Altenburg: Guten Morgen, Herr Heinlein.
Heinlein: Welchen strategischen Plan erkennen Sie hinter den Aktionen des US-Militärs?
Altenburg: Nun, ich erkenne den Plan zu versuchen, die Drahtzieher des Terrorismus, so man ihrer habhaft werden kann, in Afghanistan zu fassen und herauszubringen, zu töten oder was immer der Auftrag ist, und dazu haben die US-Amerikaner offensichtlich verschiedene Spezialkräfte der Luftwaffe, der Armee und des Heeres eingesetzt, aber sie operieren nicht, um dort zu bleiben, sondern sie gehen rein und wieder raus, und es war auch zu erwarten, dass es so gemacht wird.
Heinlein: Wie erfolgsversprechend ist aus Ihrer Sicht, aus Sicht des ehemaligen Generals, diese Strategie?
Altenburg: Ich weiß nicht ob man es schaffen kann, die Drahtzieher rauszuholen, weil ich nicht weiß, ob sie überhaupt noch in dem Lande sind, aber man will es auf jeden Fall versuchen. Es kann durchaus sein, dass man erfolgreich ist und die Leute rausholt, es kann aber auch sein, dass es abgebrochen werden muss, weil man vermutet, dass sie woanders sind, wir stehen hier vor einer Sache, die sehr lange dauern und unterschiedliche Facetten haben kann, so dass man abwarten muss, wie erfolgreich sie dort sind. Auf alle Fälle - wie auch Collin Powell, der Außenminister der Vereinigten Staaten, gesagt hat - kann es eine Sache sein, die vor dem Winter dort abgebrochen wird oder erfolgreich beendet wird.
Heinlein: Ist diese Strategie, die nun zu erkennen ist, auch eine Lehre aus den Erfahrungen der Roten Armee in Afghanistan?
Altenburg: Ganz sicherlich, nicht nur der Roten Armee, sondern z.B. auch des Krieges in Vietnam, ich erinnere, dass Kissinger einmal gesagt hat, "it is easy to get in, it is very hard to get out", und ich glaube, das spielt auch hier eine Rolle. Man bemüht sich nicht dort ein Land zu besetzen und ein Land zu halten oder dergleichen, höchstens - und das ist eine andere Sache, das ist ein anderer Teil der Strategie - die Nordallianz offensichtlich stärker zu unterstützen in ihrem Kampf, der das Ziel haben sollte, eine neue Regierung dort zu schaffen, die anders gestaltet ist als die Taliban, die ja nun auch ihre großen Probleme hatte.
Heinlein: Brauchen die US-Amerikaner und die Briten für diese Strategie die Unterstützung ihrer Alliierten?
Altenburg: Nun, sie haben die Unterstützung der Briten, sie haben auch die Unterstützung der Allianz insofern, dass die US-Amerikaner von Einsätzen und Verantwortung in anderen Bereichen abgelöst worden sind. Das kann weitergehen, denn das Ganze ist eine Sache, die sich über Jahre hinziehen wird, wir wissen noch gar nicht, was alles auf uns zukommt und da muss man natürlich schon vorbereitet sein, denn man kann z.B. Truppen und Streitkräfte nicht ausbilden in dem Moment, wo die Anforderung des politischen Bereiches kommt.
Heinlein: Ist es denn militärisch wirklich sinnvoll, möglichst breit, mit Kontingenten aus vielen Ländern diesen Krieg, diese Strategie zu verfolgen, oder ist eine straffe Kommandostruktur eines Landes oder einer oder zwei Armeen eher vom Vorteil?
Altenburg: Letzteres sehen wir doch zur Zeit. Offensichtlich ist es so, dass die Amerikaner das dort alleine machen, mit Unterstützung der Briten, wo die eigentlichen Aktionen stattfinden und lassen sich woanders entlasten. Und genau das, was Sie eben gesagt haben, scheint auch die Überlegung zu sein, nämlich dass hier nur einer straff führen kann, das Ganze muss hervorragend organisiert sein, denn man will ja seine Leute nicht nur reinschicken, man will sie auch wieder draußen haben.
Heinlein: Sie waren selber lange Jahre Generalinspekteur der Bundeswehr. Was machen denn Führungsstäbe in diesen Zeiten? Werden da konkrete Überlegungen angestellt, wie kann man die Bundeswehr einsetzen oder wartet man darauf, was die Amerikaner anfordern?
