Dienstag, 31. Januar 2023

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Streit um Checkpoint Charlie
Zwischen Touristenhölle und Gedenkort

Der Checkpoint Charlie war der bekannteste Grenzübergang im geteilten Berlin. Nach dem Mauerbau vor genau 57 Jahren standen sich hier amerikanische und sowjetische Panzer gegenüber. Längst aber ist der historische Ort zum touristischen Rummelplatz geworden. Der Berliner Senat will das nun ändern.

Von Claudia van Laak | 13.08.2018

    09.08.2018, Berlin: Touristen laufen am Checkpoint Charlie, dem ehemaligen Grenzübergang zwischen West- und Ostberlin, über die Straßen.
    09.08.2018, Berlin: Touristen laufen am Checkpoint Charlie, dem ehemaligen Grenzübergang zwischen West- und Ostberlin, über die Straßen. (dpa)
    Touristen wollen betrogen werden. Wer sich am Checkpoint Charlie aufhält, bekommt schnell diesen Eindruck. Hütchenspieler treiben hier ihr Unwesen. Kaum taucht die Polizei auf, sind sie blitzschnell verschwunden und ebenso blitzschnell wieder da.
    Ein Berliner Disneyland
    Kriminelle Banden sammeln vermeintlich Geld für rumänische Kinderheime. Seit dem Mauerfall verkaufen fliegende Händler und Souvenirgeschäfte rund um den Checkpoint Charlie Original-Mauerteile mit Zertifikat. Die Berliner Mauer muss sehr, sehr, sehr lang gewesen sein. Verkäufer Dimitri weiß es besser.
    "Wo kann man das kaufen? Wo kaufen Sie das? In der Mauerstein Fabrik. Heißt die so? Ja, original Mauersteinfabrik."
    Dimitri zieht sich auch gerne mal eine Uniform der Roten Armee an, mit Pelzmütze, selbst bei dieser Hitze und lässt sich für zwei Euro fotografieren. Genau wie die jungen Männer in US-Uniformen, die vor einer Wand aus Sandsäcken und einem nachgebauten amerikanischen Grenzposten posieren. Checkpoint Charlie – das Berliner Disneyland.
    Nichts ist hier authentisch
    "Wir kommen aus Mallorca", erzählt diese Familie. Und bei uns haben wir auch solche Orte, so wie hier. Disney. Man sieht unglaubliche Dinge. Sachen, die Du nicht glauben würdest.
    "Checkpoint Charlie", aus der Serie "In den Straßen von Berlin"
    Der Mauerstreifen am Checkpoint Charlie (Friedhelm Denkeler)
    Am Checkpoint Charlie ist nichts authentisch. Die Schilder "Sie verlassen den amerikanischen Sektor": Nachgebaut und an falscher Stelle befestigt. Der historische Ort: Verkauft – für Currywurst und Cocktails an "Charlies Beach".
    "Was hier passiert ist, ist schon eine politische Entscheidung. Das muss man schon so sehen. Wenn da genehmigt wird, dass hier eine Bar hinkommt, ist es eine politische Entscheidung", sagt Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer.
    Dass der Checkpoint Charlie zum verwahrlosten Ort geworden ist, zum Rummelplatz, zur Touristenhölle, hat im Wesentlichen zwei Ursachen. Erstens: Die Berliner, die solange unter der Teilung litten, wollten nichts mehr sehen von der Mauer.
    "Die Berlinerinnen und Berliner sind im Grunde ihrem früheren Regierenden Bürgermeister Willy Brandt gefolgt: Die Mauer muss weg."
    Zweite Ursache für die heutige Misere ist die Privatisierungspolitik des Berliner Senats in den 1990er Jahren. Eine Stadtentwicklungspolitik, sagt Daniel Wesener von den Grünen:
    "Die in den 1990er-Jahren gesagt hat, alles muss raus, wir verkloppen unsere prominentesten innerstädtischen Grundstücke und sanieren damit den Berliner Haushalt."
    Pläne für Museum der Teilung
    Folge war eine Bebauung der früheren Grenzübergangsstelle Checkpoint Charlie mit seelenloser Investorenarchitektur ohne Rücksicht auf den historischen Ort. Zwei große Eckgrundstücke liegen allerdings noch brach, ein Investor nach dem anderen verhob sich, meldete Insolvenz an. Jetzt unternimmt der rot-rot-grüne Senat einen neuen Anlauf. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher von der Linken:
    "Wir haben ein Interesse an einem Museumsort, mindestens 3.000 Quadratmeter, wir haben Interesse an einem öffentlichen Raum, der groß genug ist, um die großen Besuchermassen künftig gut aufzunehmen, wir haben ein Interesse, dass es denkmalsensibel entwickelt wird und wir haben ein Interesse, dass man dort künftig auch wohnen kann."
    Eine Absichtserklärung mit einem Investor ist bereits unterzeichnet, die Ergebnisse eines ersten architektonischen Ideenwettbewerbs werden gerade ausgestellt. Doch es gibt Ärger in der rot-rot-grünen Koalition.
    Das Parlament werde übergangen, klagt der kulturpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus Daniel Wesener. Der Senat dürfe die früheren Fehler nicht wiederholen und sich nicht schon wieder einem Investor ausliefern.
    "Da ist sehr viel mehr drin, als unter der Hand einen Deal mit einem privaten Investor zu machen, weil das Land Berlin an dieser Stelle in der Tat in der Vergangenheit Fehler gemacht hat, die man nicht einfach zurückholen kann, aber weil wir auch Hebel haben, das öffentliche Interesse, und zwar so weit wie es eben geht, durchzusetzen."
    Im Visier der Investoren
    So habe der Investor das Grundstück noch gar nicht gekauft, das Land Berlin könne von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, außerdem gebe es noch keinen gültigen Bebauungsplan. Stadtentwicklungssenatorin Lompscher bleibt gelassen.
    "Seit Jahrzehnten nehmen wir eigentlich alle hin, dass es zu einem touristischen Rummelplatz geworden ist. Ick finde das nicht angemessen der zeitgeschichtlichen Bedeutung dieses Ortes. Und dass wir jetzt die Chance haben, mit einem Grenzübergang, neben den Brandmauern, das ist der kümmerliche Rest."
    Der kümmerliche Rest des einstmals weltberühmten Grenzübergangs Checkpoint Charlie. Vor zwei Monaten wurde er unter Denkmalschutz gestellt.