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StartseiteHintergrundDer schwierige Weg zum Frieden02.10.2020

SüdsudanDer schwierige Weg zum Frieden

Im Südsudan fehlt es auch nach dem Ende des jahrelangen Bürgerkrieges an Infrastruktur, Perspektiven und Stabilität. Nach wie vor kommt es zu Gewaltausbrüchen zwischen Bevölkerungsgruppen. Der Weg zum Frieden führt auch über die Suche nach einer gemeinsamen Identität.

Von Anne Allmeling

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Polizisten der SSNPS (South Sudan National Police Service) auf Pickup-Trucks bei einer Patrouille in den Straßen von Juba in Südsudan (AFP / Alex McBride )
Nachwirkungen des Bürgerkriegs: Polizisten auf Patrouille in den Straßen von Juba (AFP / Alex McBride )
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Thoraya wäscht ein Bund Blätter im sandigen Wasser des Weißen Nils. Ihr Korb ist gefüllt mit Spinat und dünnen Karotten. Das Gemüse hat sie den Familien aus ihrem Viertel abgekauft. Sie will es später auf dem Markt weiterverkaufen.

Zwischen 500 und 1000 Pfund verdiene sie pro Tag, erzählt Thoraya, also etwa zwei bis drei Euro. An guten Tagen könnten es auch sechs oder sogar neun Euro werden. Davon muss die 38-Jährige ihre Familie ernähren: insgesamt neun Personen. Sie leben in einer Lehmhütte am Rande der südsudanesischen Hauptstadt Juba.

"Wir sparen, wo wir können - und überleben mit dem wenigen, das wir verdienen."

Thoraya aus dem Südsudan beim Waschen von Gemüse (Deutschlandfunk / Anne Allmeling)Thoraya beim Waschen von Gemüse: Zwei bis drei Euro pro Tag für eine neunköpfige Familie (Deutschlandfunk / Anne Allmeling)

Wie viele Menschen im Südsudan ist Thoraya auf Nothilfe angewiesen. Internationale Organisationen verteilen Nahrungsmittel oder versorgen die Südsudanesen mit Samen und Setzlingen. Damit können sie in ihren Gärten oder auf einem kleinen Stückchen Land Gemüse anbauen - für den eigenen Bedarf. Denn was es im Südsudan zu kaufen gibt, können sich nur wenige leisten, sagt Bernd Serway von der Diakonie Katastrophenhilfe in Juba:

"Südsudan ist zu hundert Prozent auf Importe angewiesen, also sämtliche Nahrungsmittel kommen aus den Nachbarregionen. Die Hühnchen, die wir hier essen, die kommen aus Brasilien, der Fisch kommt aus China, sonstige Nahrungsmittel viel aus Uganda, Kenia und Äthiopien. Im Südsudan lokal wird kaum etwas für die generelle Notwendigkeiten angebaut."

Ein Drittel der Bevölkerung auf der Flucht

Das hat einen Grund: Fast ein Drittel der etwa 13 Millionen Südsudanesen befindet sich auf der Flucht. Das Gebiet zwischen Äthiopien und der Zentralafrikanischen Republik, zwischen Uganda und dem Sudan, ist schon seit Jahrzehnten Schauplatz von Stammeskämpfen und Bürgerkrieg. Vier Millionen Menschen sind entwurzelt, haben während der jahrelangen Suche nach einem sicheren Ort wichtige Fähigkeiten verloren. Sie wissen nicht mehr, wie man Gemüse anbaut, einen Pflug benutzt oder ein Haus baut, weil sie kein Land mehr haben, auf dem sie arbeiten und leben können.

Eine Gruppe Kinder spielt auf einem sandigen Platz unter einem großen Baum - dem einzigen weit und breit, der Schatten spendet. Barfuß bahnen sie sich ihren Weg zwischen Dutzenden Zelten aus Stöcken und Planen - ihrem Zuhause. Ein Mädchen hält drei kleine Kärtchen in der Hand. Mehr Spielzeug gibt es in dem Lager nicht.

Flüchtlinge in einem Camp in Juba in Südsudan (Deutschlandfunk / Anne Allmeling)Flüchtlinge in einem Camp in Juba (Deutschlandfunk / Anne Allmeling)

Der 52-jährige Kamao Abur lebt seit fast zehn Jahren hier. Mit seiner Frau und seinen sechs Kindern ist er vor den Kämpfen in Lafoon bis in die Nähe der Hauptstadt Juba geflohen. Hier wohnen sie alle zusammen in einem Zelt, das dem Familienvater gerade einmal bis zur Schulter reicht. Arbeit gibt es nicht in diesem Lager für Vertriebene. Aber die Kinder dürfen auf dem benachbarten Gelände der Nichtregierungs-organisation Don Bosco zur Schule gehen. Um Wasser zu holen, muss die Familie sehr weit laufen. Wenn er könnte, sagt Kamao Abur, würde er wieder zurück in seine Heimat gehen - etwa zwei Tagesmärsche weit entfernt. Aber dafür sei es noch immer zu gefährlich.

"Ich will in Frieden leben, ohne irgendwelche Konflikte. Ich möchte meine Kinder in Frieden aufwachsen sehen. Und ich möchte, dass meine Kinder eine Ausbildung bekommen."

Blick auf den Markt in Juba (Deutschlandradio / Anne Allmeling ) (Deutschlandradio / Anne Allmeling )Mafia und Militär - Wirtschaft im Sudan
Nach 30 Jahren Misswirtschaft und Bürgerkrieg leben die meisten Sudanesen in Armut, obwohl das Land reich an Rohstoffen ist. Vor allem im Norden herrschen noch die alten Seilschaften zwischen Mafiaclans und Militär.

Jindio Ananias richtet seine Werkbank ein. Der Zimmermann will seinen Schülern zeigen, wie man Holz zuschneidet - in einer spärlich ausgestatteten Halle vor den Toren der Hauptstadt. Aus einem Balken sollen daumendicke Bretter werden - alle schön gleichmäßig, damit sie für ein Bett oder eine Bank taugen.

"Das Zimmererhandwerk ist einer der wichtigsten Berufe auf der Welt. Denn zu ihm gehört der Bau von Häusern, das Dachdecken, Wände ziehen. Aber auch die Konstruktion von Säulen und Stützen, von Gerüsten und Bögen. Das ist die Arbeit eines Zimmermanns, und deshalb ist die Arbeit so wichtig."

Hauptstadt Juba ohne Wasser, Strom und Kanalisation

Jindio Ananias will dabei helfen, sein Land aufzubauen. Der Südsudanese ist erst vor kurzem in seine Heimat zurückkehrt. Die Organisation Don Bosco hat ihn angestellt, damit er jungen Leuten beibringt, einfache Möbel zu bauen oder auch ein kleines Haus. Wie das geht, hat Jindio Ananias in Uganda gelernt. Dort lebte er mehrere Jahre, während im Südsudan Bürgerkrieg herrschte. Jetzt, da zumindest offiziell wieder Frieden herrscht, will Jindio Ananias bei der Entwicklung helfen. Gelegenheiten gibt es genug: Im Südsudan mangelt es an so gut wie allem, sagt Bernd Serway.

Eine Siedlung aus Wellblechhütten in Juba, Südsudan (Deutschlandfunk / Anne Allmeling)Eine typische Siedlung bei Juba (Deutschlandfunk / Anne Allmeling)

"Zum Beispiel die Hauptstadt Juba hat keine Wasserversorgung, hat keine Abwasserversorgung, hat keine Stromversorgung, hat keine vernünftige Infrastruktur, also Wasser, was man zum Beispiel braucht, was man bei uns eben aus der Leitung kommt, das wird hier mit Tankwagen angefahren. Das Abwasser dann, die Fäkalien, werden mit dem Tankwagen dann abgefahren, und das ist eben extrem teuer und aufwendig, und von daher: So eine Situation wie in Juba habe ich in einer anderen Hauptstadt weltweit bisher auch noch nicht gesehen, dass es so schlecht oder so wenig entwickelt war."

Im ganzen Land, das etwa eineinhalb Mal so groß ist wie die Bundesrepublik, gibt es gerade einmal 250 Kilometer geteerte Straßen. Selbst in der Hauptstadt Juba müssen die Autos oft Schlangenlinien fahren, um Schlaglöchern auszuweichen. Bereits wenige Kilometer außerhalb des Zentrums leben die Menschen in Lehmhütten oder Baracken aus Wellblech - und das bei Temperaturen, die 30 Grad nur selten unterschreiten.

Schulalltag im Südsudan

Eine Wasserpumpe auf dem weitläufigen Schulgelände. Für Lehrerin Grace ist das ein Segen. Die Hilfsorganisation Malteser International hat sie vor kurzem installiert - und damit den Alltag von mehr als 700 Schülern und Lehrern enorm erleichtert.

"Das macht einen großen Unterschied, denn früher hatten wir kein Wasser. Die Schüler haben darunter gelitten und mussten weit laufen, um Wasser zu holen. Das brauchen sie, um Essen zu kochen und um sich zu waschen. Das war ein großes Problem für die Schule. Aber seit das Problem behoben wurde, müssen wir nicht mehr weit laufen. Das ist eine gute Sache. Wir sind jetzt hier in der Schule sehr glücklich."

Lehrerin Grace mit Schülern an der Wasserpumpe auf dem Gelände einer Schule in Juba, Südsudan (Deutschlandfunk / Anne Allmeling)Ein Segen für die Schule: Lehrerin Grace mit Schülern an der Wasserpumpe (Deutschlandfunk / Anne Allmeling)

Nicht nur die Schulkinder, auch ihre Familien haben nun Zugang zu Trinkwasser. Doch mit der Pumpe sei ein neues Problem entstanden, sagt Grace.

"Wir brauchen einen Zaun, denn oft kommen irgendwelche Menschen von der Straße hierher, nutzen unsere Anlagen und verschmutzen sie. Wir haben keine Mauer, und das ist ein großes Problem für uns. Ich glaube, wir brauchen irgendeine Organisation, die einen Zaun für uns aufstellt."