Altenburg: Analyse und Planung. Man analysiert die politische Seite und man bekommt seine Aufträge von der politischen Seite und bereitet sich dann vor, dass man in den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten agieren kann. Ich kann jetzt nicht sagen, was im Einzelnen geplant ist, es bestehen ja offensichtlich noch keine konkreten Anforderungen an eine Nation, wohl können sich einzelne Nationen ausrechnen, wir sind auf dem oder dem Gebiet stark, es kann sein, dass wir dort gefordert werden, und die Vorbereitungen dafür sind nicht eine Sache von Tagen und Wochen. Die Anforderungen des Politikers, die sind oft eine Sache von Tagen und Wochen. Aber die Vorbereitungen, die Truppe darauf einzustellen, die Truppe darauf aufzurüsten und auszubilden, das ist eine Sache, die wesentlich mehr Zeit braucht und das ist eine Sache, die man vorsorglich tun muss, und ich bin sicher, dass die militärische Führung in diesen Kategorien denkt.
Heinlein: Ist denn dieses mit Wehrpflichtigen oder Zeitsoldaten überhaupt zu machen oder braucht es dazu militärische Vollprofis, sprich Berufssoldaten?
Altenburg: Ich glaube nicht, dass man das mit Wehrpflichtigen macht, denn wir bestehen in der Bundeswehr zu über 50 % aus länger Dienenden und vor allen Dingen aus Berufssoldaten, und ich glaube, dass spezifische Einsätze im wesentlichen von Berufssoldaten und Zeitsoldaten gemacht werden und die Kontingente, die hier gefordert sind, sind keine großen Quantitäten. Der Aufmarsch, das merken Sie ja schon, der Aufmarsch damals vor dem "Dessert War", das waren fast 500 000 Soldaten, hier dreht es sich um etwa 30 000, die Größenordnungen sind völlig anders, aber die Unterstützungskräfte dazu, der Background, die Logistik usw., die fordert wahrscheinlich mehr, als die Speerspitzen, die irgendwo im Einsatz sind.
Heinlein: Sie haben die Ausbildung der Soldaten angesprochen. Man weiß, dass es das deutsche Spezialkommando gibt, die KSK. Glauben Sie, dass derzeit schon diese andere Einheiten der Bundeswehr für mögliche Einsätze in Afghanistan oder anderen Ländern ausgebildet werden?
Altenburg: Das weiß ich nicht. Ich weiß, dass sie ganz bestimmte Fähigkeiten haben und dass sie schon Einsätze auf dem Balkan gehabt haben, wie ich hörte, und dass es gut gewesen ist. Andrerseits glaube ich nicht, dass man z.B. für das, was man jetzt in Afghanistan macht, sagt, in dieses Tal geht die Nation rein, in das Tal geht die Nation rein, dort jene. Man hat seitens der US-Amerikaner noch keine Anforderungen gemacht, aber sie sind grundsätzlich für Einsätze der verschiedensten Art, z.B. um Geiseln zu befreien oder Piloten, die abgeschossen worden sind, aus dem Feindgebiet herauszuholen. Das sind Aufgaben, die sie geübt haben und die sie können, aber wann sie dafür wo eingesetzt werden, Herr Heinlein, wir stehen vor einer Sache, die Jahre dauern kann und was sich dort noch alles entwickelt, das ist im Moment gar nicht abzusehen.
Heinlein: Herr Altenburg, wie stark wird denn in dieser oder in vergleichbaren Situationen, die Sie erlebt haben, auf den Rat der Militärs gehört, von den Politikern?
Altenburg: Nun, ich habe am Wochenende ein Zeitungsartikel gelesen, wonach auf den Rat nicht viel Wert gelegt wird. Ich habe das anders erlebt und ich bin ganz sicher, dass im Bundessicherheitsrat, wo der Generalinspekteur ständig anwesend ist, der Generalinspekteur seine Stimme hat. Ich nehme an, dass es heute so ist, ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Zu meiner Zeit war es jedenfalls so, dass ich nie das Gefühl hatte, das die Stimme des Soldaten nicht gehört wird.
Heinlein: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Altenburg.
