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StartseiteForschung aktuellForscher warnen vor Rückgang von Kabeljau- und Dorschbeständen29.11.2018

Studie zu Folgen der MeereserwärmungForscher warnen vor Rückgang von Kabeljau- und Dorschbeständen

Der Atlantische Kabeljau ist einer der wichtigsten Speisefische, vom Polardorsch ernähren sich viele Tiere in der Arktis. Die Überlebenschancen dieser Fischarten könnten sich bei zunehmender Erwärmung und Versauerung der Meere um bis zu 50 Prozent verringern, sagte der Meeresbiologe Flemming Dahlke im Dlf.

Flemming Dahlke im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Ein Dorsch wird in einer Kesche an Bord geholt. (dpa picture alliance/ Bernd Wüstneck)
Ein Dorsch wird in einer Kesche an Bord geholt. (dpa picture alliance/ Bernd Wüstneck)
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Lennart Pyritz: Um den Klimawandel geht es auch jetzt bei unserem nächsten Thema – genauer um die Folgen des Klimawandels für zwei weit verbreitete Fischarten. Die eine dürfte jeder schon einmal gesehen haben – zumindest auf einer Speisekarte: Atlantischer Kabeljau, deren junge Vertreter auch manchmal Dorsch genannt werden. Die andere Art heißt Polardorsch und lebt in der Arktis. Wie sich eine zunehmende Erwärmung und Versauerung der Meere auf diese Tiere auswirkt, beschreibt jetzt ein Forschungsteam im Fachmagazin "Science Advances".

Ich hatte vor der Sendung Gelegenheit, mit einem der Studienautoren zu sprechen: Flemming Dahlke, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Ich habe ihn zuerst gefragt, welche ökologische und welche wirtschaftliche Rolle Atlantischer Kabeljau und Polardorsch spielen.

Flemming Dahlke: Der Atlantische Kabeljau, der sicherlich vielen ein Begriff ist, ist weltweit einer der wichtigsten Speisefischarten, und er wird hauptsächlich gefangen im Nordatlantik, also um Island und Norwegen herum. Die Bestände sind halt deswegen zum einen besonders wichtig für die Fischereiwirtschaft, aber unter anderem auch für den Tourismus, wie zum Beispiel den Angeltourismus in diesen Ländern. Und der Fisch hat auch eine große historische Bedeutung: Man kann zum Beispiel sagen, dass wahrscheinlich Amerika entdeckt wurde, weil damals die Wikinger den Kabeljauschwärmen Richtung Osten gefolgt sind.

Zum anderen der Polardorsch, den kennen wahrscheinlich weniger Leute, aber der Polardorsch ist wahrscheinlich die am häufigsten vorkommende Fischart in der Arktis und daher eine enorm wichtige Nahrungsquelle für eine Vielzahl von anderen Arten, wie zum Beispiel Seevögel, Robben und auch Walen.

Experimente mit Fischeiern

Pyritz: Für den Lebensraum und insbesondere auch die Laichgebiete dieser beiden Arten wird eine zunehmende Meereserwärmung und Ozeanversauerung vorausgesagt in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Sie haben jetzt in der aktuellen Studie untersucht, welche Folgen diese Entwicklung für die Dorsche beziehungsweise den Kabeljau und deren Fortpflanzungserfolg hätte. Wie sind Sie dabei methodisch vorgegangen?

Dahlke: Folgendermaßen: Die Hypothese ist, dass die Fischeier, die sich entwickeln, besonders empfindlich gegenüber sich verändernden Umweltbedingungen reagieren. Und um deren Toleranzbereich zu untersuchen, braucht man als Erstes die geschlechtsreifen Elterntiere. Die haben wir gefangen, indem wir mit unserem Forschungsschiff in die Barentssee gefahren sind, haben dort die Fische in ihrer natürlichen Umgebung gefangen und sie an Land transportiert, wo wir dann Experimente durchgeführt haben, indem wir die Eier in unterschiedlichen Temperaturen und Versauerungsszenarien aufgezogen haben. Diese empirischen Ergebnisse, diese Toleranzbereiche, haben wir dann verknüpft mit Klimavorhersagemodellen, und was wir dann erhalten, ist quasi eine sogenannte Risikokarte, die uns anzeigt, wie sich die Überlebenschancen der Eier in Abhängigkeit des Klimawandels verändern können.

