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StartseiteInterview"Wir brauchen jetzt vor allen Dingen Tests"02.12.2020

Studie zur Pflege in Corona-Zeiten"Wir brauchen jetzt vor allen Dingen Tests"

Eine Studie der Diakonie hat ergeben, dass sich Pflegende mehr Corona-Tests und mehr Schutzkleidung wünschen, sagte Ulrich Lilie, Diakonie-Präsident, im Dlf. Den Pflegenden werde "zu viel abverlangt", weil es zu wenig Personal gebe. Die Rahmenbedingungen für den Beruf müssten verbessert werden.

Ulrich Lilie im Gespräch mit Dirk Müller

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Eine Krankenpflegerin schiebt ein Krankenbett durch einen Flur. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Auf dem Arbeitsmarkt fehlt es an Pflegekräften. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
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Die Diakonie Deutschland ist für die Sozialarbeit der evangelischen Kirchen zuständig - mit fast 600.000 hauptamtlichen Mitarbeitern in über 30.000 ambulanten und stationären Diensten in Pflegeheimen und Krankenhäusern. In einer groß angelegten Befragung ging es jetzt darum, mehr Klarheit über den aktuellen Arbeitsalltag in der Altenhilfe zu bekommen. Daher hat die Diakonie gemeinsam mit der Zukunftswerkstatt von Diakonie und Midi bundesweit Mitarbeitende in der Altenhilfe in einer regional repräsentativen Studie befragt

Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, sagte im Dlf, bei der Befragung sei rausgekommen, dass die Pflegenden mehr Schutzmaterial benötigten.

"Die Menschen sind emotional am Ende"

Dirk Müller: Herr Lilie, ist professionelle Pflegearbeit unter diesen Bedingungen noch zumutbar?

Ulrich Lilie: Die Pflegenden sind am Limit. Das hat diese Covid-19-Pflegestudie, die wir in den letzten drei Monaten gemacht haben, sehr, sehr deutlich gezeigt. Wir haben über 1700 pflegende Mitarbeitende überall in Deutschland befragt in einer repräsentativen Studie und die Ergebnisse zeigen einmal, dass die Menschen wirklich auch emotional am Ende sind. Ihnen wird einfach mehr als zu viel abverlangt und das spiegelt sich. Die Leute äußern wirklich Gefühle von Ärger, von Wut, Gefühle von Verzweiflung. Das deckt sich mit den Eindrücken, die ich bei meiner Sommerreise gewinnen konnte. Ich habe da 14 Einrichtungen besucht, die besonders betroffen waren. Viele sagen, wir sind überfordert, hilflos, und wir erwarten nun wirklich eine strukturelle Verbesserung.

Müller: Was sind das für konkrete Kritikpunkte, für Unzufriedenheiten, die da artikuliert werden?

Lilie: Zunächst mal haben wir gefragt, wie sie die Situation, die erste Welle im Frühjahr erlebt haben. Da war es vor allen Dingen, dass es flächendeckend so war, dass sie gesagt hatten, wir hatten kein ausreichendes Schutzmaterial, wir waren den Situationen völlig ausgeliefert. Auch die Mitarbeitenden selbst haben sich ja wirklich in großen Zahlen infiziert, hatten Sorge, selber zu Spreadern zu werden, Familien anzustecken. 73 Prozent der Befragten haben gesagt, dass sie erlebt haben, dass Kollegen längere Zeit in Quarantäne mussten. Das war dann noch mal eine Verschärfung der ohnehin knappen Personalsituation und das zieht sich jetzt eigentlich bis in diesen Winter durch. Darum sagen sie, wir brauchen jetzt dringend ausreichend Schutzmaterial. Das ist jetzt flächendeckend vorhanden. Aber wir brauchen jetzt vor allen Dingen auch Tests.

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"Wir brauchen Testmöglichkeiten"

Müller: Die nicht vorhanden sind? Meine Frage ist: Was konnten Sie tun als Arbeitgeber, um die Situation zu verbessern?

