Donnerstag, 08. Dezember 2022

Strukturwandel in Oberschlesien
Computerjobs statt Kohlengrube

Seit dem 19. Jahrhundert wird in Oberschlesien Kohle gefördert. Jetzt geht das Zeitalter der Kohle zu Ende und die Region muss sich neu erfinden. Vor allem IT-Unternehmen siedeln sich jetzt an - aber die Erfolgsbilanz hat auch Schattenseiten.

Von Jan Pallokat | 02.11.2022

Menschen warten an der Bushaltestelle vor dem Bergwerk Bobrek (Archivbild)
Menschen warten an der Bushaltestelle vor dem Bergwerk Bobrek (Archivbild) (picture alliance / dpa / CTK / Klatka Grzegorz)
Aus seinem Bürofenster in der Kattowitzer "Ulica Weglowa" – der "Kohlenstraße" – blickt Unternehmensgründer Mariusz Szymocha auf ein Panorama des umfassenden Strukturwandels, den seine Heimatregion in nur zweieinhalb Jahrzehnten durchgemacht hat. Er sieht vier alles überragende Bürotürme, weitere sind bereits im Bau, auf denen große westliche Unternehmensberatungen ihre Logos platziert haben, die nun die Skyline der einstigen Arbeiterstadt prägen. In der Nähe steht eines der größten Einkaufszentren Polens, errichtet um einen ausgedienten Förderturm. 

Beraterwelt statt Grubenschlesisch

Handel und Dienstleistung statt Kohle und Stahl, Schreibtisch und Computer statt Helm und Schmelzofen, Anglizismen aus der Beraterwelt statt Grubenschlesisch der Kumpel: Szymocha selbst ist Antreiber des Strukturwandels. Vor zehn Jahren gründete er seine eigene, polnische Unternehmensberatung, um den "Global Players" in den Hochhauswürfeln vor seinem Fenster Konkurrenz zu machen.
"Wir stehen in ihrem Schatten, aber es ist ein warmer Schatten. Sie haben ihre Gebäude und ihr riesiges Logo, aber sie sind auch eine Inspiration für uns. Wenn sie hier erfolgreich sind, warum sollten wir es nicht auch sein, mit eigenem Wissen, eigener Erfahrung? Auch wir waren im Westen und habe Dinge selbst gesehen, wir lernen die ganze Zeit. Warum sollten wir scheitern?"
Szymocha selbst ist 40 Jahre alt. Er steht mit seiner Person für vieles, was sich fundamental geändert hat in seiner oberschlesischen Heimat. Statt ein Leben lang im gleichen Betrieb zu arbeiten, wie viele hier es Generationen lang gemacht haben, kam er schon in jungen Jahren herum in der Welt. In einer US-Hotelkette half er als Student bei der Optimierung des Fuhrparks. Er arbeitete für einen internationalen Schienenfahrzeughersteller, dann hat er sich selbständig gemacht, um Firmen Ratschläge zu geben, was sie besser machen können, wie sie sich im Wettbewerb behaupten können.

Erste Blicke auf eine mögliche Zukunft

"Wenn wir vor 60, 80 oder 100 Jahren geboren worden wären, hätten wir vermutlich in der Industrie gearbeitet, höchstwahrscheinlich in einem Berg- oder Stahlwerk, und wir hätten Ingenieurstätigkeiten ausgeübt. Wir hätten die Funktionsweise der Anlagen verbessert oder neue Technologien entwickelt."
Rund 30 Jahre nach der Wende eröffnet der andauernde Strukturwandel in Oberschlesien, der Industrie-Gegend im Süden Polens, erste Blicke auf eine mögliche Zukunft der Region, die von Kohle, Metallurgie und Schwerindustrie geprägt ist wie in Deutschland das Ruhrgebiet oder der umkämpfte Donbas in der Ukraine.
Oberschlesien ist durchzogen von verlassenen Werksgeländen, Fördertürmen und Schloten, aus denen aber immer seltener Qualm kommt. Kohle, Eisen und Stahl waren Quelle des Wohlstands. Die vielen Städte im Ballungsraum – Kattowitz, Gliwice, Chorzow – die sich wie im Ruhrgebiet nahtlos aneinanderreihen, gelangten überhaupt nur von Dorf- auf Stadtniveau wegen der industriellen Revolution und großer Kohlevorkommen, die seit dem frühen 19. Jahrhundert im damals noch deutschen Oberschlesien ausgebeutet wurden.
Bergwerk Wujek in Kattowitz (Archivbild)
Bergwerk Wujek in Kattowitz (Archivbild) (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Czarek Sokolowski)
Unternehmsberater Szymocha, dem nicht nur das Korsett als Angestellter einer Firma irgendwann zu eng wurde, kehrte auch aus Verbundenheit zu Familie und Heimatregion zurück nach Kattowitz, um sich dort selbständig zu machen. Ein Einzelfall ist er damit nicht: Der Großraum entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem Dienstleistungszentrum, globale Beratungsfirmen kamen hierher, während umgekehrt hunderttausende Industrie- und Grubenarbeitsplätze verloren gingen. Die Stellen im Bergbau sanken von gut 400.000 auf zuletzt noch 70.000 – und das in nur 20 Jahren. Vielfach eingestellt wurde auch die Metallgewinnung und Weiterverarbeitung. Mit Folgen für die Menschen, berichtet Bartlomiej Gabrys von der schlesischen Wirtschaftshochschule, ein Experte für die regionale Wirtschaftsstruktur.
"Margret Thatcher musste, als sie in Großbritannien 30.000 Menschen entließ, die Armee schicken. In Schlesien ging es glatt. Die Menschen erhielten Entschädigungen, man versuchte sie bei anderen Tätigkeiten zu unterstützen. Aber der Preis dafür war hoch. Viele Familien der Bergleute haben sich nicht zurechtgefunden, es gab Elemente des Zusammenbruchs, und doch gelang es irgendwie. Das ist eine Grundeigenschaft der Schlesier, dass wir es immer irgendwie schaffen. Es braucht seine Zeit, aber der Wandel hat damals stattgefunden, und er findet weiterhin statt, denn wir wissen, dass die Kohle nicht unbegrenzt genutzt werden kann."
2015: Kohlekumpel bei Protesten in Gliwice gegen drohende Zechenschließungen
2015: Kohlekumpel bei Protesten in Gliwice gegen drohende Zechenschließungen (picture alliance / dpa / Andrzej Grygiel)

Importkohle ist günstiger

Hauptgrund für die immer geringer werdende Förderung: Die Kosten sind zu hoch, Importkohle ist günstiger. Ökonomische Zwänge sind also Haupttreiber der für viele schmerzhaften Abwendung von Kohle und Schwerindustrie. Nicht etwa die Politik, die die Richtung klar vorgeben würde. Im Gegenteil: Bis zuletzt pflegten Politiker verschiedener Couleur, die Kohle als Garant von Energiesicherheit hochleben zu lassen und den Bergmann, der schon in der sozialistischen Volksrepublik zu einer Art Elite der Arbeiterklasse stilisiert wurde.
Premier Mateusz Morawiecki etwa sprach vor Grubenarbeitern von "unserem schwarzen Gold", Staatspräsident Andrzej Duda irritierte den Kattowitzer Klimagipfel 2018 mit der Aussage, Polen habe genug Kohle für die nächsten 200 Jahre. "Kohle ist unsere strategische Energiereserve. Laut Experten reicht sie für 200 Jahre, und es ist schwer vorstellbar, dass wir von einem Energieträger abrücken, der uns Energiesouveränität garantiert."
Mateusz Morawiecki 2019 im Wahlkampf in Schlesien
Mateusz Morawiecki 2019 im Wahlkampf in Schlesien (picture alliance / dpa / CTK / Klatka Grzegorz)
Tatsächlich steckt im Boden Oberschlesiens noch viel Kohle. Allerdings haben sich die am besten zugänglichen Lagen in 200 Jahren Bergbau erschöpft, muss immer tiefer und teurer gegraben werden – und das ist gefährlich, sagt Wirtschaftsexperte Gabrys: "Das Problem mit dem Bergbau in Oberschlesien ist die Explosionsgefahr wegen des Methangases. Je tiefer wir gehen, desto häufiger gehen wir auf 1.000 bis 1.200 Meter Tiefe. Unter anderen geologischen Bedingungen wäre das gar kein großes Drama, aber hier in Schlesien sind das Tiefen, in denen die Gefahren für die Bergleute in Summe schon sehr groß sind."

Bergwerke verschlangen viel Steuergeld

Doch einen politisch gewollten Kohleausstieg zu verkünden wie in Deutschland haben weder die aktuelle PiS-Regierung noch ihre Vorgänger gewagt. Tatsächlich stehen die staatlichen Kohleriesen aber schon lange unter Druck, jenseits feierlicher Bekenntnisse werden seit Jahren Fakten geschaffen: Bergwerke zusammengelegt und geschlossen, Arbeitern das Ausscheiden nahegelegt. Denn die in großen staatseigenen Gruppen zusammengefassten Bergwerksaktivitäten machten viele Jahre erhebliche Verluste und verschlangen somit viel Steuergeld. Und so ist in Polen ein Kohleausstieg auf Raten längst angelaufen, ohne an die große Glocke gehängt worden zu sein.
Ein Bergarbeiter-Blasorchester spielt in Kattowitz
Ein Bergarbeiter-Blasorchester spielt in Kattowitz (picture alliance / AP Photo / Czarek Sokolowski)
Das Zeitalter der Kohle in Polen geht also zu Ende. Zwar werden in Städten wie Zabrze noch letzte Vorkommen ausgebeutet. Aber schon lange arbeiten hier nicht mehr Zehntausende, Ende nächsten Jahres wird der Abbau auch hier voraussichtlich eingestellt. Klaudiusz Wieczorek, einer der letzten Grubenarbeiter dort, meint: "Jede Generation muss irgendwo arbeiten und leben und eine Familie ernähren. Und hier stand nun mal das ganze Leben im Zeichen der Mine. Mein Vater, mein Großvater, sie alle arbeiteten im Bergwerk. Wir alle lebten davon. Und jetzt ist Kohle in Anführungszeichen 'unnötig'."
Zwar wären viele bereits geschlossene Gruben aktuell wohl wieder rentabel, nachdem der Kohlepreis in die Höhe schnellte wie andere Rohstoffpreise auch. Doch lassen sich stillgelegte Gruben schon aus technischen Gründen nicht einfach von heute auf morgen wieder hochfahren. Und, sagt Regionalexperte Gabrys: "Es mag seltsam erscheinen, aber eines der grundlegendsten Probleme des Bergbaus besteht heute darin, dass es keine Menschen gibt, die dort arbeiten wollen. Nun sucht man nach Leuten, die manchmal aus sehr weit entfernten Bereichen, die gar nichts mit dem Bergbau zu tun haben, ganz unten arbeiten wollen. Und das ist ziemlich schwierig."

Lange Zeit schlecht Luft

Auch die Regionalpolitik hatte eher Zukunftsfragen im Blick als die Rettung von Branchen, deren Zeit abgelaufen zu sein schien. Sie nutzte freiwerdende Flächen für die Kultur, wie in Kattowitz, wo ein früherer Schacht zur Oper umgebaut wurde, oder entwickelte ausgedehnte Grünflächen mit vielerlei Freizeitmöglichkeiten. "Statistisch gesehen ist die Wojewodschaft Schlesien zu mehr als einem Drittel grün. Wir achten überhaupt mehr und mehr darauf, in welcher Art von Umwelt wir leben und dass es eine angenehme Umwelt ist", sagt Gabrys. 
2017: Smog in Kattowitz
2017: Smog in Kattowitz (picture alliance / PAP / Andrzej Grygiel)
Wie schlecht die Luft einst war, zeigt der oft schwarze Rußfilm auf den Backsteinfassaden älterer Mietshäuser. Oberschlesien ist ein Ballungsraum mit knapp drei Millionen Menschen. Die Region gilt als lebenswert und gut angebunden. Mit Sonderwirtschaftszonen versuchte die Region internationale Investoren anzuziehen, vor allem im Automobilbau gelang das gut. Zugleich ist die Region ein großer Hochschulstandort, der internationalen Anschluss sucht. Hochschullehrer Bartlomiej Gabrys etwa lehrt überwiegend auf Englisch.
Dass ausgerechnet viele internationale Dienstleistungsanbieter hier investierten, mag neben den verbreiteten Sprachkenntnissen auch mit der großen Zahl an Hochschulabsolventen zu tun haben, und wohl auch mit einem im Vergleich etwa zum boomenden aber auch teureren Warschau noch moderaten Lohnniveau. Über 100.000 Menschen pendeln allein jeden Tag in die oberschlesische Hauptstadt Kattowitz, so die Statistik. "Heute haben wir in Kattowitz den hiesigen Hauptsitz des IT-Dienstleisters IBM, wo viele junge Leute einen Dienstleistungsjob gefunden haben. Ernst & Young, alle großen Anbieter sogenannter 'Remote Services' wie Fernwartung oder Fernbetrieb über das Internet sind hier. Sie alle sind entlang der Autobahn A4 von Krakau über Breslau nach Deutschland aufgereiht. Das bildet ein Transport-Rückgrat, das sich durch ganz Schlesien zieht", so Gabrys. 
Einige Städte wie Kattowitz oder Gliwice entwickeln sich zu Zentren dieser neuen, serviceorientierten Unternehmenslandschaft. Andere etwas abseitiger der Autobahn gelegene Städte im Ballungsraum entwickeln sich zu reinen Schlafstädten, wieder andere wie das einst reiche Beuthen, polnisch Bytom, suchen noch nach ihrer Rolle. Die Stadt ist derartig vom Bergbau unterhöhlt, dass vielerorts wegen Statikrisiken weder gebaut noch investiert werden kann. In der Zwischenbilanz aber weist Oberschlesien eine im polnischen Vergleich unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit von gut drei Prozent auf. Vielerorts kann man von Vollbeschäftigung sprechen.

Industrielles Erbe bleibt präsent

Gleichzeitig aber bleibt das industrielle Erbe präsent. Nicht nur durch allerhand architektonische Relikte des Industriezeitalters, denen man hier überall begegnet. Die gefährliche Arbeit in den Gruben und Hochöfen prägte auch die Menschen und schweißte sie zusammen. Sie prägte das Denken, die Mentalität, regionale Kultur und Musik und sogar die Sprache.
Eine Frau geht am Bergwerk Wujek in Kattowitz vorbei (Archivbild)
Eine Frau geht am Bergwerk Wujek in Kattowitz vorbei (Archivbild) (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Czarek Sokolowski)
Die Historikerin Beata Piecha von Schangen ist eine der bekanntesten Schlesienforscherinnen. Sie spürt nach, wie hinter den neuen Arbeits-, Wohn- und Lebensformen doch Traditionen am Leben bleiben, die sich über Jahrhunderte eingebürgert haben. "Die oberschlesische Industrie hat dieses Land geprägt, man könnte sogar sagen, sie hat das Land geschaffen. Alles was wir heute hier sehen, von der Anordnung der Straßen bis zu den Eisenbahnlinien, alles entstand entlang der unterirdischen Kohleflöze; die ganze Topographie, die Orte, die Wohnsiedlungen. Und es geht dabei nicht nur ums materielle Erbe, Grubenanlagen, Schächte und Türme, die zum Teil heute umfunktioniert und oft leider abgerissen werden. Es geht auch um immaterielles Erbe und das kulturelle Gedächtnis. Und für viele Menschen, auch für die jungen, ist das Denken über sich selbst in erster Linie eines über jemanden 'von hier'. Und das ist immer noch ein Denken aus Sicht der Schwerindustrie, die diesen Ort geschaffen hat."
Es hält sich auch ein dem Standortimage förderliches Klischee, wonach es ein besonderes oberschlesisches Arbeitsethos gebe: Im Revier lebten demnach besonders zuverlässige, fleißige und ehrliche Menschen, die aufeinander achteten – bisweilen auch in Kontrast gesetzt zum Stereotyp des verschlagenen Landmannes oder des gerissenen, stets den eigenen Vorteil suchenden Warschauers.
Unternehmensberater Mariusz Szymocha jedenfalls glaubt, dass es seine Heimatregion relativ gut durch den Wandel geschafft habe, weil der Weg dorthin von vielen als Gemeinschaftswerk gesehen worden sei. "Das ist auch der Grund, warum ich nach einiger Zeit außerhalb von Schlesien wieder zurückgekommen bin. Denn wenn ich sehe, wie sich die Dinge hier verändern, setzt das eine Menge Energie frei, das inspiriert mich sehr. Und andererseits bin ich auch Schlesier und diesem Land verbunden. Und ich habe beschlossen, dass ich, wenn ich zurückkomme, diesem Land nützlich sein möchte."
Doch kann nicht jeder altgediente Bergmann nun in der Dienstleistungswirtschaft "von Nutzen" sein. Wer unter Tage Schichten schob, kann schlecht von heute auf morgen umgeschult werden, um per Fernwartung am Bildschirm die IT in einem Unternehmen am anderen Ende der Welt auf Vordermann zu bringen.

