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StartseiteHintergrundVorbereitet für den Ernstfall25.04.2020

Strombranche in CoronazeitenVorbereitet für den Ernstfall

Privathaushalte, Supermärkte, Krankenhäuser: In Krisenzeiten ist die Stromversorgung in diesen Bereichen wichtig. Die Energiebranche ist darauf vorbereitet und übt regelmäßig den Notfall. Das zahlt sich aktuell aus.

Von Dagmar Röhrlich

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Die Stromversorgung in Deutschland ist gesichert: Wie es mit dem Stromverbrauch weitergeht, das hängt von der Dauer der Pandemie und der Tiefe der zu erwartenden wirtschaftlichen Rezession ab. (picture alliance / Imagebroker)
Die Stromversorgung in Deutschland ist gesichert: Die Branche übt schon seit Jahren, was im Notfall zu tun ist - eine länderübergreifenden Krisenmanagementübung in 2007 hatte ein Influenza-Pandemie-Szenario als Grundlage. (picture alliance / Imagebroker)
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"Nachdem die erste infizierte Person im Kreis Heinsberg bestätigt worden ist, haben wir unmittelbar mit allen Abteilungen am nächsten Tag einen Krisenstab gebildet: Personalabteilung, Betriebsrat, technische Abteilungen, um erste Hygienemaßnahmen zu beschließen und auch weitere Maßnahmen zu eruieren."

Eduard Sudheimer ist Geschäftsführer der Alliander Netz Heinsberg, einem lokalen Stromnetzbetreiber, der zur niederländischen Alliander-Gruppe gehört. Heinsberg ist der Ort, der nach einer großen Karnevalsfeier im Februar dieses Jahres zu einem der ersten Corona-Hotspots in Deutschland wurde. Denn nach dem Corona-Ausbruch war klar: Um die Versorgung zu gewährleisten, musste auch die Stromwirtschaft schnell auf die Pandemie reagieren. "Die größte Herausforderung war in erster Linie zu eruieren, welchen Umfang die ersten Maßnahmen haben müssten, um noch rational vorzugehen." 

Professionelle Umsetzung in der Pandemie

Man schickte einen Teil der 80 Mitarbeiter ins Homeoffice, untersagte Dienstreisen, verteilte Masken und Desinfektionsmittel, stellte Teams zusammen und ging eine Kooperation mit einem benachbarten Netzbetreiber ein: "Dadurch, dass wir die meisten Stationen auch so umgerüstet haben, dass sie fernschaltbar sind und unsere Mitarbeiter von überall her Zugriff darauf haben, ist das unproblematisch, dass auch ein benachbarter Netzbetreiber mit einer kleinen Einweisung die Netzsteuerung übernehmen kann."

Inzwischen, erklärt Eduard Sudheimer, gehört das Thema Corona und der Umgang damit zum Alltag – wie bei allen Unternehmen der kritischen Infrastruktur: Dazu zählt die Energiesparte ebenso wie das Gesundheitswesen, die Wasserversorgung, der Ernährungssektor, das Transportwesen, die innere Sicherheit oder beispielsweise auch die Telekommunikation. 

"Die Stromversorger sind sehr aktiv in der Krisenvorsorge", urteilt Peter Lauwe, Referatsleiter Risikomanagement und Schutzkonzepte Kritischer Infrastrukturen beim BBK, dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: "Das liegt an zwei Gründen: Zum einen an der gesetzlichen Grundlage, die stellt sehr klar die Sicherheit der Versorgung in den Vordergrund. Der zweite Grund ist das starke Selbstverständnis in der Branche, was das Thema Krisenmanagement angeht."

