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StartseiteMusikjournalAerosol-Verteilung in Konzertsälen minimal11.01.2021

Studie zu Corona-InfektionsgefahrAerosol-Verteilung in Konzertsälen minimal

Eine neue Studie liefert zum ersten Mal Ergebnisse über die Aerosol-Verbreitung in Konzertsälen und zeigt: Die Aerosol-Verteilung auf direkten Nachbarplätzen ist minimal. Die Untersuchung liefert damit gute Argumente für die Wiedereröffnung von Konzerthäusern nach dem Lockdown.

Von Torsten Möller

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Rote Stühlen stehen in Reihen in einem leeren Saal. (picture alliance / Imagebroker)
Müssen leer bleiben: Konzert- und Opernhäuser sind zur Pandemie-Bekämpfung geschlossen (picture alliance / Imagebroker)

Natürlich geht die Angst um. Angst vor diesem kleinen Etwas namens Coronavirus, das seine Flugbahnen offenbar selbst bestimmt. Ängsten zu begegnen ist nicht einfach – das wissen Psychologen, aber auch Wissenschaftler, die zumindest eines können: ein Wissen schaffen, das beruhigt und vor allem Handlungsspielraum bietet. Insofern ist die Studie im Dortmunder Konzerthaus Aufklärung im besten Sinne, und das nicht nur für die Besucher des Dortmunder Konzerthauses, das Raphael von Hoensbroech als Intendant leitet:

"Es geht in dieser Studie ausdrücklich nicht um uns, um das Konzerthaus Dortmund. Sondern wir haben das aus der Notwendigkeit heraus gemacht, dass es diese wissenschaftliche Grundlage nicht gibt und dass Künstler eine Bühne brauchen. Und wenn es diese Bühne nicht gibt, wenn wir ihnen keine Bühne geben – und mit wir meine ich nicht nur das Konzerthaus Dortmund, sondern auch andere Konzerthäuser und Theater in Deutschland – dann sind die arbeitslos. Und in dem Moment, wo wir vernünftig öffnen können, dann lebt davon auch ein Ökosystem aus Agentur, aus Technikern, aus Restaurants und natürlich auch die Künstler. Und das letztlich ist die finanziell viel bessere Hilfe als wenn alle möglichen Hilfsprogramme aufgesetzt werden."

Versuchsaufbau mit Puppen und Gasschläuchen

Untersuchungen zu den kleinsten, bei der Ausatmung frei werdenden Schwebeteilchen gab es schon. Während der so genannte Aerosol-Ausstoß bei Bläsern und Sängern schon Thema war, gibt es nun – Dank der Dortmunder Initiative – zum ersten Mal Ergebnisse über die Aerosol Verbreitung im gesamten Konzertsaal, also auch aus dem Zuschauerbereich. Den einleuchtenden Versuchsaufbau mit einer Puppe auf einem Sitzplatz des Dortmunder Konzerthauses beschreibt Wolfgang Schade. Er ist Professor am Fraunhofer Heinrich Hertz Institut in Goslar:

"Diese Schaufenster-Puppe nennen wir Oleg, unseren Dummy, und den haben wir am Kopf angebohrt und mit Schläuchen versehen, sodass aus der Nase und aus dem Mund Gas austreten kann. Und in dem Fall ist es einerseits CO2, das ist Gas, wir dementsprechend auch ausatmen. Und wir haben einen Aerosol-Generator, mit dem wir Aerosole in einer bestimmten Konzentration oder Partikel-Menge und vor allem Partikel Größe einstellen können. Und beides wird dann simultan von dem Oleg entsprechend emittiert."

Aerosol-Verteilung auf direkten Nachbarplätzen kaum messbar

Wolfgang Schade legt Wert darauf, dass die Experimente bewusst vorsichtig gestaltet wurden: So ist die Partikel-Größe der Puppen-Aerosole im Vergleich zur Realität wesentlich kleiner; das heißt: Die Aerosole mit einem Durchmesser im Bereich von nur wenigen 100 Nanometern fliegen ungleich weiter als die vom Menschen kommenden. Auch verzichteten die Fraunhofer-Wissenschaftler auf eine gewöhnliche Ausatmung; der kontinuierliche Luftstrom verteilt somit ungleich mehr als Frau oder Mann. Trotz aller vorsichtigen Übertreibungen ist die Aerosol-Verteilung auf direkten Nachbarplätzen – sei es vorn, hinten, rechts oder links – minimal bis minimalst, also kaum messbar mit den ultravioletten Analysemethoden.

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Erklärungen für diesen günstigen Verlauf liegen nur zum kleinen Teil begründet in den Faktoren Temperatur oder Luftfeuchtigkeit. Entscheidend ist der große Saal und vor allem die Lüftung, die im Konzerthaus Dortmund das gesamte Luftvolumen in 20 Minuten-Intervallen komplett austauscht. Da die meisten Konzert-, Opern- und Theaterhäuser eine ähnliche Lüftung haben, ist die Studie übertragbar. Raphael von Hoensbroech, der Dortmunder Intendant:

"Also die Studie zu reziplieren ist dann relativ einfach und das Fraunhofer-Institut hat auch vor, dass zu machen, wenn zum Beispiel andere Häuser andere Bedingungen haben. Allerdings ist die Technik, wie sie bei uns verbaut ist, das heißt: eine Quellbelüftung unter jedem Sitz, wo die Luft von unten in den Saal hineingedrückt wird und dann unterm Dach abgesaugt wird und das ganze ausschließlich mit Außenluft, also Frischluft – das ist schon etwas, was in sehr vielen Häusern so gegeben ist. Und dann sagt auch das Fraunhofer-Institut und die Infektiologen, dass diese Säle eigentlich gleich behandelt werden können wie unser Saal."

Masken im Konzertsaal spielen kaum eine Rolle

Aus den Messungen lässt sich Vieles ableiten: Selbst für eine hundertprozentige Besetzung eines Konzertsaales gäbe es gute Argumente; thermische Effekte, also warme Luft, die nach oben steigt, würde sich durch mehr Publikum verstärken, sodass die Aerosole schneller zur Decke abziehen. Das Tragen von Masken war in verschiedenen Versuchsreihen auch ein Thema; ob man nun mit oder ohne Maske Musik hört, spielt – entgegen der Erwartungen der Wissenschaftler – so gut wie keine Rolle. Da ein Konzerthaus aber auch Garderoben hat, vielleicht engere Gänge und sanitäre Anlagen, plädieren von Hoensbroech und die Forscher vom Fraunhofer Institut jedoch für Maske – und eine fünfzigprozentige Auslastung bei Konzerten. So liegen die Restrisiken, die Wolfgang Schade sicherheitshalber erwähnt, in absolut vertretbarem Rahmen:

"Hundertprozentige Sicherheit gibt es eigentlich nie. Wenn sie sich morgens ins Auto setzen ist die Wahrscheinlichkeit auch nicht 100 Prozent, dass sie da ankommen, wo sie hinkommen wollen. Die Wahrscheinlichkeit ist nur eben relativ gering. Und ähnlich ist es sicherlich hier in dem Konzertsaal. Also ich würde sagen: Wenn die Person, die direkt vor ihnen sitzt – wenn der Platz sozusagen frei gelassen wird, dann kann man grundsätzlich nahezu eine Infektion ausschließen."

Die lobenswerte Dortmunder Studie findet schon jetzt Gehör im Bundesumweltamt und bei der höheren Politik; in Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung schon Arbeitsgruppen mit Vertretern von Kultur-Institutionen installiert, die sich mit Strategien zur Wiedereröffnung nach dem Lockdown beschäftigen. Gute Argumentations-Grundlagen sind nun da – auch gute Gründe für einen optimistischeren Kultur-Ausblick ins Jahr 2021.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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