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Studentenansturm als Chance

Die OECD hat es gerade wieder schwarz auf weiß festgestellt: In Deutschland fehlen Hochqualifizierte. Steigende Studierendenzahlen an manchen Hochschulen könnten hier Abhilfe schaffen, doch auch die Wirtschaft muss ihren Teil beitragen, finden die Professoren.

Von Daniela Siebert | 17.09.2011
    Ein Plus an Studierenden - das kann auch die Beuth-Hochschule für Technik Berlin im anstehenden Wintersemester für sich verzeichnen.
    Die Hochschule, die 2008 noch Technische Fachhochschule Berlin hieß, kann zwar noch keine endgültigen Zahlen vorlegen. Doch eingeschrieben haben sich mindestens 600 Studierende mehr als noch im Sommersemester.

    Wolfgang Preuß, der Leiter der Studierendenverwaltung, sieht durchaus Chancen, dass sich dieser Zuwachs am Ende auch auf die Zahl der Hochqualifizierten auswirken könnte:
    "Zumindest an unserer Hochschule kann das in einigen Studiengängen der Fall sein. Denn die gestiegene Gesamtzahl der Bewerber führt in einigen Studiengängen dazu, dass mehr mit guten Noten hängen geblieben sind, also den Platz angenommen haben. Zum Beispiel Maschinenbau sind wir jetzt bei den letzten Zulassungen im Zweierbereich. Also mit Note 2,0 Maschinenbau oder schlechter überhaupt nicht mehr, das hatten wir noch nicht."
    Um die Zahl der Hochqualifizierten in Deutschland zu steigern, sollte sich aber nicht zuletzt die Wirtschaft mehr anstrengen, findet Preuß:

    "Ich finde es etwas einseitig, wenn Wirtschaftsverbände, Industrie und Wirtschaft immer nur beklagen, dass wir zu wenig haben. Da muss man sie rückfragen: Was tun die denn dafür, dass auch in deren Bereich ausgebildet wird? Was tun die dafür, dass die Hochschulen, die teilweise wirklich aus dem letzten Loch pfeifen, finanziell unterstützt werden, durch irgendwelche Stiftungsprofessuren oder ähnliches, damit wir mehr – meinetwegen auch in deren Sinne – ausbilden können."
    Andernorts in Berlin, an der Freien Universität, ist derweil von einem außergewöhnlichen Studentenansturm keine Rede. Die Nachfrage an seiner Hochschule sei die letzten Jahre über konstant hoch gewesen, betont FU- Präsident Professor Peter-André Alt. Auf die Frage, ob der Studierendenandrang insgesamt gegen den Hochqualifiziertenmangel in Deutschland helfen könnte, antwortet er eher diplomatisch ausweichend:

    "Ich bin der Meinung, dass der Aufwuchs, den wir jetzt in den letzten Jahren hatten, richtig ist, man muss aber natürlich differenzieren. Wenn wir das Ziel haben, 40 Prozent eines jeden Jahrgangs zur Hochschulberechtigung zu bringen, dann muss das ja nicht heißen, dass die automatisch alle an Universitäten studieren, sondern ich denke, dass wir inzwischen ein sehr differenziertes Bildungssystem haben, angefangen von den Universitäten über die Fachhochschulen bis hin zu dualen Ausbildungsformen. Die müssen wir intensivieren, denn wenn wir darüber reden, dass uns die Hochqualifizierten fehlen, dann muss man einfach sehen, das ist insbesondere im Feld der technischen Intelligenz ein Defizit. Da müssen wir etwas tun."
    Der Germanist Alt sieht die Wirtschaft, die Hochschulen und die Politik in der Pflicht, damit es in Deutschland zu mehr Hochqualifizierten kommen kann. Zu den nötigen Maßnahmen gehört für ihn nicht, allen Bachelor-Absolventen auch einen Masterstudienplatz zu schaffen:

    "Keine Übergangsquote von 100 Prozent, das halte ich nicht für sinnvoll, sonst bräuchten wir den Bachelor gar nicht. Aber doch mehr als die 50 Prozent, die im Augenblick politisch verhandelt und Realität sind. Die Wirtschaft ist mehr gefordert, wir müssen aber auch finde ich, im Bereich der Weiterqualifizierung aktiv bleiben. Also: Viele Studierende streben einen Bachelorabschluss an und sind dann interessiert an Berufserfahrung und wollen aber später noch einmal ein Masterstudium nachholen, dafür brauchen wir mehr Universitäten für Weiterbildung, mehr Angebote, die auf einem hohen qualitativen Niveau sich bewegen."
    Und Studierende selbst? Wie beurteilen sie den Zusammenhang zwischen steigendem Studieninteresse und dem Mangel an Hochqualifizierten in Deutschland? Jan Jeschke, Asta-Vorsitzender an der Beuth-Hochschule und Mechatronik-Student im sechsten Semester:

    "Auch wenn jetzt ein großer Andrang kommt, ist ja immer noch das Problem, dass – zum Beispiel wie in Berlin – viel zu wenig Studienplätze da sind. Nur weil mehr BewerberInnen kommen, heißt das nicht, dass mehr Leute einen Abschluss schaffen werden in den nächsten Jahren. Soll vielleicht jetzt aber endlich mal ein Zeichen sein für Berlin im Senat und bundesweit auch für die Regierung, dass mehr investiert werden muss in eine bessere Lehre und eine breiter aufgestellte Lehre mit mehr Studienplätzen und mehr Förderung auch für Quereinsteiger."