Übungen der Branche und der Krisenstäbe für den Tag X

Schließlich hängt in einer hochentwickelten Gesellschaft alles vom Strom ab. Fiele er ein paar Tage großflächig aus, ginge nichts mehr: kein Licht, kein Wasser, keine Toiletten, keine Heizung, kein Telefon, keine Supermarktkasse – und irgendwann wird selbst die Versorgung mit Dieselkraftstoff für Notstromaggregate problematisch. Deshalb existieren in der Branche Notfallpläne, die auch geübt werden – für den Umgang mit Unwettern, Terroranschlägen, Bränden, Hochwasser – oder teilweise auch Pandemien.

"Es gab Pandemie- und Notfallpläne in der Stromversorgung auch vor dieser Covid-19-Pandemie. Diese Pläne wurden insbesondere auch mit der länderübergreifenden Krisenmanagementübung in 2007, die ein Influenza-Pandemie-Szenario als Grundlage hatte, ausgebaut und ergänzt." In diese Übung waren bundesweit rund 3.000 Personen involviert: Krisenstäbe der Bundesgesundheits- und -innenministerien von sieben Bundesländern, von Unternehmen, Gesundheitsbehörden, Polizei, Katastrophenschutz, Bundeswehr. 

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Der Knackpunkt: der Schutz des Personals

Als Szenario wählte man eine "mittelschwere Pandemie": Ein neuartiger Influenzaerreger aus Asien infiziert in Deutschland 27 Millionen Menschen, von denen 102.000 sterben, so die Simulation. Eine der zentralen Lehren: "Die Knackpunkte liegen eindeutig beim Schutz des Personals." Auch in der Strombranche. Peter Lauwe:

"Insbesondere Schlüsselpersonal in der Stromversorgung verfügt teilweise über eine sehr spezifische Ausbildung. Man benötigt auch Erfahrungen, um beispielsweise in Leitwarten arbeiten zu können. Ein Ausfall kann nicht beliebig kompensiert werden. Für das Personal müssen also Schutzmaßnahmen eingeführt werden."

Als sich dann im Februar abzeichnete, dass das Coronavirus nicht aufzuhalten ist, holten die Unternehmen ihre eigenen Notfallpläne aus der Schublade. Die meisten stammten von 2009, dem Jahr der H1N1-Pandemie, der Schweinegrippe: "Das heißt, die Unternehmen wissen genau: Was sind meine kritischen Wertschöpfungsprozesse? Wo habe ich Schlüsselpersonal?"

Einbeziehung des familiären Umfelds wichtig

Diese Pläne seien zum Teil sehr weitreichend gewesen, hätten auch die Familien der Mitarbeiter einbezogen, erklärt Stephan Boy vom "Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit", einer fraktionsübergreifenden Initiative von Bundestagsabgeordneten, die sich mit Themen der öffentlichen Sicherheit befasst. 

"Jeder weiß natürlich, wenn dann Angehörige krank werden, dann verschieben sich auch die Prioritäten. Da kann der Job noch so wichtig sein, wenn zuhause mein krankes, sehr krankes Kind liegt, dann bleibe ich im Zweifelsfall zuhause bei meinem Kind. Und das kommt natürlich, wenn man das so sagen kann, in der jetzigen Situation positiv zum Tragen, dass eben diese Vorbereitung da ist." 

Jede Krise hat ihre eigenen Herausforderungen

Die Energieunternehmen mussten ihre Pandemiepläne allerdings für die aktuelle Situation weiterentwickeln. Denn zum einen gibt es – anders als bei der Schweinegrippe-Pandemie – kein Medikament, zum anderen ist das Virus ansteckender als H1N1 oder auch der Erreger der SARS-Pandemie 2002. Und so zeigt sich bereits ein erstes Problem: die knappen Schutzausrüstungen, erläutert Kerstin Andreae. Die ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete ist Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des BDEW, des Bundesverbands der Energie und Wasserwirtschaft.

