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StartseiteForschung aktuellKosmetik kann Kinder dick machen12.02.2020

Studie zu ParabenenKosmetik kann Kinder dick machen

Nutzen schwangere Frauen parabenhaltige Kosmetika, kann dies Folgen haben. Eine neue Studie zeigt, dass die Kinder öfter Übergewicht entwickeln, berichtet Kristin Junge vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung im Dlf. Sie rät parabenfreie Produkte in der Schwangerschaft zu benutzen.

Kristin Junge im Gespräch mit Monika Seynsche

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Ein übergewichtiges Mädchen stochert in seiner Nachspeise herum. (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Parabene haben möglicherweise einen Einfluss auf die Hungerregulation im Gehirn (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
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Parabene sind Stoffe, die Pilze und Mikroorganismen töten können und daher in sehr vielen Kosmetikprodukten und einigen Lebensmitteln als Konservierungsmittel eingesetzt werden. Jetzt haben Forscher in einer großen Kohortenstudie mit über 600 Mutter-Kind-Paaren untersucht, wie sich der Gebrauch Paraben-haltiger Kosmetik während der Schwangerschaft auf das Gewicht der Kinder auswirkt. Ihre Ergebnisse stellen sie heute in "Nature Communications" vor. Beteiligt an der Studie war Kristin Junge vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

Monika Seynsche: Was ist bei der Studie herausgekommen?

Kristin Junge: Wir konnten dabei zeigen, dass tatsächlich die Mütter, die eine erhöhte Paraben-Belastung hatten in der Schwangerschaft – haben wir also gemessen im Urin von diesen schwangeren Studienteilnehmerinnen –, dass diese Mütter ein höheres Risiko hatten, dass ihre Kinder bis zum achten Lebensjahr irgendwann einmal ein Übergewicht entwickeln. Insbesondere haben wir das gesehen in den Mädchen.

Parabene beeinflussen das Sättigungsgefühl

Seynsche: Können Sie sich das erklären, also warum bewirken Parabene Übergewicht in den Kindern?

Junge: Wir konnten neben den Assoziationen aus unserer epidemiologischen Kohortenstudie LINA auch mechanistische Analysen durchführen, wo wir zum Beispiel im Mausmodell zeigen konnten, dass auch hier schwangere Tiere sozusagen, mit denen wir eine Paraben-Exposition durchgeführt haben, dass auch deren weibliche Nachkommen ein erhöhtes Körpergewicht hatten, zum einen, und zum anderen zeigten diese weiblichen Nachkommen auch eine erhöhte Futteraufnahme. Und da haben wir uns angeschaut, woran kann denn das liegen, und haben tatsächlich eine fehlgeleitete Hunger-Sättigungs-Regulation gefunden bei diesen Nachkommen.

Seynsche: Das heißt, die Kinder und die Mäusekinder haben kein Sättigungsgefühl durch diese Parabene, oder?

Junge: Genau, so kann man das vereinfacht sagen. Wir haben ein bestimmtes Protein uns angeguckt, das heißt POMC, das vermittelt im Gehirn das Sättigungssignal beziehungsweise das Hungersignal, und das war also in den Nachkommen der mit Parabenen belasteten Mütter sehr stark herunterreguliert auf Genexpressionsebene und – das konnten wir zeigen – war assoziiert mit einer epigenetischen Regulation, also einer epigenetischen Ausschaltung dieses Gens sozusagen.

Genetische Vorbelastung 

Seynsche: Das haben Sie bei den Mäusen feststellen können. Sind Sie denn sicher, dass das bei den Menschen auch der Fall ist, oder sind diese dicken Kinder, ich nenne es mal dicke Kinder, vielleicht auch einfach dick, weil sie wenig sich bewegen oder viel Fastfood essen?

Junge: Natürlich ist es immer so, dass die Ergebnisse aus den Kohortenstudien Assoziationen sind, das heißt, da kann man nie kausal sagen, das ist Ursache, das ist Wirkung. Daher schließen wir auch immer mechanistische Untersuchungen an auf Zellkulturebene oder aber auch auf Mausebene. Dennoch ist es natürlich so, dass wir auch in den epidemiologischen statistischen Analysen sogenannte Confounder berücksichtigen, also Faktoren, von denen bereits bekannt ist, dass sie ebenfalls ein Übergewicht sozusagen mitbedingen würden. Da sind Störgrößen, soweit wir das abbilden können, natürlich auch immer mitberücksichtigt, zum Beispiel auch, was haben diejenigen für eine genetische Vorbelastung oder verschiedene andere Faktoren, mit wie viel Gewicht kommen die Kinder schon zur Welt et cetera.

Parabenfreie Cremes in der Schwangerschaft benutzen

Seynsche: Und das können Sie dann herausrechnen?

Junge: Genau.

Seynsche: Was kann man denn jetzt tun? Parabene sind ja in sehr, sehr vielen Lebensmitteln und auch Kosmetika enthalten.

Junge: Wir konnten in unserer Studie hier abbilden, dass tatsächlich eine Quelle dieser Parabene aus den Kosmetikprodukten … dass das eine Quelle zu sein scheint, insbesondere die Produkte, die sehr lange auf der Haut der Schwangeren verbleiben und nicht gleich wieder abgespült werden, wie also Bodylotions oder Cremes zum Beispiel. Und da ja Schwangere natürlich auch sehr oft Cremes benutzen, um der großen Belastung der Haut ein bisschen entgegenzuwirken, würden wir tatsächlich empfehlen, darauf zu schauen, dass man Paraben-freie Kosmetikprodukte insbesondere in der Schwangerschaft benutzt. Das kann man zum einen tun, indem man auf die Zutatenliste schaut, die sind ja auch regulär auf jeglichen Produkten sozusagen aufgedruckt, oder man nutzt zum Beispiel verschiedene Apps. Wir haben dazu sogenannte ToxFox-Apps benutzt, die vom BUND, vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, die die kostenlos zur Verfügung stellen, und da kann man sozusagen schauen, welches Produkt nutze ich und sind da ungünstige Parabene enthalten oder eben nicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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