StudieGeschlecht in Covid-19-Studien selten berücksichtigt

Hinweise gibt es schon lange, dass Frauen und Männer verschieden auf Covid-19 und auf Impstoffe reagieren. In wissenschaftliche Untersuchungen fließt dieser Faktor aber oft nicht ein, besagt eine großangelegte Auswertung von 4.500-Covid-Studien.

Sabine Oertelt-Prigione im Gespräch mit Lennart Pyritz | 07.07.2021

Eine medizinische Helferin bereitet auf der Insel Ilha de Paqueta die Impfung einer jungen Frau (r) gegen Covid-19 vor
Geschlecht ist ein Faktor bei der Erforschung von Covid-19 - sollte zumindest einer sein, sagt die Forscherin Sabine Oertelt-Prigione (picture alliance / dpa / Fernando Souza)
"Long Covid trifft Frauen und Ältere häufiger als andere", "Frauen melden doppelt so häufig Nebenwirkungen nach der Corona-Impfung wie Männer" - lange schon deuten Schlagzeilen darauf hin, dass Geschlecht und Gender ein Faktor bei Covid-19-Erkrankungen sind. In klinischen Studien werden sie aber offenbar eher selten berücksichtigt. Zu diesem Schluss kommt eine Meta-Studie im Fachjournal "Nature Communications".
Warum das so ist und welche Folgen das hat, erklärt Sabine Oertelt-Prigione, Hauptautorin der großangelegten Auwertung und Professorin für geschlechtersensible Medizin an den Universitäten Bielefeld und Nijmegen.

Das Interview in voller Länge:
Lennart Pyritz:Professor Oertelt-Prigione, was ist bisher über den unterschiedlichen Verlauf von Covid-Erkrankungen bei Frauen und Männern bekannt?
Sabine Oertelt-Prigione: Nun, in diesem Fall wussten wir ja eigentlich seit Beginn der Pandemie relativ viel zu Geschlechterunterschieden. Und es war auch ziemlich früh deutlich, dass es tendenziell schwerere Verläufe bei Männern gibt bei der Erkrankung, auch höhere Sterbenszahlen, die weltweit registriert wurden. Auf der anderen Seite haben wir seit Beginn auch gesehen, dass häufig Frauen höhere Infektionszahlen aufgewiesen haben, vor allem aufgrund ihrer zum Beispiel Kontaktberufe oder Kontakts mit kleinen Kindern.

Geschlechterdifferenzierung "sehr gering"

Pyritz: Zu den Ursachen dahinter, da gibt es ja durchaus einige Untersuchungen und Theorien, zum Beispiel geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich des Rezeptors für die Viren oder unterschiedliche Eigenschaften des Immunsystems bei Frauen und Männern. Sie haben sich jetzt in Ihrer Metaanalyse fast 4.500 klinische Corona-Studien vorgenommen und kommen zu dem Schluss, der Anteil der Studien, bei denen Geschlecht und Gender als Faktoren in die Analysen einbezogen werden, der ist sehr gering. Können Sie das mal in Zahlen gießen?
Oertelt-Prigione: Der ist leider tatsächlich sehr gering – was man dazu sagen muss, wir haben uns ja die registrierten Studien angeguckt. Bei klinischen Studien ist es ja meistens so oder sollte es so sein, dass die Studie anfänglich registriert wird und dann eben die klinische Studie durchgeführt wird, und wir haben uns tatsächlich in einer großen Datenbank angeguckt, wie es aussieht. Und es ist so, dass bei den Studien, die wir uns angeguckt haben, ungefähr eine von fünf tatsächlich Geschlecht bei der Rekrutierung, also beim Einschluss in die Studie berücksichtigen möchte, also das plant – es geht ja um Pläne für klinische Studien –, und ungefähr eine von 20 gibt an in der Analyse letztendlich, sich explizit in irgendeiner Form mit dem Thema Geschlecht auch befassen zu wollen. Es kann sowohl eine spezifische Subgruppenanalyse sein, dass Frauen und Männer vielleicht getrennt analysiert werden oder dass es zumindest in irgendeiner Form in die Analyse mitgenommen werden soll.
Eine Schwangere hält sich den Bauch; im Vordergrund sind zwei Hände zu sehen, die Impfstoff aus einer Dose in eine Spritze ziehen. (Symboldbild)
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Eine von fünf Studien berücksichtigt Geschlechter

Pyritz: Wie sieht das bei bereits veröffentlichten Studien aus?
Oertelt-Prigione: Genau, das haben wir uns dann hinterher auch angeguckt, weil die Frage könnte natürlich sein, na ja, diese Studienprotokolle werden sehr schnell und unter Zeitdruck veröffentlicht, und dann muss man sich eigentlich erst mal der wirklichen Studie widmen, vielleicht hatten die Leute keine Zeit, das hier jetzt ganz genau aufzuführen. Und wir haben uns eine kleinere Menge von bereits publizierten Studien angeguckt, um eben zu gucken, ob es sozusagen besser wird im Laufe des Prozesses, und es ist tatsächlich eine gewisse Steigerung der Aufmerksamkeit zu vermerken. Es war so, bei den publizierten Studien, die wir uns angeguckt haben – und das sind jetzt nur pharmakologische Interventionen, also nur Arzneimittel –, war es so, dass einer alles in fünf ungefähr sich in irgendeiner Form bei der Analyse auch dem Thema Geschlecht gewidmet hat, und das kann in unterschiedlichsten Formen sein. Also unter fünf Studien haben wir eine, die sich tatsächlich etwas mehr mit Geschlecht befasst hat.

