Mittwoch, 12.08.2020
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteInterviewStörfälle in Krümmel "nicht sehr gravierend"16.07.2007

Störfälle in Krümmel "nicht sehr gravierend"

Strahlenschutz-Bundesamt fordert bessere Informationspolitik von Vattenfall

Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, hat die Pannen in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel nach seinem bisherigen Wissensstand als relativ ungefährlich eingeschätzt. Gleichzeitig kritisierte König die verzögerte Informationspolitik des Betreiberunternehmens Vattenfall. Hier gebe es Nachholbedarf. Er verwies zugleich erneut darauf, dass die Zahl der "meldepflichtigen Ereignisse" bei älteren Atomkraftwerken zunehme.

Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König (AP)
Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Staatsanwaltschaft lässt Atomkraftwerk Krümmel durchsuchen

Dirk-Oliver Heckmann: Herr König, wie oft kommt es vor, dass Zwischenfälle in Kernkraftwerken verharmlost oder erst nach und nach gemeldet werden? Ist das sozusagen an der Tagesordnung?

Wolfram König: Es ist nicht an der Tagesordnung, aber es gibt immer wieder gravierende Fälle, und es gibt ganz gewisse Kommunikationsabläufe, die zuerst heißen, es ist nichts dran, und dann nach und nach sich doch zeigt, dass die gemeldeten Ereignisse, in Einzelfällen jedenfalls, von größerer Bedeutung waren. Wir haben das letztes Jahr erlebt in Schweden in Forsmark, auch ein Kraftwerk von Vattenfall, wo ein ähnlicher Ablauf zu verzeichnen war.

Heckmann: Und wie ist das zu bewerten, dass es eben dann in diesem Fall eben zu einer solchen verzögerten Informationspolitik gekommen ist?

König: Es steht nicht im Einklang mit den Sicherheitsanforderungen, die die Betreiber nachweisen müssen, und es ist natürlich nicht im Einklang mit der Sicherheitsphilosophie der Unternehmen selbst. Ich glaube, hier haben wir noch Nachholbedarf auch bei dem Bewusstsein der Unternehmen. Und wir haben ja letzte Woche gehört, dass Vattenfall jetzt eine offensivere Kommunikation betreiben will. Ich hoffe, dass dieses umgesetzt wird, doch beweisen kann das Unternehmen es unmittelbar auch, indem es zum Beispiel dem Ministerium, der Aufsicht jetzt genehmigt, die Schwachstellenliste für das Kraftwerk Brunsbüttel offen zu legen. Hier gibt es nun auch eine Klage dagegen. Die Aufsicht möchte eine Schwachstellenliste, die mehrere hundert Punkte betrifft, offen legen gegenüber den Interessierten, aber es gibt eine Klage, wo das Unternehmen sagt, wenn diese offen gelegt wird, dann ist ein Wettbewerbsnachteil für mich zu verzeichnen, wenn ich das Kraftwerk verkaufe, kann man an dieser Liste, anhand dieser Liste entsprechende ich sag mal Defizite feststellen, die den Kaufpreis senken könnten.

Heckmann: Herr König, manch einer hat allerdings Zweifel daran, dass Vattenfall die Qualifikation und auch die Zuverlässigkeit besitzt, Atomkraftwerke in Deutschland zu betreiben. Sie sehen das nicht so scharf?

König: Es ist jetzt die Aufgabe der Aufsicht, die Aufsicht der Landesaufsicht, dieses zu prüfen. Es sind zwei große Bereiche, es ist einmal die Zuverlässigkeit des Betreibers und es ist die Fach- und Sachkunde der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und dafür werden jetzt diese Gespräche geführt. Und erst am Ende des Tages kann man dann feststellen, ob das Unternehmen entsprechend diesen Nachweis weiterhin erbringen kann oder nicht.

Heckmann: Können Sie denn einschätzen, wie ernst die Zwischenfälle in Krümmel und Brunsbüttel gewesen sind? Hätte es denn dort zu einer Kernschmelze kommen können oder ist das übertrieben, diese Befürchtung?

König: Nein, nach allen Erkenntnissen, die wir haben, sind diese Störfälle nicht sehr gravierend gewesen, wobei, das sind alles vorläufige Bewertungen, die erst abschließend wie gesagt nach einer intensiven Befragung auch der Einzelverantwortlichen erfolgen kann. Aber wir haben insgesamt zu verzeichnen, dass sogenannte meldepflichtige Ereignisse, die teilweise einen sehr geringen Grad an sozusagen Risiken mit sich bringen, dass diese bei älteren Anlagen zunehmend sind. Und das ist ja auch der Grund gewesen, warum der Gesetzgeber im Atomkonsens gerade diese Anlagen sogar noch vorzeitig vom Netz nehmen wollte, indem es den Unternehmen die Möglichkeit gegeben hat, Reststrommengen zu übertragen auf sichere neue Kraftwerke von den alten, die potenziell eben störanfälliger sind. Insbesondere hier zu nennen ist die Baureihe, die 1969 geplant worden ist. Dazu gehört auch Krümmel und Brunsbüttel. Hier ist zu verzeichnen, dass wir eine erhöhte Anzahl von solchen meldepflichtigen Ereignissen haben, wobei diese Ereignisse nicht die Sicherheitssituation der Kraftwerke allein beschreiben kann. Aber es sind eben wichtige Hinweise, dass eben ältere Kraftwerke aufgrund ihrer größeren Komplexität und ihrer eben auch in die Jahre gegangenen Technik durchaus anfälliger sind.

