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StartseiteTag für TagKatholische Priester als Stasi-IM 03.11.2017

StudieKatholische Priester als Stasi-IM

Dass die evangelische Kirche mit der Stasi kollaboriert hat, ist bereits bekannt. Nun zeigt eine Studie, dass auch katholische Priester mit dem einst übermächtigen Geheimdienst der DDR zusammengearbeitet haben. Die Gründe dafür waren vielfältig.

Von Christoph Richter

Das Archiv der Stasiunterlagenbehörde in Berlin. Die Zukunft der Behörde ist ungewiss. (dpa / picture-alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)
Die Stasi-Akten wurden auch mit Unterstützung katholischer Geistlicher gefüllt (dpa / picture-alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)
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Sie hießen IM Mönch, IM Petrus oder IM Monstranz: katholische Priester als Stasi-Spitzel. In der breiten Öffentlichkeit ein eher unbekanntes Kapitel. Nach neuesten Erkenntnissen gab es in der katholischen Kirche in der DDR Verstrickungen mit der Stasi bis tief in den Kirchen-Apparat hinein. Der aus Bocholt stammende und derzeit an der Hebräischen Universität Jerusalem tätige Postdoktorand Gregor Buß spricht in seiner aktuellen, über 300 Seiten dicken Studie "Katholische Priester und Staatssicherheit" von 86 inoffiziellen Mitarbeitern.

Buß will jedoch keine moralische Beurteilung abgeben, sondern die Motive akribisch heraus arbeiten, was katholische Priester letztlich bewog, mit der Staatssicherheit zusammen zu arbeiten.

"Da habe ich einen ganzen Fächer an Gründen gefunden, die reichten natürlich von Formen der Erpressung bei Alkoholproblemen, Zölibatsverletzungen. Es gab auch sowas wie Anpassung. Man war drauf und dran so einen Kurs zu fahren, um nicht all zu sehr anzuecken. So eine Form der kleinen Kooperation, um eine maximale Konfrontation zu verhindern. Das war auch eine Strategie."

"Die Kirche steht besonders in der Pflicht"

Es ging aber auch um ganz schnöde banale Vorteile: So wandte sich beispielsweise ein Leipziger Pfarrer mit dem Namen IM Frank an die Stasi und "bat um Unterstützung hinsichtlich der Beschaffung einer Karte für das Gastspiel der Wiener Sinfoniker". Ein anderes, immer wiederkehrendes Motiv der Zusammenarbeit war der Wunsch nach Reisefreiheit.

Lange hat sich die katholische Kirche gegen eine Aufarbeitung gewehrt. Noch Mitte der 90er-Jahre hieß es, eine Überprüfung der Mitarbeiter auf Stasi-Verwicklungen würde der Stasi "zu viel Ehre antun". Der frühere Erfurter Bischof Joachim Wanke sagte, dass katholische Priester die letzten seien, "die es nötig hätten, auf ihre Vergangenheit untersucht zu werden". Eine Haltung, die sich grundlegend geändert hat. Die Zusammenarbeit mit der Amtskirche sei sehr konstruktiv gewesen, so Gregor Buß, der Autor der Studie. Sie ist Teil eines osteuropäischen Forschungsprojekts, das die Kollaboration der katholischen Amtskirche mit den Geheimdiensten zu Zeiten des Kalten Krieges in Polen, Tschechien, der Slowakei und eben der DDR in Augenschein nimmt.

"Priester hatten natürlich auch eine moralische Fallhöhe, wie kaum eine andere Berufsgruppe. Deswegen würde ich sagen, steht die Kirche auch besonders in der Pflicht, für Klarheit zu sorgen."

Naive katholische Priester 

Buß appelliert an die Kirchenoberen, sich der dunklen Geschichte zu stellen. Es gehe ihm um eine differenzierte Betrachtung, sagt er, nicht um ein Schwarz-Weiß-Bild. Weshalb er in seiner Studie auch nicht das Wort Spitzel verwendet.

"Übrigens waren die Stasi-Offiziere exquisit geschult. Also sie wurden gerade auf den Kontakt mit Priestern perfekt vorbereitet. Und das war dann für mich ein interessantes Ergebis zu lesen, wie praktisch der Stasi-Offizier der Seelsorger für die Seelsorger war. Das war eine interessante Erkenntnis: dass sich so mancher Priester auf die Treffen gefreut hat, weil er offen, auf einem hohen intellektuellen Niveau sich mit jemandem unterhalten konnte."

Verwundert hätte Buß die Naivität, mit der katholische Priester vorgingen; dass vielen die Konsequenzen gar nicht bewusst waren. Oft dachten Kirchenleute sogar, betont der promovierte Theologe, sie täten etwas Gutes, wenn sie mit der Stasi zusammenarbeiteten. Andere wussten nicht einmal, dass sie als Inoffizielle Mitarbeiter geführt wurden.

"Ich war schockiert, als ich hörte, dass ich IM bin"

Ein Fall, der das besonders anschaulich illustriert, ist IM Dom. Dahinter steckt der frühere Dresdner Dompfarrer und spätere Leipziger Probst Günter Hanisch. Von 1973 an war er der bischöfliche Beauftragte für die offiziellen staatlichen Kontakte – wenn es beispielsweise um die Ausreise für kirchliche Mitarbeiter ging. Genau das machte ihn für die Stasi interessant, die ihn – ohne sein Wissen – als Inoffiziellen Mitarbeiter führte.

"Ich wurde als IM registriert, wusste davon aber gar nichts. Deswegen war ich schockiert, als ich hörte, dass ich IM bin. Bei kirchlichen Gesprächsbeauftragten gab es aber keine Unterschrift."

Die Fotografie vom Herbst 1989 zeigt Teilnehmer an Friedensgebeten in der Nikolaikirche Leipzig; vorn links: Superintendent Friedrich Magirius, hinter ihm Christian Führer, Pfarrer der Nikolaikirche; vorn Mitte: Propst Günther Hanisch; vorn rechts: einer der namentlich nicht bekannten Mitorganisatoren der Friedensgebete (dpa / Waltraud Grubitzsch)Günther Hanisch (Mitte) wurde ohne sein Wissen als Stasi-IM geführt. (dpa / Waltraud Grubitzsch)

Ein Fall der deutlich mache, so Theologe Gregor Buß, dass man IM-Akten immer hinterfragen müsse. Sie dürften nicht als Evangelium dastehen. Auch weil viele Vorgänge durch die Stasi bewusst verzerrt oder schlichtweg falsch dargestellt seien. Im Fall Hanisch – also IM Dom – konnte das anhand der Treffberichte der Staatssicherheit und der eigenen Dokumentation belegt werden. Und: Neben der doppelten Aktenführung konnten die betroffenen Personen größtenteils noch befragt werden, was Günter Hanisch vom Vorwurf entlastete, wissentlich als Spitzel gearbeitet zu haben, so Buß weiter. Ein Fall, der auch Mitte der 90er Jahre juristisch aufgearbeitet wurde, indem Hanisch freigesprochen wurde, Mitbrüder an die Stasi verraten zu haben.

Die Studie "Katholische Priester und Staatssicherheit" ist eine reine Täterforschung. Ihre volle Wirkung kann die Arbeit aber erst dann entfalten, wenn man ihr auch eine Opferstudie gegenüber stellt. Letztlich ein interessanter Aufschlag zur Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der katholischen Kirche, dem weitere Forschungsarbeiten zwingend folgen müssen.

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