Samstag, 21. Mai 2022

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Studentenbetreuung
Hochschulen suchen gute Ideen für den Studienbeginn

Viele Studierende brechen ihr Studium im ersten Studienjahr ab. Die Hochschulen wollen deshalb vor allem die Studieneingangs­phase reformieren. Auf einer Tagung in Hamburg diskutierten sie hier neue Ideen.

Von Daniela Remus | 31.10.2018

Gasthörer und Studenten der Uni Köln bei einem Vortrag in der Anatomie der Universität zu Köln. | Verwendung weltweit | Geisler-Fotopress / picture alliance
Volle Hörsäle: Erstsemesterstudenten brauchen mehr Betreuung. Wie die aussehen kann, diskutierten Hochschulvertreter in Hamburg. (Geisler-Fotopress / picture alliance)
Die Hochschulen haben viele Ideen, wie sie Erstsemestern den Einstieg ins Studium erleichtern: Mentorenprogramme, Studentencoaching, Tutorenangebote oder Brückenkurse in Fächern wie Mathematik. Die müssten aber insgesamt noch stärker miteinander vernetzt werden, zur gemeinsamen Strategie einer Hochschule oder eines Fachbereichs werden. Das ist das Ergebnis der ersten bundesweiten Meta-Studie, die die Angebote zum Start ins Studium untersucht hat. Die Studierenden brauchten eine ganzheitliche Orientierung beim Eintritt ins Studium, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Elke Bosse von der Universität Hamburg, die die Studie geleitet hat:

"In meinem Projekt geht es ja auch um den Begriff der Studierfähigkeit, und da wird oft übersehen, dass es auch auf die Hochschule ankommt, dass der Übergang an die Hochschule nicht nur von den einzelnen Studierenden abhängt, sondern auch davon, wie dieser Studieneinsteig gestaltet ist."
Studierende sind durch die Bedingungen verunsichert
Unübersichtliche Massenveranstaltungen und Prüfungen, durch die jeder Zweite durchfällt, das alles verunsichere Studierende. Dazu erhöhe der straffe Zeitplan durch die Regelstudienzeit den Druck. Je nach Fachbereich brechen 25 bis 50 Prozent der Studienanfänger deshalb wieder ab. Das aber soll nicht so bleiben und der Studienbeginn neu strukturiert werden, so das Fazit von Silke Bock von der Technischen Universität Mittelhessen:
"Das Wesentliche, was die Studierenden offensichtlich beschäftigt, ist, dass sie ganz viel Orientierung brauchen, die suchen soziale Einbindung, die suchen vielfach ganz andere Dinge im Studieneinstieg, als wir sie als Hochschule bisher rein von den Wissenschaftsbestandteilen her gedacht haben. Es geht sofort das Lernen im Fach los. Und wir müssen uns da ein stückweit neu sortieren, oder auch besser integrieren."
Zusatzangebote, die ausschließlich fachliche Defizite beheben, reichten für einen erfolgreichen Studienbeginn nicht aus. Mindestens genauso wichtig seien Faktoren wie Selbstorganisation, persönliche Motivation, soziales Miteinander. Und das gilt für alle Studierenden. Dieser Aspekt sei bisher zu kurz gekommen, so das Ergebnis der Studie. Torsten Pätzold, Studierendencoach von der Fachhochschule Südwestfalen, bestätigt diese Erkenntnis:
"Ich bin im Grunde für alle Belange zuständig, die nicht fachlich sind. Ich biete an, Lernmanagement, Intervention gegen Prüfungsstress, aber ich berate auch bei der Flexibilisierung des Studiums, wenn man nebenbei arbeitet oder ein Kind erzieht, nicht so schnell studieren kann. Im Grunde, wie kann ich das organisieren?"
Studierenden hilft der Bezug zur Praxis
Auch die Technische Universität Mittelhessen will Antworten auf diese Fragen geben und beschreitet neue Wege beim Studieneinstieg, berichtet Silke Bock:
"Wir haben beispielsweise bei uns im Fachbereich Bauwesen eine Projektwoche etabliert, das heißt, dass alle Studierenden des jeweiligen Jahrgangs dort ein Projekt durchführen eine ganze Woche lang. Und auf dem Weg noch einmal ganz anders in die Zusammenarbeit kommen, viel Anleitung erfahren durch Tutorinnen und Tutoren."
Studierenden helfe der Bezug zur Praxis und wenn sie strukturiert an die Inhalte des Fachs herangeführt werden, so das Ergebnis der Studie. Hilfreich ist demnach auch, wenn sofort soziale Kontakte gefördert werden. Um das zu gewährleisten, hat die Leuphana Universität in Lüneburg den Start ins Studium komplett umgestellt, erklärt Carola Schormann, Vizepräsidentin der Universität:
"Wir haben ein sogenanntes Leuphana-Semester, bei dem alle Studierenden des ersten Semesters gemeinsam an Themen arbeiten. Das war zum Beispiel einmal die Idee Europa, was macht eigentlich Europa aus?"
Ob BWL oder Soziale Arbeit, alle lernen in Lüneburg ein Semester gemeinsam und interdisziplinär in kleinen Gruppen, was es heißt, wissenschaftlich zu arbeiten, zu forschen und zu diskutieren. Denn das haben nur wenige Studierende in der Schule bereits gelernt. Dem müssten die Hochschulen mit einer weitaus integrativeren Studieneingangsphase als bisher Rechnung tragen, so das einhellige Ergebnis der Hamburger Tagung.