Link: Interview als RealAudio
Heinlein: Welchen strategischen Plan erkennen Sie hinter den Aktionen des US-Militärs?
Altenburg: Nun, ich erkenne den Plan zu versuchen, die Drahtzieher des Terrorismus, so man ihrer habhaft werden kann, in Afghanistan zu fassen und herauszubringen, zu töten oder was immer der Auftrag ist, und dazu haben die US-Amerikaner offensichtlich verschiedene Spezialkräfte der Luftwaffe, der Armee und des Heeres eingesetzt, aber sie operieren nicht, um dort zu bleiben, sondern sie gehen rein und wieder raus, und es war auch zu erwarten, dass es so gemacht wird.
Heinlein: Wie erfolgsversprechend ist aus Ihrer Sicht, aus Sicht des ehemaligen Generals, diese Strategie?
Altenburg: Ich weiß nicht ob man es schaffen kann, die Drahtzieher rauszuholen, weil ich nicht weiß, ob sie überhaupt noch in dem Lande sind, aber man will es auf jeden Fall versuchen. Es kann durchaus sein, dass man erfolgreich ist und die Leute rausholt, es kann aber auch sein, dass es abgebrochen werden muss, weil man vermutet, dass sie woanders sind, wir stehen hier vor einer Sache, die sehr lange dauern und unterschiedliche Facetten haben kann, so dass man abwarten muss, wie erfolgreich sie dort sind. Auf alle Fälle - wie auch Collin Powell, der Außenminister der Vereinigten Staaten, gesagt hat - kann es eine Sache sein, die vor dem Winter dort abgebrochen wird oder erfolgreich beendet wird.
Heinlein: Ist diese Strategie, die nun zu erkennen ist, auch eine Lehre aus den Erfahrungen der Roten Armee in Afghanistan?
Altenburg: Ganz sicherlich, nicht nur der Roten Armee, sondern z.B. auch des Krieges in Vietnam, ich erinnere, dass Kissinger einmal gesagt hat, "it is easy to get in, it is very hard to get out", und ich glaube, das spielt auch hier eine Rolle. Man bemüht sich nicht dort ein Land zu besetzen und ein Land zu halten oder dergleichen, höchstens - und das ist eine andere Sache, das ist ein anderer Teil der Strategie - die Nordallianz offensichtlich stärker zu unterstützen in ihrem Kampf, der das Ziel haben sollte, eine neue Regierung dort zu schaffen, die anders gestaltet ist als die Taliban, die ja nun auch ihre großen Probleme hatte.
Heinlein: Brauchen die US-Amerikaner und die Briten für diese Strategie die Unterstützung ihrer Alliierten?
Altenburg: Nun, sie haben die Unterstützung der Briten, sie haben auch die Unterstützung der Allianz insofern, dass die US-Amerikaner von Einsätzen und Verantwortung in anderen Bereichen abgelöst worden sind. Das kann weitergehen, denn das Ganze ist eine Sache, die sich über Jahre hinziehen wird, wir wissen noch gar nicht, was alles auf uns zukommt und da muss man natürlich schon vorbereitet sein, denn man kann z.B. Truppen und Streitkräfte nicht ausbilden in dem Moment, wo die Anforderung des politischen Bereiches kommt.
Heinlein: Ist es denn militärisch wirklich sinnvoll, möglichst breit, mit Kontingenten aus vielen Ländern diesen Krieg, diese Strategie zu verfolgen, oder ist eine straffe Kommandostruktur eines Landes oder einer oder zwei Armeen eher vom Vorteil?
Altenburg: Letzteres sehen wir doch zur Zeit. Offensichtlich ist es so, dass die Amerikaner das dort alleine machen, mit Unterstützung der Briten, wo die eigentlichen Aktionen stattfinden und lassen sich woanders entlasten. Und genau das, was Sie eben gesagt haben, scheint auch die Überlegung zu sein, nämlich dass hier nur einer straff führen kann, das Ganze muss hervorragend organisiert sein, denn man will ja seine Leute nicht nur reinschicken, man will sie auch wieder draußen haben.
Heinlein: Sie waren selber lange Jahre Generalinspekteur der Bundeswehr. Was machen denn Führungsstäbe in diesen Zeiten? Werden da konkrete Überlegungen angestellt, wie kann man die Bundeswehr einsetzen oder wartet man darauf, was die Amerikaner anfordern?