Lilie: Wir haben natürlich überall Präventionskonzepte eingeführt. Wir wollten jetzt gut vorbereitet sein auf die zweite Welle und wo es geht – das ist ja jetzt wirklich das Gebot der Stunde – Isolationsbedingungen vermeiden. Dazu brauchen wir vor allem jetzt aber die Testmöglichkeiten. Die Fachleute sagen, man muss zweimal in der Woche sowohl die Bewohnerinnen und Bewohner wie auch die Mitarbeitenden testen. Das ist im Moment in der Fläche noch gar nicht gewährleistet und das muss jetzt besser werden.

Müller: Bei Bundesliga-Profis klappt das ja. Das könnte man sich als Vorbild nehmen. Wo liegen da die Schwierigkeiten? Haben Sie einfach nicht genügend …

Lilie: Das sind weniger als in der Pflege. Das ist das Problem, Herr Müller.

Müller: Wie groß ist das Problem, an diese Schnelltests heranzukommen?

Lilie: Das Problem ist, dass sie in der Fläche in den Einrichtungen noch nicht angekommen sind und dann vor allen Dingen noch nicht in den Zahlen angekommen sind. Ich habe ja gerade gesagt, man muss zweimal in der Woche alle Bewohnerinnen und Bewohner und Mitarbeitenden testen. Das sind dann viele hundert Tests, die man allein in einer Einrichtung in einer Woche braucht. Das ist bisher noch nicht passiert. Dafür muss jetzt gerade auf der kommunalen und auf der Landesebene dringend gesorgt werden. Und dann müssen wir gemeinsam mit den Behörden in einem gemeinsamen Verständnis hinbekommen, dass die Leute nicht isoliert werden. Das ist eine der ganz wichtigen Voraussetzungen dafür, dass wir wirklich Besuche ermöglichen können an Weihnachten, was uns das größte Anliegen ist.

"Es ist eine Frage der Logistik"

Müller: Herr Lilie, noch mal konkret die Frage. Sie sagen, das ist noch nicht angekommen. Steckt das irgendwo im Briefkasten fest, oder gibt es das noch gar nicht in der Logistik?

Lilie: Das ist in der Logistik da; das ist aber noch nicht ausgeliefert, das ist noch nicht in der Fläche angekommen. Wir reden ja über viele, viele, viele Tausende von Einrichtungen.

Müller: Wie kann das sein, wenn es vorhanden ist, dass es nicht ankommt?

Lilie: Das sind logistische Probleme. Das sind aber Dinge dann auch, die von den Behörden noch nicht ausreichend umgesetzt sind. Das wird Stück für Stück besser, aber wir brauchen da eine andere Geschwindigkeit.

Müller: Wissen Sie, woran das liegt, warum die Behörden das nicht bewerkstelligen können? Fehlen die Adressen, fehlen die Austräger?

Lilie: Es ist wirklich eine Frage der Logistik. Das muss ja transportiert werden, das muss gepackt werden, das muss in den richtigen Stückzahlen dann in die Einrichtungen rein. Das ist eine komplizierte Aufgabe, das ist ja keine Frage. Das sehen wir gerade auch bei den Impfzentren. Das ist wirklich eine Anforderung an die Logistik. Daran hakt es im Moment.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Ich hoffe, dass das bei den Impfungen besser wird"

Müller: Und wenn wir dann über Impfungen reden – das ist die große Hoffnung; heute Morgen gab es wiederum neue Nachrichten, wonach ab Januar losgelegt werden könnte -, dann können Sie ja nach diesen Erfahrungen auch nicht davon ausgehen, dass das schnell umgesetzt wird.