"Wir brauchen Zugang zu Schutzausrüstung und Schutzmasken. Die sind ja gerade rares Gut. Ich kann auch völlig nachvollziehen, dass natürlich in erster Linie die Gesundheitsbranche hier ausgerüstet werden muss. Aber worauf wir hinwirken möchten, ist, dass auch beim Gesundheitsministerium klar ist, dass die Leute, die Entstörungstätigkeiten machen, die in den Leitstellen sind, die brauchen diese Ausrüstung auch, um die Versorgung gewährleisten zu können. Und das stellt sich im Moment noch als ein größeres Problem dar."

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Dennoch versucht die Energiebranche, sich so gut wie möglich vorzubereiten, damit der Strom nicht ausfällt. In Österreich ging man da schnell sehr weit. "Mein Name ist Simon Schacher, ich bin 24 Jahre alt. Seit zwei Jahren jetzt im Kraftwerk, ursprünglich habe ich da gelernt." – "Mein Name ist Walter Münkler, 31. Wir begeben uns für Euch in Quarantäne." 

Um den Betrieb auch aufrecht zu erhalten, falls die Epidemie außer Kontrolle gerät, hatten sich bei der Wien Energie Mitte März 53 Mitarbeiter freiwillig "kaserniert": Sie lebten isoliert von der Außenwelt auf den Betriebsgeländen. Zwar wurde diese Maßnahme inzwischen aufgehoben, doch vorbereitet wurde und wird sie auch in Deutschland. Als letzter Ausweg – denn die Belastungen für die Mitarbeiter sind hoch. 

Ansonsten setzen alle – vom kommunalen Betreiber bis hin zu denen, die die Höchstspannungsnetzwerke unterhalten – auf Hygiene, Abstand – und Notfallschichtpläne. Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer beim Verband kommunaler Unternehmen: "Eine der ersten Maßnahmen war, dass in manchen Betrieben auch unterschiedliche Teams gebildet wurden, die nicht mehr in Kontakt miteinander kommen sollten. Für den Fall, dass in einem Team eine Infektion auftritt und Quarantäne angeordnet werden muss, muss sichergestellt werden, dass ein zweites Team die Arbeit ohne jegliche Einschränkung weiter aufrechterhalten kann."

Ersatzwarten stehen in den Kraftwerken bereit

Dabei ist die räumliche Trennung der Schichten beim Betrieb des Stromnetzes leichter zu organisieren als im Kraftwerk. Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers EWE AG in Oldenburg: "Während ich im Kraftwerk logischerweise die Leute in der Leitwarte des Kraftwerks und im Betrieb des Kraftwerks am selben Standort haben muss, ist das im Netz anders. Dort haben wir zwei getrennte Leitwarten. Also eigentlich eine Redundanz, also eine Ersatzwarte, die wir jetzt aktiviert haben."

Auch der Betrieb in den deutschen Kernkraftwerken, die 2018 rund zehn Prozent des deutschen Stroms produzierten, läuft im Corona-Modus: mit getrennten Teams, Abstandhalten und besonderen Hygienevorschriften. Aber Herausforderungen bleiben: vor allem beim jährlichen Brennelementwechsel, wie gerade im niedersächsischen Atomkraftwerk Grohnde: "Normalerweise ist ein Brennelementwechsel natürlich absolut dahingehend optimiert, den Stillstand der Anlage so kurz wie möglich zu halten: Die Brennelemente entnehmen, neue reinsetzen, den Deckel wieder zumachen, plus die ganzen Prüfungen und Standortüberholung an zum Beispiel Notstromdiesel durchführen."

Sechs Wochen Ausfall sind auch kein Problem

So etwas dauert meist zwei Wochen, erklärt Uwe Stoll, Geschäftsführer der GRS, der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln – die vor allem Ministerien und Behörden berät. "Das bedeutet aber dann, dass ich gleichzeitig zu meinem Anlagenpersonal noch circa tausend Mitarbeiter von Fremdfirmen habe, die diese ganzen verschiedenen Arbeiten ausführen. Das ist natürlich in gegenwärtigen Zeiten eine ziemliche Herausforderung, so dass man im Moment dabei ist, diese Revisionen anders zu planen, das heißt relativ wenig Personal über die Zeit zu strecken. Übersetzt gesagt: Die Revision wird länger dauern. Dafür hat man aber gleichzeitig nicht mehr als 250 Leute Fremdpersonal auf der Anlage." 

