer Ratgeber. Schöne Idee, findet Steve Ayan, allerdings beruhe sie wohl auf einer Illusion. In seinem Buch "Ich und andere Irrtümer. Die Psychologie der Selbsterkenntnis" erklärt der Psychologe und Wissenschaftsjournalist, warum.

Der Geist soll sich nicht erkennen, sondern funktionieren

"Unser Geist ist nicht dafür geschaffen, sich selbst zu erkennen, sondern um zu funktionieren – also das Überleben des Individuums zu sichern. Weil ein allzu abgehobenes Selbstbild dabei hinderlich wäre, verfügen wir über Mittel, um uns kritisch und distanziert zu betrachten. Allerdings ist es quasi unumgänglich, dass wir uns für anders und das heißt in der Regel für besser halten, als wir sind."

Nicht wahre Selbsterkenntnis, sondern illusionäre Selbstüberhöhung soll uns lebensfähig machen? Starker Tobak für alle, die nicht nur im Alltag funktionieren, sondern ein möglichst sinnerfülltes und authentisches Leben führen wollen. Steve Ayan stößt seine Leser also zunächst einmal vor den Kopf, will sie aber letztlich gar nicht davon abhalten, sich selbst zu erforschen. Er will nur klarmachen, dass das alles andere als einfach ist.

Denn unser Ich verändert sich ständig, besitzt vielfältige Regungen und ist nie eindeutig zu fassen. Ayan veranschaulicht das plastisch an typischen Alltagserfahrungen. Und er präsentiert eine Vielzahl wissenschaftlicher Experimente und Konzepte, die seine These stützen. Zum Beispiel einen Versuch, mit dem sich prüfen lässt, wie gut unser bewusstes und unser unbewusstes Selbstbild zusammenpassen.

Mit Tests das Selbstbild untersucht

"Der Proband soll zum Beispiel so schnell wie möglich eine von zwei Tasten drücken, wenn auf dem Bildschirm ein Begriff erscheint, der eine extrovertierte Eigenschaft beschreibt: "gesprächig", "ausgelassen", "aktiv" und so weiter. Wird erstere Verknüpfung schneller aktiviert, ist sie im Selbstbild des Probanden offenbar stärker präsent."

Der Proband drückt die Taste am schnellsten, wenn der Begriff "gesprächig" erscheint. Das scheint die Eigenschaft zu sein, die sein Selbst unbewusst am stärksten mit sich verbindet, wenn es um extrovertierte Eigenschaften geht.

"Vergleicht man die Resultate solcher impliziten Tests mit den per Fragebogen erhobenen Selbsteinschätzungen von Menschen, ergeben sich meist nur schwache Übereinstimmungen."

Wir färben Erinnerungen meist positiv

Andere Experimente zeigen, wie wir Erinnerungen an uns selbst ständig verändern und meist positiv färben. Sie belegen, dass Urteile und Bewertungen anderer Menschen stark beeinflussen, wie wir uns selbst sehen und verhalten. Oder sie decken auf, dass wir uns oft irren, wenn es um die wahren Motive unseres Handelns geht. Steve Ayans Fazit:

"Wir sollten unseren Täuschungen und Trugbildern durchaus trauen. Statt nach dem wahren Ich zu schürfen, sollten wir besser unsere spontanen Impulse erkennen und ihnen folgen. Wer alles bewusst machen und ausloten will, übersieht vor lauter gut gemeinten Erklärungen womöglich diesen inneren Wegweiser."

Unsere Illusionen sind Bestandteil unseres Selbst und können uns motivieren und stärken. Sie müssen daher nicht unbedingt immer aufgedeckt und zerstört werden. Wer gleichzeitig berücksichtigt, wie wichtig die Suche nach innerer Stimmigkeit und sozialer Anerkennung ist, kann sich mit Ayans verständlich und pointiert geschriebenem Buch für einen realistischen Umgang mit dem eigenen Selbst wappnen.

Zielgruppe: Alle, die aufgeklärt über sich selbst nachdenken wollen.

Erkenntnisgewinn: Ohne Illusionen ist kein Selbstgefühl zu haben.

Spaßfaktor: Ein Buch voller Provokationen, das den Geist auf Trab hält, weil es zum Widerspruch reizt.

Steve Ayan: Ich und andere Irrtümer. Die Psychologie der Selbsterkenntnis, 303 Seiten, Klett-Cotta 2019, 17,00 Euro.

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