Trotz Schließungen bedeutender Bergbaustandort

Aber oft waren Umschulungen auch nicht nötig. Bergleute können früher in den Ruhestand gehen und sie bekommen regelmäßig deutlich höhere Renten als andere. Manche Grubenarbeiter konnten aber auch, wenn die eigene Zeche schloss, in eine andere wechseln. Denn trotz aller Schließungen ist Polen noch immer ein bedeutender Bergbaustandort. Die staatliche Gruppe PGG, die die östlichen Bergwerke Oberschlesiens unter sich vereint, ist nach wie vor größter Kohleproduzent Europas.
Das spürt auch Unternehmensberater Mariusz Szymocha in der Kattowitzer Kohlestraße: Viele seiner Kunden kommen aus traditionellen Industriebranchen, sind verbunden mit Themen wie Energie, Bergbau, Erzverarbeitung. Doch der Geist des Wandels, der die ganze Region erfasst hat, lasse auch die Traditionalisten unter den örtlichen Unternehmen, die in Szymochas Beratung kommen, nicht unbeeindruckt. "Wir sind seit gut zehn Jahren auf dem Markt, und konnten sehen, wie sich neue Technologien verbreiten. Im Bewusstsein der Leute ist angekommen, dass es nicht allein harte Arbeit ist, Hammer und Hacke, auf die es ankommt, sondern dass es gut ist, neu zu denken, Technologien auszuprobieren, jemanden anzurufen, der zum Beispiel aus den Vereinigten Staaten zurückgekommen ist und etwas Neues mitgebracht hat. Mit anderen Worten: All diese Fabriken, Stahlwerke, Industrieunternehmen wandeln sich auch, denn sie haben verstanden, dass sie ihre Buchhaltung oder das Finanzwesen nicht intern steuern müssen, sondern dies jemandem überlassen können, der sich damit auskennt, um sich auf ihre eigentliche Arbeit zu konzentrieren."
Ein Gegenentwurf zu den staatlichen, früher kommunistischen Bergbauriesen, die viel Gepäck auf dem Weg in den Kapitalismus mitgebracht hatten, zugehörige Arbeiterwohnungen, Kindergärten, Spitäler, bisweilen ganze Fußballvereine wie der oberschlesische Traditionsclub Gornik – "Bergmann" – Zabrze, in dem einst tatsächliche Kumpel kickten.
Wie nachhaltig aber ist der oberschlesische Strukturwandel, vor allem wirtschaftlich? Wojciech Dinges ist da skeptisch. Er war Manager beim regionalen Bahnbetreiber "Schlesische Eisenbahn". Heute engagiert er sich in der Initiative "Schlesien am Zug", die sich für eine moderne Verkehrsinfrastruktur einsetzt. Dinges 4'30'': Das ist schon ein großer Wandel von Schlesien als Land der Schwerindustrie hin zu einer Region mit Schreibtischen, Großraumbüros und Computern. Es ist zweifellos ein Riesensprung über die letzten 20, 30 Jahre. Aber ich ganz persönlich sehe doch noch zu viele Dienstleister, die sich mit Buchhaltung beschäftigen, mit irgendeiner Art von IT-Verarbeitung und Dienstleistungen für Partner weltweit oder direkt hier in Polen und Schlesien. 
Nur wenige Betriebe aber würden selbst etwas Eigenes auf den Weg bringen, Forschung und Entwicklung betreiben. Trotz einer Vielzahl von Hochschulen, viele davon privat betrieben, gebe es wenig Grundlagenforschung hier, auch im innerpolnischen Vergleich. "Krakau, Warschau, Breslau: dort gibt es statistisch gesehen mehr Zentren, die sich mit Forschung und Entwicklung befassen, während es hier mehr Dienstleistungen gibt, die die Unternehmen begleiten. Ich scherze daher manchmal, dass aus denen, die früher im Bergwerk Steine klopften, solche wurden, die heute in die Tastaturen hauen. Ein neuer Thomas Edison kommt dabei nicht heraus."
Ein weiteres Problem: Zwar entstünden immer mehr Stellen für Absolventen von den Hochschulen und für Menschen mit Sprachkenntnissen, sagt Dinges. Aber die Besten der Besten gingen doch nach Krakau, Warschau, ins Ausland, und selten kämen sie zurück, gründeten anderswo Firmen. Eine Herausforderung, die Oberschlesien noch eine ganze Weile beschäftigen wird – und für die Lösungen gefunden werden müssen. Denn der endgültige Kohleausstieg rückt immer näher.