Freitag, 04.12.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
Startseite@mediasresDas neue Selbstbewusstsein griechischer Journalisten24.09.2018

Streit um RundfunkanstaltDas neue Selbstbewusstsein griechischer Journalisten

Berichtet Griechenlands öffentlich-rechtlicher Rundfunk ERT zu regierungsfreundlich? Konservative Politiker werfen das dem Sender vor und wollen ihn deshalb boykottieren. Der Streit um unabhängige Berichterstattung ist nicht neu. Diesmal aber erscheint er unbegründeter denn je.

Von Marianthi Milona

Die Zentrale von ERT in Athen. (ANA-MPA / dpa / Simela Pantzartzi)
ERT (auf Griechisch EPT) wurde 2013 geschlossen und 2015 wiedereröffnet. (ANA-MPA / dpa / Simela Pantzartzi)
Mehr zum Thema

Griechenland 24 Stunden lang keine Nachrichten

Knapp drei Jahre arbeitet der neue und alte ERT-Sender wieder. Und sorgt wieder einmal für Schlagzeilen. Weil der neue ERT, inzwischen ein öffentlich-rechtlicher, nach Ansicht des konservativen Parteivorsitzenden, Kiriakos Mitsotakis, gezielt einseitig berichte, immer häufiger nur zu Gunsten der linksliberalen Syriza-Partei.

Mitsotakis hat deshalb vor ein paar Tagen gemeinsam mit all seinen Parteimitgliedern beschlossen, nicht mehr in Politsendungen des ERT aufzutreten. Ein ungünstiger Augenblick, glaubt die Journalistin Eleni Kortidou vom Radiosender ERT 3. Vor den Neuwahlen in einem Jahr müssten alle Parteien zu Wort kommen dürfen.

"Ich habe das, ehrlich gesagt, noch nie selbst erfahren, dass mir ein Vorgesetzter vorschreibt, was ich im Sender sagen soll. Und selbst wenn wir von einzelnen Fällen in der politischen Berichterstattung hören, dann hat es nie die Ausmaße, die wir von Kollegen aus den Privatsendern kennen. Dort mischen sich die Besitzer und Geschäftsleute des Senders offen in ihre Arbeit ein. Meine Kollegen in den Privatsendern haben sich immer wieder für ihre Formulierungen zu rechtfertigen."

Offenere Kritik möglich?

Dass der Streit um einseitige Berichterstattung beim ERT so offen eskaliert ist, hat womöglich damit zu tun, dass gerade die ERT-Journalisten ihre Ansichten viel offener aussprechen dürfen als anderswo, weil keine wirtschaftlichen Zwänge wie in der Privatwirtschaft im Spiel sind, so glaubt der freie Zeitungsjournalist, Kostas Poulakidas, der sich auf die Stellungnahme eines ERT-Kollegen bezieht. Dieser hatte kürzlich die Äußerungen des Parteivorsitzenden Kyriakos Mitsotakis mit denen eines Zeitgenossen Mussolinis verglichen.

"Ich teile die Ansichten meines Kollegen zwar nicht, aber ich bin der Ansicht, dass die persönliche Äußerung eines Journalisten überhaupt nichts mit der politischen Grundhaltung eines Senders zu tun hat. Es ist doch nicht so, dass der ERT als Ganzes immer wieder eine Partei oder eine Regierung angreift. Hier handelt es sich um die Meinung eines einzelnen Journalisten in einer speziellen Sendung. Das darf man dann als Zuschauer gerne für richtig oder falsch halten. Es ist aber ebenso das gute Recht eines jeden Journalisten, Kritik zu äußern und auf einer Meinung zu beharren."

Selbstzensur war lange ein Problem

Tatsache ist, dass die Arbeit von Journalisten im ehemaligen griechischen Staatssender in den vergangenen 20 Jahren immer in die Kritik gekommen ist. Gerade weil die Parteien, so wie auf vielen anderen Gebieten, intensiven Klientelismus betrieben und den Staatsender für ihre politischen Ziele nutzten, hat journalistische Arbeit in Griechenland stark an Ansehen eingebüßt. Heute glauben viele Journalisten rückblickend, dass ihr größtes Problem die Selbstzensur gewesen ist. Und gerade da habe die zweijährige Schließung Gutes bewirkt. Der Radiomann Kostas Woulis gibt ein Beispiel.

"Wir haben beim ehemaligen Staatssender ERT etwas geschafft, das nicht mehr selbstverständlich ist. Wir haben den Zeitvertrag abgeschafft. Vor 15 Jahren noch haben 90 Prozent unserer Kollegen nur unter Zeitverträgen gearbeitet. Sie wussten, sie müssen in ein ganz bestimmtes Arbeitsprofil hineinpassen, sonst würden ihre Arbeitsverträge womöglich nicht mehr verlängert werden. Da sind so manche in die Falle gelaufen, nur das zu berichten, was einige Vorgesetzte oder politische Führer von ihnen hören wollten, weil sie mit der Hilfe eines bestimmten Parteibüros die Stelle bekommen hatten."

Ob die politische Einflussnahme heute beim öffentlich-rechtlichen Sender so viel anders geworden ist als damals, bleibt umstritten. Doch fest steht: Die Grundlagen für eine freie Berichterstattung sind besser als vor dem Neustart bei ERT. Auch wenn die Kritik an den ehemaligen staatlichen Sendern noch immer auf der politischen Tagesordnung steht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk