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StartseiteEuropa heuteFrust hinter grauen Fassaden22.05.2019

Straßburgs ProblemeFrust hinter grauen Fassaden

Gewalt in den Vorstädten, soziale Brüche, Aufstieg der Populisten. In Straßburg gibt es all die Phänomene, die in ganz Frankreich zu beobachten sind. In die Vorstadt Meinau ist viel Geld geflossen - dennoch hätten viele ein Abo auf Armut, sagt Sozialarbeiter Hamed Ouanoufi.

Von Tonia Koch

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Renovierte Plattenbauten im Straßburger, Vorort Meinau (Deutschlandradio / Tonia Koch)
Der Straßburger Vorort Meinau galt lange Zeit als sogenanntes Quartier populaire - bis viel Geld in das Viertel investiert wurden. (Deutschlandradio / Tonia Koch)
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Eine Platanenallee trennt eine Reihe von Einfamilienhäusern, von einer typisch französischen Großwohnsiedlungen. Plattenbauten der 1950er- und 1970er-Jahre. Die Straßen sind verkehrsberuhigt, ein Platz und ein kleiner Park wurden neu gestaltet mit Ruhebänken und einem Spielplatz. Das alles ist Meinau, die Vorstadt im Süden Straßburgs. Hier liegt auch das Centre culturel de la Meinau, der Arbeitsplatz von Hamed Ouanoufi. Hier hin ist in letzter Zeit viel Geld geflossen, das ist nicht zu übersehen.

"Dass man das Viertel renoviert hat, das ist eine gute Sache, es sah jahrelang aber auch katastrophal aus. Aber es ist doch nur ein erster Schritt. Es ist wie mit einem Körper. Von außen betrachtet sieht er toll aus, aber hinter der Fassade funktioniert nicht viel. Die Leute haben keine Arbeit oder keine qualifizierte Arbeit."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Europa, Straßburg, Paris - Phänomen Entfremdung.

Hamed ist Sozialarbeiter, er kennt das Viertel und seine Probleme wie seine Westentasche, denn er ist hier aufgewachsen.

Er betreut die Jugendlichen und er wisse genau, wie die sich in einem Quartier populaire, einem sogenannten Problemviertel fühlten.

"Es gibt eine soziale Spaltung in Frankreich zwischen den normalen Stadtbezirken und den Quartiers populaires. Wir sind daran gewöhnt, dass es eng wird am Monatsende, weil das Geld fehlt, dass wir nicht in Ferien fahren können, dass wir nicht die besten Autos und die schönsten Klamotten haben. Du hast ein Abo auf Armut, wenn du in einem dieser Viertel lebst."

Verständnis für die Gelbwesten und ihre Forderungen

Der Sozialarbeiter hat Feierabend. Auf dem Weg in ein Café passieren wir einen Supermarkt. Am Eingang hängt - gut sichtbar- eine Tafel, darauf sind die aktuellen Brotpreise verzeichnet. Das 250-Gramm-Baguette kostet 50 Cent, das ist selbst für französische Verhältnisse preiswert. Die jungen Leute, nimmt Hamed das Gespräch wieder auf, redeten ganz viel über die Gelbwestenbewegung in Frankreich. Sie zeigten viel Verständnis für die Forderung nach einer gerechten Verteilung des Reichtums im Land. Aber sie beteiligten sich nicht.

"Die jungen Leute aus dem Viertel erkennen sich da nicht wieder, weil sie sagen, wir sind Gelbwesten von Geburt an, wir kennen die Probleme, kein Zugang zum Arbeitsmarkt, niedrige Einkommen, all das ist bekannt. Seit Jahren klagen wir darüber, aber diejenigen, die heute mit gelben Westen protestieren, haben sich nie für unsere Probleme interessiert."

Kaum einer dieser Leute hätte noch vor ein paar Jahren geglaubt, dass der Traum vom eigenen Haus oder ein Kredit für ein neues Auto außer Reichweite geraten könnte, weil die wirtschaftliche Entwicklung im Land, all das nicht mehr ermöglicht. Das einzige was beide Gruppen inzwischen eine, sei der Vertrauensverlust in die Politik. Und das werde sich auch bei den Europawahlen zeigen. Hamed zeigt mit dem Finger auf die Reihe mit den Einfamilienhäusern.

"Das Viertel hat viele Gesichter. Die da hinten die werden Macron wählen oder die Republikaner und ja, die Grünen nicht zu vergessen und die hier in den Hochhäusern, na ja, die wählen entweder extrem links oder gar nicht, wahrscheinlich gar nicht."

"Génération précaire" - viele Jugendliche haben keine Arbeit

Europa sei ziemlich weit weg für die Leute in den Vorstädten. Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich sei zwar leicht gesunken, im Elsass knapp unter 20 Prozent, aber das sei immer noch viel zu viel. Der Übergang zwischen Schule und Beruf funktioniere nicht richtig. Obwohl ein paar Kilometer weiter das deutsche Ausbildungssystem zeige, wie es geht, aber Frankreich nehme sich daran kein Beispiel, auch Straßburg nicht.

"Eigentlich sind die Aussichten gar nicht so schlecht, vorausgesetzt es gelingt endlich, der beruflichen Ausbildung den nötigen Stellwert zu verschaffen. Wenn ein Kind in Frankreich eine Lehre machen möchte, dann bedeutet das das Ende der Welt für die Eltern. Das ist das Problem. Aber wir haben in Frankreich ein System geschaffen in dem jeder studieren muss, fragt sich nur warum."

Das Café M ist trotz spätem Montagnachmittag gut besucht. Eigentlich ginge er im Moment überhaupt nirgendwohin, sagt der Sozialarbeiter, denn er sei praktizierender Moslem und halte sich an die Regeln des Ramadan. Die Bedienung weiß es und bringt nur einen Café an den bunten Glastisch.

"Das stört mich nicht, die Religion sollte einen nicht davon abhalten gemeinsame Zeit zu verbringen, ich habe damit überhaupt kein Problem, das ist zweitrangig."

Die Leute im Café nicken ihm zu, es gibt wohl kaum einen, der den drahtigen Mann mit Bart, Halbglatze und breiten Schultern hier nicht kennt. Hamed hat eine Boxkarriere hinter sich.

"In der Klasse Weltergewicht, bis 69 Kilo habe er es ziemlich weit gebracht.

Misstrauen gegen die Polizei

Inzwischen lasse die Arbeit das nicht mehr zu, aber den Jugendlichen im Viertel erteile er noch immer Unterricht. Im Kultur-Zentrum habe er auch ein Treffen mit der Polizei organisiert, das Verhältnis sei von Misstrauen und Hass geprägt.

"Wir müssen wieder miteinander ins Gespräch kommen, damit sich beide Seiten nicht länger feindlich gegenüber stehen. Aber das ist extrem schwierig. Es hat sich so viel Wut und Hass aufgestaut aufgrund der ständigen Auseinandersetzungen im Viertel, den polizeilichen Übergriffen, den Verhaltensstrukturen. Jede Seite ist überzeugt, dass die jeweils andere den nötigen Respekt vermissen lässt."

Zu gewaltsamen Konflikten kommt es allerdings nicht mehr so oft, denn die Gelbwesten binden alle Aufmerksamkeit der Staatsmacht.

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