Pyritz: Wie weit und in welchen Schritten sind Sie denn bei dieser Simulation von zunehmender Erwärmung und Versauerung in den Tanks gegangen, in denen Sie die Fischeier dann gesetzt haben?

Dahlke: In den Tanks in den Experimenten haben wir tatsächlich den gesamten Toleranzbereich untersucht, also wirklich von null Grad Wassertemperatur bis hin zu Temperaturen und Versauerungsgraden, wo wirklich keine Eier mehr überleben, um wirklich die komplette Spanne abzudecken. Diese Daten werden dann – einfach gesagt – mit Klimamodellen verknüpft, und das Ergebnis ist quasi eine räumliche Darstellung der Überlebenschancen.

Von worst case bis best case

Pyritz: Unter angenommener atmosphärischer Klimaerwärmung.

Dahlke: Genau, aber die Modelle, die wir dafür benutzen, können sowohl atmosphärische als auch die Veränderung der Wassertemperatur und den Versauerungsgrad vorhersagen.

Pyritz: Und was waren die Ergebnisse, wie wirken sich zunehmende Wassererwärmung und Versauerung auf die Fischeier beziehungsweise Larven aus?

Dahlke: Die Ergebnisse sprechen eine relativ klare Sprache: Zum einen in einem Worst-case-Szenario, wo quasi keine Verminderung der Treibhausgasemissionen stattfindet, würden sich die Überlebenschancen der Eier beider Arten um bis zu 50 Prozent verringern. Das wäre also ein fataler Verlust.

Bei einem mittleren Szenario wären für den Atlantischen Kabeljau schon viele Risiken minimiert, allerdings ist der Polardorsch wesentlich empfindlicher und würde selbst in diesem mittleren Szenario noch stark betroffen sein.

Die positive Aussage oder das positive Ergebnis unserer Studie ist allerdings, dass beim Erreichen des Ziels, die atmosphärische Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, was etwa einer Erwärmung der Meere um ein Grad entspricht, würden sich die Risiken für beide Arten weitestgehend minimieren, und sie wären in der Lage, in den Gebieten, in denen sie sich heute reproduzieren, auch weiterhin zu reproduzieren.

Folgen für die Fischerei

Pyritz: Angenommen, es gäbe jetzt größere Veränderungen bei den Dorschpopulationen, ließe sich dann absehen oder gäbe es da Szenarien, dass eventuell andere Fischarten die ökologische Nische der Dorsche übernehmen könnten, oder, anders gedacht, dass sich Dorsch und Kabeljau auf lange Sicht doch an höhere Wassertemperaturen und Versauerung anpassen könnten?

Dahlke: Die Datenlage ist eigentlich die, dass in dem kurzen Zeitraum, in dem der Klimawandel stattfinden wird, also innerhalb der nächsten Jahrzehnte, keine großen physiologischen Anpassungen stattfinden werden. Allerdings kann man davon ausgehen, dass sich die Fische, die sehr mobil sind, anpassen, indem sie sich in andere Gebiete zurückziehen – was für den Polardorsch schwierig ist, weil er bereits in den kältesten Gebieten, in den Polarmeeren vorkommt, also der ist wirklich gefährdet. Allerdings hätte eben auch eine Verschiebung der Fischbestände große Folgen für die Fischerei und eben auch die Ökosysteme, und dass die Nische so einfach ausgefüllt wird von anderen Arten, ist schwer absehbar.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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