Dass Grohnde, das im Jahr 11 Milliarden Kilowattstunden Strom liefert, statt zwei nun wohl sechs Wochen ausfallen wird, ist kein Problem. Denn: "Beim Stromverbrauch in Deutschland spüren wir natürlich deutliche Verbrauchsrückgänge. Wir haben in der vergangenen Woche einen Rückgang von zwölf Prozent gehabt im Vergleich zum gleichen Zeitraum in den Jahren 2017 bis 2019. Das ist krisenbedingt", erläutert Kerstin Andreae vom BDEW. 

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Die Ursache der Rückgänge: weitgehend leere Bürogebäude, geschlossene Restaurants und Geschäfte. Vor allem die gedrosselte Industrieproduktion schlägt durch, denn die Industrie steht in Deutschland für rund 45 Prozent des Stromverbrauchs. Punktuell ist der Stromverbrauch hingegen gestiegen: "Viele arbeiten im Homeoffice. Da hat es natürlich einen erhöhten Stromverbrauch in privaten Haushalten, in den Internetknoten, in Rechenzentren", aber "der erhöhte Verbrauch im privaten Haushalt kompensiert nicht den wegfallenden Stromverbrauch in der Produktion". 

Mit einem Minus beim Verbrauch von rund zwölf Prozent steht die deutsche Stromwirtschaft recht gut da. In anderen europäischen Ländern sind die Veränderungen drastischer. In Italien beispielsweise ist der Stromverbrauch um 30 Prozent eingebrochen, vor allem, weil nur noch für die Grundversorgung absolut unverzichtbare Betriebe geöffnet sind. Ähnlich markant sind die Einbrüche in Spanien oder Frankreich. Das führt unter anderem dazu, dass drei französische Atomkraftwerke für die kommenden Monate abgeschaltet bleiben. 

Starker Einbruch an der Strombörse

Weil der europäische Strommarkt eng miteinander vernetzt ist, bleiben die Auswirkungen der Einbrüche aber nicht auf ein Land beschränkt: "Durch den starken Lastrückgang in Frankreich, Italien und Spanien schlägt sich das dann in den Marktpreisen nieder", sagt Klaus Kleinekorte, technischer Geschäftsführer des Netzbetreibers Amprion. Sprich: An den Strombörsen sind die Preise durch Corona stark gefallen. Dort ging in der ersten Aprilhälfte der Preis pro Megawattstunde um circa 50 Prozent zurück – auf rund 17 Euro. Zu Ostern sind die Preise noch weiter gesunken. "Das ist etwas, was die Kraftwerke und die Händler natürlich beeinträchtigt. Und sie müssen mit diesem Thema umgehen."

Dazu kommt, dass die erneuerbaren Energien bei den oft günstigen Wetterbedingungen kräftig produzieren. Sie werden vorrangig ins Netz eingespeist – und gleichzeitig funktioniert das Zusammenspiel mit den unflexiblen Kohle- und Kernkraftwerken derzeit nicht besonders gut – unter anderem wegen der europaweit stark gesunkenen Nachfrage.

"Das ist für uns im Netz sozusagen etwas, was wir beobachten, aber was natürlich nicht so sehr unser Tagesgeschäft ist. Wir müssen ja den Strom nur transportieren, und die Aufgabe hat sich für uns nur leicht verändert gegenüber dem Normalbetrieb."

Der Verbraucher profitiert beim Preis erstmal nicht

Soll heißen: Auch wenn die Netze gerade nicht bis an den Rand ihrer Kapazitäten ausgelastet sind, gibt es für Netzbetreiber wie Amprion immer noch genug zu tun. Durch den gesunkenen Verbrauch sind die Überschussmengen größer, das Steuern und Regulieren ist also nicht weniger geworden. 