Heckmann: Ältere Meiler sollten früher vom Netz. Jetzt ist es aber so, Herr König, dass die AKW-Betreiber eine Verlängerung der Laufzeiten eben für alte Meiler beantragt haben, wie Biblis A, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 beispielsweise. Geben Sie diesem Ansinnen eine Chance vor dem aktuellen Hintergrund?

König: Es ist nicht nur die Frage des aktuellen Hintergrunds, sondern es ist genau in dem Gesetz festgeschrieben, dass der Regelfall die Übertragung von Alt auf Neu ist, um eine größere Sicherheit zu gewährleisten. Und hier wird plötzlich diese Regel umgedreht und die Ausnahmesituation zur Regel gemacht von den Betreibern. Ich glaube, sie tun sich letztendlich hiermit keinen Gefallen. Die Vorfälle zeigen, dass es richtig ist, ältere Kraftwerke vom Netz zu nehmen und für neue Kraftwerke oder neuere Kraftwerke entsprechend längere Laufzeiten damit zu ermöglichen. Das sind auch Erwägungen gewesen, die letztendlich damals nach dem September 2001 eine Rolle gespielt haben. Ältere Kraftwerke haben bei weitem nicht den mechanischen Schutz, den neuere Kraftwerke haben, zum Beispiel bei einem gezielten Anschlag mit einem Flugzeug. Das war nur einer der Beweggründe. Ich denke, die Unternehmen täten sich einen Gefallen, wenn sie jetzt einen klaren Schnitt machen würden und sagen, dieser Vertrag hat uns Sicherheit gebracht, Planungssicherheit, und wir stellen dieses nicht durch derartige Anträge in Frage.

Heckmann: Aber das ist auch mit entsprechenden Nachteilen, entsprechenden finanziellen Nachteilen verbunden für die Unternehmen.

König: Dies war damals ein Kompromiss zwischen der Bundesregierung und den Unternehmen im Jahre 2001/2002, der gerade die Planungssicherheit bringen sollte für alle Seiten. Also von daher ist es nichts, was jetzt vom Himmel gefallen ist, wo finanzielle Nachteile entstehen. In der Tat, die Kraftwerksbetreiber haben ein großes Interesse, abgeschriebene Kraftwerke weiter zu betreiben, die rund bis zu einer Million Euro pro Tag in die Kassen spülen der Unternehmen. Aber dieses können nicht die Maßstäbe sein, die wir anzulegen haben. Wir haben für eine derartige Hochrisikotechnologie die Sicherheit im Vordergrund zu sehen. Und ich glaube, die Unternehmen tun sich selber einen Gefallen, und das zeigt sich ja auch angesichts der Entwicklung bei Vattenfall: Eine Vielzahl von Kunden nehmen die Gelegenheit jetzt wahr, auch den Anbieter zu wechseln, weil sie mit der Politik von Vattenfall nicht mehr einverstanden sind.

Heckmann: Herr König, die Union argumentiert weiter, wir bräuchten in Deutschland die Kernkraft, gerade vor dem Hintergrund der Klimadebatte und weil wir eben den Ausstoß von CO2 verringern müssen und möchten. Sehen Sie das genauso?

König: Das Kanzleramt hat vor kurzer Zeit eine Studie in Auftrag gegeben, die vorliegt, in der deutlich wird, dass die Ziele der Bundesrepublik hinsichtlich der Reduzierung der CO2-Belastung mit dem Abschalten der Kraftwerke vereinbar ist. Ich denke, hier geht es darum, eine neue Struktur in der Energiepolitik aufzubauen, in der Energieversorgung, die zukunftsträchtig ist und die keine Störanfälle mit sich, in der Weise jedenfalls, mit sich bringt, wie es Kernkraftwerke grundsätzlich tun können. Das heißt, hier geht es darum, diese Chance jetzt wahrzunehmen, die Neuinvestitionen in eine Technologie zu bringen, die zukunftsfähig ist. Und ich sehe in der Kombination von erneuerbaren Energien und insbesondere auch der Energieeinsparung die Möglichkeit, uns für die Zukunft auch entsprechend stark zu machen.

Heckmann: Der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz Wolfram König war das. Herr König, danke für das Gespräch.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk