Montag, 04. März 2024

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Studiengang Geologie an der ETH Zürich
Mehr als Buddeln im Dreck

Gute Jobaussichten, Bewegung an der frischen Luft und Arbeiten an anschaulichen Objekten: Der Studiengang Erdwissenschaften an der ETH Zürich bietet jede Menge Abwechslung. Dennoch gibt es zu wenig Geologie-Studierende und zu viele Studien-Abbrecher. Das will die ETH Zürich ändern und gezielt an Schulen für mehr Geologie-Fans werben.

Von Thomas Wagner | 20.08.2016
    Die technische Hochschule Zürich (ETH)
    Die technische Hochschule Zürich (ETH) (imago/stock&people/Westend61)
    Der Weg ins Gebäude-Innere führt durch einen fensterlosen Gang, der so ähnlich aussieht wie eine Erdhöhle. Janine Aebischer geht hier fast täglich durch, zeigt auf die Vitrine links und rechts.
    "Also auf der linken Seite haben wir Platten von altem Gestein. Das sind typische Schweizer Steine."
    Nach dem lang gezogenen Gang steht die Mittzwanzigerin in einem geräumigen Saal in einem Nebengebäude der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich. Auf den Tischen stehen mal Kristalle, mal ein Globus. Hier fühlt sich Janine Aebischer wohl. Denn sie studiert ein außergewöhnliches Fach:
    "Erdwissenschaften, also Geologie und alles andere, was mit unserer Erde zu tun hat. Also dabei geht es auch manchmal ums Wetter und das Klima. Dann wie Planeten entstehen. Aber der Hauptpunkt ist Geologie."
    Mitstudent Dominik Zangerl steht daneben, nickt zustimmend.
    "Ich würde sagen: Das ist die Wissenschaft unserer Erde, unserer Welt und das Verständnis der Systeme, wie sie funktioniert und wie sie entstanden ist und sich heute wandelt."
    Ein langer Weg
    Allerdings: Der Weg zum "Verständnis der Systeme" ist lang. Am Anfang stehen Physik, Chemie und Mathematik auf dem Studienplan. Danach kommt die Spezialisierung.
    "Man geht ins Labor. Man geht nach draußen, macht eine Kartierung, macht erste Analysen, Interpretationen und so weiter."
    Adrian Gilli ist Dozent – und weiß: Kaum ein Studierender, der nach dem Bachelor das Studium beendet. Doch es muss nicht zwingend der Master-Studiengang in Erdwissenschaften sein.
    "Eine weitere Möglichkeit ist ein spezialisierter Master in 'Climate and Atmospheric Sciences', also in Klimawissenschaften. Und als dritte Möglichkeit haben wir einen Joint 'Geophysics-Master', wo man ein Semester in Delft, ein Semester in Aachen und ein Semester hier in Zürich studiert. Und der ist eigentlich auch sehr beliebt bei den Studierenden."
    Anschauliche Inhalte
    Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
    Der perfekte Ort zum Geologie-Studieren: die Schweizer Berge. (Deutschlandradio/Katrin Kühne)
    Beliebt ist bei den Studierenden im Fach Erdwissenschaften vor allem eines: die Anschaulichkeit der Inhalte. Die Deutsche Hannah Gies wird in wenigen Wochen ihren Master an der ETH Zürich bekommen.
    "Wenn man sich beispielsweise Quantenphysik anschaut: Das ist sehr theoretisch. Man hat jetzt nicht so einen Bezug dazu, finde ich, wohingegen jetzt Erdwissenschaften – das ist sehr angewandt, sehr anschaulich. Und je mehr man darüber lernt, desto mehr merkt man auch im Alltag, wie oft man damit konfrontiert wird."
    Kommilitone Dominik Zangerl kann dem nur zustimmen:
    "Ich finde es sehr spannend, dass, wenn man draußen ist, plötzlich Phänomene erklären kann, von Wetterphänomenen bis zu Landschaftsformen. Also man sieht da draußen eigentlich, was man gelernt hat."
    Die Deutsche Hannah Gies hat ihren Bachelor in Erdwissenschaften an der Universität Bremen gemacht und ist erst danach nach Zürich gewechselt – für sie der ideale Standort für so ein Fach.
    "Ja klar – hier gibt's Berge!"
    Und genau die Schweizer Berge lassen das Herz eines jeden Erdwissenschaftlers ein paar Takte höherschlagen. Das sieht auch Viertsemester Dominik Zangerl so:
    "Man mag die Berge doch als Schweizer auch sehr gerne. Und der Vorteil ist der: Wir haben als Schweizer auch immer interessante Exkursionen in die Alpen und in die Südalpen und in den ganzen Alpenbereich. Man lernt auf diese Exkursionen extrem viel, mehr als im Vorlesungssaal. Und das ist ein extremer Vorteil hier."
    Oft falsche Vorstellungen vom Studienfach
    Allerdings müssen die Studierenden erst einmal auf den Geschmack kommen: Zwischen 35 und 55 Studierende beginnen an der ETH-Zürich jeweils den Bachelor- und den Masterstudiengang. Allerdings, so Dozent Adrian Gilli:
    "Es ist nicht immer einfach, genügend Studierende hier zu rekrutieren. Wir würden gerne etwas mehr Studierende haben."
    "Ein Faktor ist, dass an den Gymnasien weniger Geologie unterrichtet wird. Ich glaube, die Gymnasiasten wissen nicht genau, auf was sie sich einlassen, wenn sie Erdwissenschaften studieren. Da gehen wir raus an die Gymnasien und zeigen: Was ist dieses Fachgebiet."
    Denn die Jobaussichten sind gut: Erdwissenschaftler sind gefragt in Behörden – und in der Privatwirtschaft, beispielsweise bei Rückversicherungen. Für Dozent Adrian Gilli gilt eine Faustregel: Je drastischer sich die Folgen des Klimawandels auswirken, umso häufiger ist das Fachwissen der Erdwissenschaftler gefragt:
    "Ich glaube, die Sicht der Erdwissenschaft ist, dass man rekonstruieren kann: Wie waren diese Klimaveränderungen in größerer Vergangenheit? Und dann sind wichtige Informationen, die wir heute brauchen, um Klimainformationen auch vorher zu sagen."