Montag, 06. Dezember 2021

Studie zu Schulen in der PandemieBildungsforscherin: Im Distanzunterricht braucht es mehr Dialog

In der Coronakrise stehen die Schulen besonders unter Beobachtung. Eine wissenschaftliche Befragung von Schulleitern kommt zu dem Schluss, dass zumindest ein Minimalziel erreicht wurde: Die allermeisten Schülerinnen und Schüler wurden von den Schulen erreicht - aber eben nicht alle.

Ingrid Gogolin im Gespräch mit Martin Schütz | 09.03.2021

Cornelia Herrmann, Klassenlehrerin einer 4. Klasse an der Grundschule «Am Mühlenfließ» in Booßen einem Ortsteil der Stadt Frankfurt (Oder), unterrichtet Schüler. Die Grundschulen in Brandenburg haben am selben Tag wieder für den Wechselunterricht zwischen Zuhause und Schule geöffnet. Beim Unterricht in der Schule ist die Anwesenheit Pflicht.
Corona-konformer Unterricht in einer Grundschule in Frankfurt (Oder) (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleul)
Seit dem März 2020 findet wegen der Corona-Pandemie kein regulärer Schulbetrieb mehr statt. Die teilweise Schließung der Schulen sowie die Umstellung auf Online- und Wechselunterricht sorgen seit Monaten für Diskussionen unter Bildungsexperten und für politischen Streit. Laut einer neuen Befragung von Schulleitern zum Unterricht in Corona-Zeiten konnte die Kommunikation im Lockdown immerhin aufrechterhalten werden. Die Schülerinnen und Schüler seien von den Schulen größtenteils erreicht worden.

Umfrage unter 800 Schulleitern

Für die Studie mit dem Titel "Kontinuität und Wandel der Schule in Krisenzeiten" (KwiK) wurden im Sommer und Frühherbst 2020 rund 800 Schulleiterinnen und Schulleiter von Grund- und Sekundarschulen in sieben Bundesländern befragt.
Knapp 40 Prozent der Schulleiterinnen und Schulleiter gaben an, dass alle Schülerinnen und Schüler erreicht wurden, knapp die Hälfte der Befragten sagte, dass 90 Prozent erreicht werden konnten. 3,6 Prozent der Schulleitungen berichteten, dass weniger als 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreicht werden konnten.
Das Foto zeigt Heinz-Peter Meidinger, den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes.
Warnung vor verlorener Schüler-Generation
Durch Corona dürfe keine "verlorene Generation" von Schülern entstehen, sagte der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, im Dlf. Es müsse gelingen, Lernrückstände wieder aufzuholen.
Beteiligt waren an der Studie die Universität Hamburg, das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel (IPN) und die International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA).

Kritik an zu statischem Unterricht

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Bei der Digitalisierung gibt es Nachholbedarf. Bei der Übermittlung der Lehrmaterialien wurden von Grundschulen eher analoge Wege gewählt (Abholung oder Lieferung der Materialien, Postversand), in der Sekundarstufe I wurden dagegen häufiger digitale Wege wie Datenaustauschportale oder die Übersendung per E-Mail genutzt.
Professorin Ingrid Gogolin, Erziehungswissenschaftlerin und Sprecherin der Studie von der Universität Hamburg, sagte im Dlf: Die Schulen hätten nach dem ersten Corona-Schock schnell Lösungen für die Herausforderungen des Fernunterrichts gefunden. Didaktisch gebe es beim Unterricht auf Distanz in Corona-Zeiten aber noch "Optimierungsbedarf". Der Unterricht laufe in vielen Fällen bisher "relativ statisch" ab, sagte Gogolin. Mehr "dialogosche Formen" und mehr Rückmeldungen sollten entwickelt werden. Lehrkräfte sollten Schüler stärker aktivieren, damit sie in Gruppen voneinander lernen könnten.
Fast zwei Drittel der befragten Schulleiter gaben an, dass nach ihrem Eindruck bis zu 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler zuhause nicht über die nötige digitale Ausrüstung für das Distanzlernen verfügen. Vor allem Schülerinnen und Schüler aus ohnehin benachteiligten Familien sind nach Einschätzung der Schulleitungen davon betroffen.