Lilie: Die Behörden lernen ja dazu. Wir sind ja alle im Moment in einem großen Lernprozess. Deswegen plädiere ich da immer auch für eine gewisse Nachsicht und Barmherzigkeit. Aber wir müssen natürlich jetzt unsere Lessons learned auch ziehen. Das heißt, das muss jetzt wirklich auch mit großer Professionalität betrieben werden. Ich hoffe, dass das dann auch bei den Impfungen jetzt besser wird. Wir müssen alle da besser werden. Wir müssen aus den Erfahrungen lernen. Das ist eine der Grundforderungen, die die Pflegenden auch in der Umfrage ganz deutlich gesagt haben. Sie haben gesagt, jetzt müssen wir doch aus den Erfahrungen, die wir gemacht haben, auch miteinander lernen.

Müller: Bezahlt die Diakonie – das ist ja ein großes Thema bei den Pflegekräften – vor dem Hintergrund der Überlastung, der Überforderung die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt besser als noch vor kurzem?

Lilie: Wir haben in unabhängigen Befragungen immer wieder das Ergebnis, dass wir in der Diakonie flächendeckend weit über dem Durchschnitt bezahlen. Das zeigt auch die Studie. Die Leute sagen, wir haben einen sicheren Arbeitsplatz und wir haben, was die Bezahlung angeht, eigentlich ganz gute Bedingungen. Das wichtigere Thema sind die Personalschlüssel und das hat was mit den Rahmenbedingungen zu tun. Wir haben am 1. Januar 2019, also vor gut zwei Jahren, das erste Pflegepersonal-Stärkungsgesetz gehabt. Da sollten 13.000 zusätzliche Stellen geschaffen werden. Da sind jetzt gerade mal 4000 von besetzt. Jetzt – Sie haben das in der Moderation gesagt – sollen 20.000 zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte, nicht für Pflegekräfte versprochen werden. Auch die gibt es ja nicht, die kann man nicht herzaubern. Wir müssen jetzt dringend dafür sorgen, dass die Personalbemessungssätze, die wir kennen, wirklich auch umgesetzt werden. Darunter leiden die Leute am meisten.

"Alles tun, damit Pflegende Unterstützung bekommen"

Müller: Woran liegt das jetzt wiederum, weil es kein qualifiziertes Personal auf dem Markt gibt?

Lilie: Das liegt daran, dass der Pflegeberuf für viele Leute nicht attraktiv ist, weil die wissen, dass die Bedingungen so schwierig sind, und dass natürlich die Bezahlung nicht überall so ist wie bei uns. Ich sage das jetzt mal so.

Müller: Sie sagen ja, Ihre Bezahlung, wenn ich da noch mal einhaken darf, ist großzügiger, ist höher, Durchschnittsverdienst 14,24 Euro haben wir gestern nachgelesen. Das ist bei Ihnen besser?

Lilie: Ja, da liegen wir drüber. Dazu kommen dann sogenannte ergänzende Leistungen, 13. Monatsgehalt, Familienzuschläge, eine Zusatzversorgung, die sich dann bei der Rente bemerkbar macht. Es sind auch viele andere Faktoren, die da noch eine Rolle spielen. Unsere Mitarbeitenden sagen in der Befragung, damit sind sie eigentlich ganz zufrieden. Ihre große Sorge ist, dass jetzt unter COVID, weil die Leute selber ausfallen und erkranken, immer schwieriger werdenden Arbeitsbedingungen auf die Dauer nicht durchzutragen sind. Das ist eigentlich die wichtigste Botschaft, dass der Personalmangel das größte Hindernis bei der Pandemie-Bewältigung ist.

Müller: Herr Lilie, wir haben noch 20 Sekunden, ich möchte Sie das trotzdem fragen. Wenn ich das jetzt alles richtig verstanden habe, dann wird die Situation ja eher noch schlimmer als besser?

Lilie: Ja, das macht mir schon Sorge. Wir müssen da genau hingucken. Und wir müssen jetzt alles dafür tun, vor Ort auch, dass die Pflegenden die Unterstützung haben, den Rückhalt haben, dass sie das durchhalten können. Noch mal: Das Personal, die Pflegenden, die da einen Heldenjob machen, das ist im Moment die Achillesverse in der Situation.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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