Frauen historisch "in klinischen Studien vernachlässigt"

Pyritz: Warum ist der Faktor Geschlecht bislang ja dann doch so vernachlässigt worden? Wir haben ja anfangs drüber gesprochen, dass Frauen und Männer oft unterschiedliche Krankheitsverläufe haben, das war ja eigentlich von Anfang an, ganz früh, bekannt.
Oertelt-Prigione: Das war auch so ein bisschen das Tragische an der ganzen Geschichte. Wir haben eigentlich die Studie auch gemacht, weil wir uns genau diese Frage gestellt haben. Wir wissen ja, historisch sind vor allem Frauen häufig vernachlässigt worden in klinischen Studien, dass entweder sie nicht genügend eingeschlossen worden sind beziehungsweise diese Analysen zum Teil eben auch nicht spezifisch durchgeführt wurden. Und wir hatten uns gedacht, bei dieser Erkrankung, wo eigentlich in den Medien relativ viel über Unterschiede berichtet wurde, es war eigentlich relativ früh auch bekannt, ob sich das in irgendeiner Form in unserer Forschungspraxis niederschlagen würde, sozusagen können wir eine Verbesserung in dem Sinne sehen. Und es zeigt sich tatsächlich, dass wenn es keine klaren Regeln hierfür gibt – und das kann auf verschiedensten Ebenen sein –, verändert sich eigentlich unsere allgemeine Praxis nur bedingt. Was hierbei vielleicht auch wichtig ist: Wir haben uns auch angeguckt, wie sich das im Laufe eines Jahres verändert hat, also von Januar 2020 bis Januar 2021, und es ist nicht so, dass im Laufe der Pandemie die Aufmerksamkeit für Geschlecht zugenommen hätte, das ist praktisch gleich geblieben. Es ist ungefähr bei diesem eine von fünf Studien und eine von 20 Studien geblieben.

"Potenziell unterschiedliche Immunantworten"

Pyritz: Wo drohen denn dadurch, dass der Faktor Geschlecht eben vernachlässigt wird in vielen Studien, Wissenslücken? Könnte es dann durchaus sein, dass Frauen und Männer spezifische Therapien erhalten sollen in bestimmten Umständen, also eventuell auch unterschiedlich angepasste Medikamente?
Oertelt-Prigione: Tendenziell ja, und das ist eigentlich auch wirklich die Frage. Wir wissen ja, dass es potenziell unterschiedliche Immunantworten geben kann, also dass Frauen häufiger auch mehr Antikörper produzieren, auch bei Impfstoffen häufiger mehr Antikörper produzieren, und das ist eben gerade die Frage: Sind die Arzneimittel, die hier getestet werden, wirken die bei Frauen und bei Männern gleich gut, oder müssen wir vielleicht die Dosis anpassen, um vor allem vielleicht auch unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. Wir haben das ja jetzt auch gesehen bei den Impfstoffen, dass es doch Geschlechterunterschiede gibt bei den Nebenwirkungen, die berichtet werden, wenn es um anaphylaktischen Schock geht, ist das bei Frauen viel häufiger, diese Myokarditis, die jetzt öfter mal beschrieben wird, bei Jüngeren, vor allem bei jüngeren Männern. Als es um die Thrombosen ging, das ist jetzt nicht mehr ganz klar, bei dem Janssen-Impfstoff [allgemein bekannt unter dem Herstellernamen Johnson & Johnson, d.Red.] schien es vor allem und eigentlich fast ausschließlich Frauen zu betreffen, bei AstraZeneca sehr wahrscheinlich nicht nur, sondern beide Geschlechter, aber wir sehen ja, dass es doch eine relativ klare Unterscheidung auch gibt. Und allein, um diese Faktoren besser untersuchen zu können und letztendlich, um sie zu vermeiden beziehungsweise um auch diejenigen, die dann Arzneimittel beziehungsweise Impfstoffe empfangen, einfach besser auch aufklären zu können und da auch konkrete Entscheidungen zu treffen, wäre es natürlich hilfreich, das von vornherein auch zu wissen.
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Eine von 4.500 Studien inkludiert Transpersonen

Pyritz: Sie haben in Ihrer Studie auch den Faktor Gender untersucht, auch da haben Sie Schwächen bei den bisherigen COVID-Studien ausgemacht. Welcher Art?
Oertelt-Prigione: Nun, es ist tatsächlich so, dass Gender ja auch ein wichtiger Faktor hier ist, und in unserer Forschung geht es nicht allein um Transgender-Personen, sondern es geht um Gender im weitesten Sinne, also um Geschlechterrollen und -normen, inwiefern die eine Rolle spielen. Auf der einen Seite war es so, es gab eine einzige Studie von all diesen 4.500, die sich überhaupt mit Transpersonen explizit befasst. Auf der anderen Seite ist es so, dass Gender zum Beispiel ein extrem wichtiger Faktor ist, wenn es darum geht, wer wird überhaupt in Studien eingeschlossen. In vielen Ländern weltweit wurden die Studien in Krankenhäusern aufgesetzt, da ist die Frage, wer wird überhaupt im Krankenhaus aufgenommen – und wir haben ja gesehen bereits zu Beginn häufig mehr Männer –, und zweitens auch, werden meine Symptome zum Beispiel überhaupt ernst genommen. Das betrifft zum Beispiel jetzt auch Long-COVID, das ist eine Erkrankung, bei der eine postmenopausale Frauen tendenziell häufiger betroffen zu sein scheinen, und hier ist auch wiederum die Frage, werden meine Symptome ernst genommen, werde ich überhaupt weiter untersucht, oder wird das als eine Stresserscheinung zum Beispiel abgetan. Dementsprechend spielt natürlich Geschlecht, in weitestem Sinne Geschlechterrollen und auch Annahmen, die wir als Ärztinnen und Ärzte haben, sicherlich auch eine sehr wichtige Rolle hierbei.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.