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StartseiteDeutschland heuteKritik aus Bayern an Südlink22.02.2019

StromtrasseKritik aus Bayern an Südlink

Über die Südlink-Trasse soll Strom aus Windenergie von Nord- nach Süddeutschland geleitet werden. 135 Kilometer der Trasse sollen durch Bayern laufen. Die Betreiber haben die Pläne vorgestellt und die Anwohner protestieren.

Von Michael Watzke

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Auf Heuballen prangt am 20.05.2015 an einer Straße bei Fritzlar (Hessen) ein Transparent der Gegner der Stromtrasse Suedlink. (dpa/picture alliance/Uwe Zucchi)
Auf Heuballen prangt an einer Straße bei Fritzlar (Hessen) ein Transparent der Gegner der Stromtrasse Suedlink. (dpa/picture alliance/Uwe Zucchi)
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Ulrich Werner ist geladen. In jeder Hinsicht. Der Bürgermeister von Bergrheinfeld ist eingeladen, aufgeladen und fühlt sich überladen.

"Das können Sie sich ja vorstellen: wenn da schon 170 Strommasten sind und noch weitere gebaut werden, dann noch Konverter-Hallen. Da wird das Landschaftsbild nachhaltig gestört, verändert, unattraktiver gemacht."

Widerspenstige Bürgermeister

Ulrich Werner ist einer von fünfzig betroffenen Kommunalpolitikern in Unterfranken. Die Netzbetreiber-Firma Tennet hat die Bürgermeister und Verwaltungs-Chefs nach Würzburg gebeten, um ihnen ihren Plan für die Stromtrasse Südlink vorzustellen. Im Saal sind keine Reporter zugelassen - der Strom entlädt sich danach. Etwa bei Matthias Liebst, dem Bürgermeister von Oberstreu in der Rhön. Er ist Landwirt und fürchtet, dass auf seinem Boden nicht mehr so viel wächst, wenn ein Erd-Stromkabel darunter liegt:

"Erfahrungsgemäß führt jedes Umkrempeln vom Boden zu Ertragseinbußen." Andere Gemeindevertreter haben im Info-Gespräch gerade erfahren, dass der Kelch - also die Südlink-Trasse - an ihnen vorübergeht. Etwa an Conny Schmuck aus Nordheim an der bayerisch-thüringischen Grenze.

"Es scheint so zu sein, dass die Variante, die durch Nordheim durchgeht, momentan nicht der Favorit ist. Sind wir letztlich auch froh drum."

Klagen gegen Netzbetreiber drohen

Aber noch sind es nur Pläne, erklärt Christoph Schulze-Wischeler vom Netzbetreiber Tennet. Beschlossen ist nichts. Und die Zeit drängt. Wenn die Energiewende einschließlich des Atomausstiegs fristgerecht laufen soll, müssen die Planungen von Südlink bis 2021 abgeschlossen sein. Und der Termin in Würzburg zeigt: Die Netzbetreiber müssen mit Klagen rechnen. Schließlich gibt es 50.000 betroffene Grundstücks-Eigentümer. Und von der Politik kommt wenig Unterstützung. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern bremst beim Thema Netzausbau eher als zu beschleunigen.

"Ich sehe derzeit nicht die große Antwort auf die Frage, wie wir die Energielücke im Süden schließen können. Die Trassen werden vorgeschlagen, Planungen laufen, aber die Realisierung steht in den Sternen."

Bayerns Wirtschaftsminister fordert dezentrale Stromversorgung

Aiwanger will die Energiewende dezentralisieren, das bedeutet: er will, dass weniger Strom über große Leitungen von Norddeutschland nach Süddeutschland fließt. Stattdessen will er mehr Strom in Süddeutschland erzeugen und vor Ort speichern. Dadurch würden große Stromkonzerne im Norden weniger verdienen, kleine Stromerzeuger im Süden mehr, sagt Wirtschaftsprofessorin Veronika Grimm vom Energie-Campus Nürnberg:

"Wenn ich die Trassen ausbaue und Strom zentralisiert erzeuge, dann ist die Erzeugung günstiger, weil man an den günstigsten Standorten erzeugen kann. Aber dafür entstehen Kosten für die Übertragung. Wenn ich dezentral erzeuge, dann entstehen weniger Kosten für die Übertragung, aber die Erzeugung wird teurer. Weil ich an ungünstigeren Standorten produziere. Und das ist eine Abwägung. Wir haben in Studien gezeigt, dass diese Abwägung nicht klar zugunsten der zentralen Erzeugung ausfällt, sondern dass man sich aus Kostengesichtspunkten ein gewisses Maß an Dezentralität erlauben sollte."

Ganz ohne Stromtrasse geht es nicht

Aber ist ein Szenario ganz ohne Südlink und andere große Stromtrassen denkbar? Könnte man den industriellen Süden Deutschlands mit Solar- und Windenergie vor Ort ausreichend versorgen? Nein, behaupten die meisten Experten. Auch Prof. Grimm sagt:

"Ganz verzichten auf die Hochspannungs-Übertragungsklassen kann man sicherlich nicht. Es muss in gewissem Maße zugebaut werden. Wahrscheinlich nicht in dem Maße, in dem man sich das ursprünglich vorgestellt hat."

Und die Bürger? In den betroffenen Gemeinden ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig. Etwa in Arzberg in Oberfranken. Hier will Tennet die Stromtrasse Südostlink verlegen. Der örtliche Bürgermeister Stephan Göcking sagt:

"Prinzipiell lehnt die Politik vor Ort diese Trasse ab. Aber: Meine klare Meinung ist, man wird auch ein Stückweit Netzausbau brauchen. Ob es eine Gleichstrom-Hochspannungstrasse sein muss, wage ich fast zu bezweifeln, aber gut, das ist politisch beschlossen. Dass die Leute damit nicht glücklich sind - die Landwirte und Bewohner, die sich dafür fürchten, weil man noch keine konkreten Erkenntnisse hat - verstehe ich auch. Aber ich glaube, durch die Forschung an diesen Netzen, durch die Einspeisung, durch Speicher und durch regenerative Energien kann man einen Großteil dieser - nennen wir sie mal Monstertrassen - verhindern. Oder sie zumindest in eine andere Richtung lenken."

Netzbetreiber Tennet sucht weiter das Gespräch mit den Grundstückseigentümern und stellt Entschädigungen in Aussicht. Die könnten teuer werden. Und bezahlen muss sie am Ende der Stromkunde - über deutlich höhere Strompreise.

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