Wie es mit dem Stromverbrauch weitergeht, das hängt von der Dauer der Pandemie und der Tiefe der zu erwartenden wirtschaftlichen Rezession ab. "Wenn wir in eine Rezession kommen, eine lange Rezession, wird natürlich die Nachfrage nach Strom auch sinken. Das wird Auswirkungen auf den Preis haben." Und damit auch auf die Stromunternehmen. Der Verbraucher merke jedoch vorerst nichts davon, weil Strom langfristig zu fixen Preisen eingekauft wird, erläutert Kerstin Andreae.

Sollte die Stromnachfrage wieder steigen, sehe die Branche keine Probleme, die Systeme auf den Zustand vor der Krise hochzufahren, sagt Ingbert Liebing, der die Interessen der kommunalen Energiewirtschaft vertritt: "Die kommunalen Unternehmen sind sicherlich jederzeit in der Lage, wieder zur Normalität zurückzukehren, etwas mehr Vorlauf ist dabei sicherlich hilfreich. Aber da die Grundstruktur ja steht, sind die Unternehmen auch in der Lage, jederzeit wieder zu einem früheren Stand hochzufahren."

Ein Schmelzofen der Trimet Aluminium AG in Hamburg wird am Mittwoch (09.05.2007) mit flüssigem Aluminiumoxid befüllt. Trimet hatte das Werk von den Vorbesitzern übernommen, die es wegen zu hoher Energiekosten stillgelegt hatten. Bis Mitte Juni sollen 180 der insgesamt 270 Öfen wieder laufen, eine zweite Staffel mit den restlichen 90 wird bis Ende 2007 in Betrieb genommen. Dann erreicht das Werk seine volle Kapazität von 133 000 Tonnen Aluminium jährlich. Foto: Ulrich Perrey dpa/lno +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa) (dpa)Heikle Rohstoffgewinnung - Der schwierige Weg zum Aluminium 
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Plötzliche Lastenwechsel stressen das Stromnetz

Was das Stromnetz stresst, sind plötzliche Lastwechsel, große Schwankungen, etwa wenn aus einer Notsituation heraus ein großer Verbraucher unerwartet abgeschaltet wird. Oder wenn, wie im November 2006, wegen der Überführung eines Kreuzfahrtschiffs das Abschalten einer Höchstspannungsleitung zu einer Kettenreaktion führt, durch die letztendlich zehn Millionen Haushalte in halb Europa ohne Strom waren. Stephan Boy vom Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit:

"Man darf ja eins nicht vergessen: Das, was jetzt bei den Produktionsunternehmen auch läuft, dass die sagen: Naja, wir fahren ja nicht ganz auf null runter. Wenn Sie sich eine Produktionsstätte vorstellen: Die wird weiter klimatisiert, die wird weiter geheizt, die wird weiter beleuchtet und so weiter und so weiter. Zum Teil laufen bestimmte Produktionsprozesse auch noch so im Stand-by-Betrieb ab, weil, wenn man sie ganz ausschalten würde, dieses Wiederanfahren sehr lange Zeit kostet, einfach prozesstechnisch, und das möchte man ja nicht. Es ist eben nicht einfach der Schalter, der umgelegt wird, und man sagt: So, und jetzt brauchen wir plötzlich 20 Prozent mehr, sondern das passiert ja auch in Schritten."

