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Startseite@mediasresRuhe, bitte!01.09.2021

Stress durch ständigen NachrichtenstromRuhe, bitte!

Schlechte Nachrichten aus aller Welt begegnen uns täglich in Fernsehen, Radio, Zeitungen – und oft auch als Eilmeldung auf dem Handy. Doch die ständige Konfrontation mit Krisen und Katastrophen macht Stress. Deshalb sendet Marina Weisband in ihrer Kolumne einen Appell: Einordnung statt Meldungsflut.

Von Marina Weisband

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Ein Mann hält eine Zeitung in der Hand, die in der Mitte ein Loch hat, durch das man die toskanische Landschaft im Hintergrund sieht (imago/ Petra Stockhausen)
Marina Weisband fordert mehr Beachtung für tiefgehende Recherchen und Einordnungen (imago/ Petra Stockhausen)
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Wir sollten vielleicht alle aufhören, Nachrichten zu schauen. Ernsthaft. Nachrichten sind nicht gut für unser Gehirn.

Mit der allgemeinen und ständigen Verfügbarkeit von Nachrichten wächst auch der Stress in unserem Alltag. Nicht wenigen meiner Freunde ging es in den vergangenen Wochen aktiv schlecht, weil sie sich praktisch nicht von der Afghanistan-Berichterstattung losreißen konnten.

Wenn es nicht Afghanistan ist, sind es Wirbelstürme oder Fluten. Oder Kanzlerkandidaten. Irgendwas Schreckliches geht in der Welt immer vor und mit dem Smartphone ist es in unsere Hosentasche gezogen, in unsere Betten, auf unseren Weg zur Arbeit und in unsere Mittagspausen. Die ständige Konfrontation mit Krisen und Katastrophen macht Stress, hebt den Blutdruck, lässt uns ohnmächtig fühlen und treibt uns in die Handlungslosigkeit oder in einen Rückzug ins Private.

Schlechte Nachrichten werden als relevanter bewertet

Dass es gerade die schlimmen Nachrichten sind, die wir dabei ständig konsumieren, hat einerseits mit dem Geschäftsmodell und andererseits mit unserem Gehirn zu tun. Medien brauchen Käufe und Klicks. Aufmerksamkeit. Die kriegen sie eher mit negativen Nachrichten als mit positiven. Es ist dem Menschen seit jeher eigen, das Negative viel mehr zu beachten, denn es nützt seinem Überleben.

Porträtfoto von Marina Weisband (Lars Borges)Marina Weisband (Lars Borges)Marina Weisband wurde 1987 in der Ukraine geboren und kam 1994 als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei. Die Schwerpunkte der Autorin und Diplompsychologin sind Partizipation und Bildung. In ihrem Buch "Wir nennen es Politik" schildert sie Möglichkeiten neuer politischer Partizipation durch das Internet. Seit 2014 leitet sie bei politik-digital.de das aula-Projekt zur Demokratisierung von Schulen.

Die Anwesenheit eines Säbelzahntigers sollte zum Beispiel als relevanter bewertet werden als die gemütlich warme Höhle. Nur dass die Lage in Afghanistan oder entfernte Naturkatastrophen unser eigenes Überleben in Deutschland natürlich nicht direkt bedrohen, aber dennoch Stress und Unwohlsein verursachen.

Mitgefühl allein hilft den Betroffenen nicht

Der erste Einwand hier ist: Moment. Uns in Deutschland mag das zwar nicht akut gefährden, aber doch die Menschen vor Ort! Wo bleibt die Empathie? Wie selbstsüchtig kann man sein? Es ist allerdings für keinen Menschen psychologisch möglich, all das Leid der Welt tatsächlich nachzufühlen und dabei geistig gesund zu bleiben.

Und selbst wenn, was würde es bringen? Den leidtragenden Menschen am nützlichsten bin ich, wenn ich mich beispielsweise politisch für Klimaschutz einsetze, um zukünftige Naturkatastrophen zu verhindern. Wenn ich aber starr vor Mitgefühl durch lauter Katastrophenvideos scrolle, geht es keinem besser.

Zweiter Einwand: Wie soll man ein mündiger Bürger sein, wenn man keine Nachrichten schaut? Wenn ich nicht weiß, was in der Welt passiert, dann kann ich doch auch gar nicht politisch handeln.

Stimmt. Aber wir verwechseln allzu oft Nachrichten im Sinne von bloßen punktuellen Meldungen mit Journalismus. Es ist heute absolut möglich, in Echtzeit Tausende von Schreckensmeldungen aus der ganzen Welt über Twitter zu konsumieren, ohne danach einen Deut schlauer zu sein. Und allzu oft lassen wir uns davon mitreißen.

Einordnende Berichterstattung wichtiger als Meldungen

Was wir allerdings im Alltag oft zu wenig konsumieren, sind einordnende Reportagen, tiefe Recherchen, Aufklärungsjournalismus. Jene Arbeit, die aus vielen Einzelereignissen ein Muster von Ursache und Wirkung macht.

Wir sollten vielleicht nicht aufhören, Nachrichten zu gucken. Aber vielleicht sollten wir nicht passiv diverse Meldungen konsumieren, uns für wohlinformiert halten, aber in Wirklichkeit bloß gestresst und deprimiert sein. Vielleicht ist es besser, etwas Tageszeit in bewussten Konsum einiger weniger, guter Reportagen zu investieren. Und mehr Zeit für Natur, Familie und politische Arbeit zu haben.

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