Altenburg: Analyse und Planung. Man analysiert die politische Seite und man bekommt seine Aufträge von der politischen Seite und bereitet sich dann vor, dass man in den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten agieren kann. Ich kann jetzt nicht sagen, was im Einzelnen geplant ist, es bestehen ja offensichtlich noch keine konkreten Anforderungen an eine Nation, wohl können sich einzelne Nationen ausrechnen, wir sind auf dem oder dem Gebiet stark, es kann sein, dass wir dort gefordert werden, und die Vorbereitungen dafür sind nicht eine Sache von Tagen und Wochen. Die Anforderungen des Politikers, die sind oft eine Sache von Tagen und Wochen. Aber die Vorbereitungen, die Truppe darauf einzustellen, die Truppe darauf aufzurüsten und auszubilden, das ist eine Sache, die wesentlich mehr Zeit braucht und das ist eine Sache, die man vorsorglich tun muss, und ich bin sicher, dass die militärische Führung in diesen Kategorien denkt.
Heinlein: Ist denn dieses mit Wehrpflichtigen oder Zeitsoldaten überhaupt zu machen oder braucht es dazu militärische Vollprofis, sprich Berufssoldaten?
Altenburg: Ich glaube nicht, dass man das mit Wehrpflichtigen macht, denn wir bestehen in der Bundeswehr zu über 50 % aus länger Dienenden und vor allen Dingen aus Berufssoldaten, und ich glaube, dass spezifische Einsätze im wesentlichen von Berufssoldaten und Zeitsoldaten gemacht werden und die Kontingente, die hier gefordert sind, sind keine großen Quantitäten. Der Aufmarsch, das merken Sie ja schon, der Aufmarsch damals vor dem "Dessert War", das waren fast 500 000 Soldaten, hier dreht es sich um etwa 30 000, die Größenordnungen sind völlig anders, aber die Unterstützungskräfte dazu, der Background, die Logistik usw., die fordert wahrscheinlich mehr, als die Speerspitzen, die irgendwo im Einsatz sind.
Heinlein: Sie haben die Ausbildung der Soldaten angesprochen. Man weiß, dass es das deutsche Spezialkommando gibt, die KSK. Glauben Sie, dass derzeit schon diese andere Einheiten der Bundeswehr für mögliche Einsätze in Afghanistan oder anderen Ländern ausgebildet werden?
Altenburg: Das weiß ich nicht. Ich weiß, dass sie ganz bestimmte Fähigkeiten haben und dass sie schon Einsätze auf dem Balkan gehabt haben, wie ich hörte, und dass es gut gewesen ist. Andrerseits glaube ich nicht, dass man z.B. für das, was man jetzt in Afghanistan macht, sagt, in dieses Tal geht die Nation rein, in das Tal geht die Nation rein, dort jene. Man hat seitens der US-Amerikaner noch keine Anforderungen gemacht, aber sie sind grundsätzlich für Einsätze der verschiedensten Art, z.B. um Geiseln zu befreien oder Piloten, die abgeschossen worden sind, aus dem Feindgebiet herauszuholen. Das sind Aufgaben, die sie geübt haben und die sie können, aber wann sie dafür wo eingesetzt werden, Herr Heinlein, wir stehen vor einer Sache, die Jahre dauern kann und was sich dort noch alles entwickelt, das ist im Moment gar nicht abzusehen.
Heinlein: Herr Altenburg, wie stark wird denn in dieser oder in vergleichbaren Situationen, die Sie erlebt haben, auf den Rat der Militärs gehört, von den Politikern?
Altenburg: Nun, ich habe am Wochenende ein Zeitungsartikel gelesen, wonach auf den Rat nicht viel Wert gelegt wird. Ich habe das anders erlebt und ich bin ganz sicher, dass im Bundessicherheitsrat, wo der Generalinspekteur ständig anwesend ist, der Generalinspekteur seine Stimme hat. Ich nehme an, dass es heute so ist, ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Zu meiner Zeit war es jedenfalls so, dass ich nie das Gefühl hatte, das die Stimme des Soldaten nicht gehört wird.
Heinlein: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Altenburg.
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