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Studie
Schulbücher sehen Migration als Problem

Ali und Sineb, Max und Claudia - alle sind in Deutschland beheimatet und finden auch in deutschen Schulbüchern ihre Erwähnung. Das ist positiv. Doch gebe es bei der Darstellung der Diversität Mängel. Das hat eine Studie zur Darstellung von Migration und Integration in aktuellen Schulbüchern festgestellt.

Von Kemal Hür | 17.03.2015

Eine Grundschülerin sortiert ihre Schulbücher
Die Studienautoren formulieren Empfehlungen an Verlage, Lehrkräfte und Schulbuchautoren. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)
Deutschland ist ein Einwanderungsland - diese Tatsache ist auch in den aktuellen deutschen Schulbüchern der Sekundarstufe I angekommen. In den Büchern liest man beispielsweise Namen wie Ali und Sineb neben Max und Claudia, die alle in Deutschland beheimatet sind.
Das ist das Positive. Aydan Özoguz, die Staatsministerin für Integration, sieht aber noch Defizite. Denn auch wenn die Diversität aufgezeigt werde, fehle noch der Fokus auf das Gemeinsame:
"Ist eigentlich so ein gemeinsames Wir auch in Bezug auf Einwanderung tatsächlich thematisiert? Und das ist nicht immer der Fall. Die Antwort ist eben nicht immer, dass all diese Unterschiedlichkeit auch zu einer gemeinsamen Kultur, auch zu einer gemeinsamen Gesellschaft führen kann. Da gibt's noch zu arbeiten."
Die Schulbuchverlage begrüßen die Studie. An deren Ergebnissen könnten sie ihre eigene Arbeit kritisch unter die Lupe nehmen, sagte Ilas Körner-Wellershaus vom Klett-Verlag. Er hatte zur Vorstellung der Studie Bücher aus seinem Verlag mitgebracht, um zu zeigen, wie die Themen Integration und Migration darin behandelt werden. In einem Sozialkundebuch für die Klassenstufen 9 und 10 zeigt er auf ein Kapitel mit der Überschrift "Denken in Schubladen - Menschen und ihre Wahrnehmung":
"Hier geht's um ein Gespräch von jungen Mädchen, die in Deutschland geboren sind, deren Eltern aber woanders herkommen, und die Frage, als was nehmen sie sich eigentlich wahr, und was wird ihnen zugeschrieben?"
Migration und Diversität
Bei der Darstellung der Diversität gebe es keine Mängel, sagen die Autoren der Studie. Die vielfältige Gesellschaft werde in den Büchern gut abgebildet. Aber Migration und Diversität erscheinen überwiegend nur als Problem und Herausforderung, sagt die Leiterin der Studie, Inga Niehaus.
"Das heißt, die Flüchtlingsboote werden immer noch bildlich in den Vordergrund gestellt als Einleitung für solche Kapitel zu Migration. Es wird immer hauptsächlich Migration sozusagen dargestellt als ein Akt, der erfolgen muss widrigen Gründen, das heißt, Hungersnöte, Armut werden immer als die Hauptgründe genannt, warum man migriert."
Auch würden Begriffe wie "Ausländer", "Migranten", "Fremde" und "Menschen mit Migrationshintergrund" unreflektiert häufig als Synonyme im selbst Text benutzt. Die Autoren formulieren Empfehlungen an Verlage, Lehrkräfte und Schulbuchautoren. Die Themen Integration und Migration sollen historisch eingeordnet und diskutiert werden. Auf verallgemeinernde Gruppenbezeichnungen wie "die Türken" oder "die Deutschen" soll verzichtet werden.
Anja Hagen vom Cornelsen Verlag sagt, in ihrem Verlag würden bereits Autoren mit Migrationshintergrund mitarbeiten:
"Die Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte sind etwa zwischen ein und fünf Prozent der deutschen Lehrerschaft. Sie sind deutlich mehr in unseren Autorenteams, weil es das extrem wichtig ist. Es sind sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen, die quasi ihre eigenen Erfahrungen mit einbringen, die diesen multikulturellen Blick mit einbringen, aber natürlich auch als Fachleute."