Industrie und Netzbetreiber im ständigen Austausch

Und die großen industriellen Verbraucher stehen ohnehin ständig in Kontakt mit dem Netzbetreiber, teilen mit, was ansteht. Das Wiederanfahren der Wirtschaft in den kommenden Wochen und Monaten werde sich von der Stromseite her nicht groß vom Tagesgeschäft unterscheiden, vermutet Klaus Kleinekorte vom Netzbetreiber Amprion:

"Ich muss von heute auf morgen eine entsprechende Prognose für das System machen. So muss ich nun auch prognostizieren, dass die Last wieder in Schritten ansteigt, weil dann die Industrie und auch das Verbraucherverhalten sich vielleicht in Summe ein bisschen ändert. Und das ist, denke ich mal, für uns durchaus geübte Praxis. Da sehen wir keine übertriebenen, unlösbaren Probleme auf uns zukommen. Da mache ich mir eigentlich keine großen Sorgen."

Bundesnetzagentur bereit, Fristen zu verlängern

Auch wo derzeit beispielsweise Stromleitungen verlegt werden, läuft der Bau meist weitgehend normal – es sei denn, der Nachschub stoppt. Probleme können aber mit Blick auf künftige Investitionen entstehen, wenn Fristen wegen Corona nicht eingehalten werden können. Beispielsweise weil Bürgerbeteiligungen bei Genehmigungsverfahren nicht möglich sind. Stefan Dohler vom Energieversorger EWE:

"Das kann eben sein, dass durch eine länger dauernde Krise vielleicht einige der Genehmigungen vielleicht aus einer Frist rauslaufen. Und dann könnte man, wenn man stur ist, sagen: Okay, dann geht mal ganz am Anfang, tut so, als ob das alles jetzt nochmal bei null ist. Und dann hätten wir sehr viel Zeit verloren, und damit würden wir plötzlich dann unnötigerweise wichtige Investitionen in erneuerbare Energien, in Ausbau von Netzen, in Ausbau von Digitalisierung von Ladeinfrastruktur noch verzögern, obwohl wir eigentlich Gewehr bei Fuß stehen."

Die dafür zuständige Bundesnetzagentur erkennt die Probleme durch die Pandemie durchaus an – und ist bereit, Fristen zu verlängern, wo es von gesetzlicher Seite her geht. 

Zentrale Lehren für Lieferketten überdenken

Seit rund zwei Monaten ist die Strombranche sozusagen in der Corona-Krise. Im Grunde war die Pandemie für die Branche kein "schwarzer Schwan", kein unerwartetes Ereignis von großer Tragweite. Die meisten Unternehmen mussten ihre alten Pandemiepläne lediglich anpassen. Peter Lauwe vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe:

"Grundsätzlich kann man sagen, dass die Bausteine im Krisenmanagement oder in den Notfallplänen für die Covid-19-Lage und für eine normale Pandemie gleich sind. Eine Besonderheit bilden im Moment die Vorgaben von staatlicher Seite, beispielsweise zu Hygienemaßnahmen, die natürlich auch von den Unternehmen berücksichtigt werden müssen."

"Man muss natürlich auch immer schauen, was ist letztendlich verantwortbar? Wie viel Aufwand treibe ich? Dieses Thema Pandemie, wenn man sich dort mit Virologen unterhalten hat im Vorfeld von Covid, dann war die einhellige Meinung, das ist nicht eine Frage ob, sondern nur wann. Jetzt überlegen Sie sich: Sie sind eine Organisation, sie haben eine Vielzahl von Themen im Tagesgeschäft und jetzt sollen Sie sich auf eine ja doch sehr abstrakte und wahrscheinlich nie auftretende Situation vorbereiten. Will also sagen: Natürlich gibt es schon jetzt 'lessons learned'. Und natürlich werden daraus auch bestimmte Abläufe für die Zukunft noch einmal anders organisiert werden als heute", erklärt Stephan Boy vom Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit. 

Eine zentrale Lehre, die sich jetzt schon ziehen lässt: Die Politik muss sich künftig viel mehr Gedanken darüber machen, was wo produziert wird und wie die Lieferketten aussehen: ob nun für Medikamente oder eben Schutzausrüstung oder Desinfektionsmittel. Denn ohne diese Grundlagen werden irgendwann auch in der Strombranche die besten Krisenpläne Makulatur.

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