Mehr als sechzig Völker und Sprachen

Wie viele Menschen im Südsudan sehnt sich Grace nach Sicherheit. Als das Land im Juli 2011 seine Unabhängigkeit erklärte, war die Freude riesengroß: Die Südsudanesen wollten ihren eigenen Staat aufbauen. Doch daraus wurde nichts: Schon bald begannen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen im jüngsten Land der Welt, um Gebiete und Ressourcen zu kämpfen - mit Feuerwaffen und Macheten. Fast 400.000 Menschen kamen allein in den vergangenen sechs Jahren ums Leben. Im September 2018 schlossen die Konfliktparteien unter großem internationalem Druck einen Friedensvertrag; seit Ende Februar 2020 bilden sie eine Einheitsregierung. Doch das gegenseitige Misstrauen im Südsudan bleibt groß.

"Das ist kein Nationalstaat. Das ist keine Nation, sondern es gibt 64 Völker oder Sprachen, schätzt man, und das ist wie in der EU: Jetzt gibt’s den Brexit bei uns und Ungarn spielt verrückt, aber wir haben eben halt irgendwie so ein System, wo sich das in Grenzen hält und wo man sich nicht die Köpfe einschlägt. Und hier gibt es dieses System nicht, dass diese 64 Völker gemeinsam alle ein Stück vom Kuchen abbekommen. Sondern wer an der Macht sitzt, nimmt alles, und die anderen gehen leer aus."

Sagt Gregor Schmidt, er ist Missionspriester. Seit mehr als zehn Jahren lebt er in Old Fangak ganz im Norden des Südsudan. Der Ort befindet sich mitten in einem der größten Sumpfgebiete der Welt und ist nur mit dem Boot oder mit dem Flugzeug zu erreichen. Die Telefonverbindung nach Old Fangak bricht immer wieder zusammen; für ein Gespräch über Skype ist das Netz zu schwach. Aber wenn die Internetverbindung steht, kann Gregor Schmidt Sprachnachrichten über Whatsapp verschicken.

"Ich mache unsere Aufnahme hier in unserem Gemeinschaftsraum der Comboni-Pfarrei, das heißt, wir haben hier ein Pfarrzentrum in Old Fangak, sind im Augenblick vier Missionare aus Mexiko, Malawi, Uganda und ich aus Deutschland, und unser Pfarrgebiet hat die Fläche von etwa achtmal der Größe von Berlin, wo wir etwa 80 Kapellen betreuen, die wir nur zu Fuß erreichen können hier, weil es ja keine Straßen und keine Fahrzeuge gibt."

Andere Sorgen als Corona

Old Fangak liegt so abgeschieden, dass der Ort als einer der sichersten im Land gilt. Die Menschen hier sind Viehhirten, ernähren sich aber vor allem von Hirse, Mais und Fisch. Die Rinder nutzen sie als Tauschwährung, zum Beispiel, um einen Brautpreis zu bezahlen. Nur selten wird eine Kuh geschlachtet – etwa zu einem großen Fest. Besondere Gelegenheiten werden hier weiterhin gefeiert. Anders als in der Hauptstadt Juba nehmen die Menschen in Old Fangak die Verbreitung von Covid-19 kaum als Gefahr wahr.

"Die Menschen haben hier andere Sorgen und denken auch nicht, dass Corona unmittelbar hierherkommen wird. Was das Social Distancing betrifft: Es gibt ein paar Aufrufe mit Megafon, da gibt’s Leute vom Krankenhaus, die durch die Straßen gehen und was ansagen, weil die Leute ja hier auch kaum lesen können, aber man sieht eigentlich keine Verhaltensänderung und auch die Autoritäten bemühen sich nicht darum, dass irgendetwas in der Richtung getan wird. Das heißt, die Leute berühren sich ausgiebig beim Begrüßen. Masken wurden hier nicht verteilt. Hände waschen ist auch schwierig."

Früher lebten hier etwa 5.000 Menschen. Doch als 2013 der Bürgerkrieg im Südsudan begann, wurde Old Fangak zum Zufluchtsort.

"Mit dem Krieg sind etwa 100.000 Menschen in dieser Region als Ganzes gekommen, und hauptsächlich nach Old Fangak. Und zwar bleiben die Leute hier, weil es Nahrung gibt durch das Welternährungsprogramm WFP. So viermal im Jahr wird hier Essen, also große Mengen an Hirse, vorbeigebracht, aber auch Öl und spezielle Nahrung für Kinder. Das heißt, die Flüchtlinge, nachdem die einmal hierher gekommen sind und gesehen haben, es gibt relative gute Verpflegung hier, die wollen hier erstmal nicht wieder weg."

Missionspriester: "Ein Staat, der nutzlos für die Bürger ist"

Die meisten Menschen in dieser Gegend zählen zu den Nuer, der zweitgrößten Bevölkerungsgruppe im Land. Ihr bekanntester Vertreter ist Riek Machar, einer der Vizepräsidenten des Südsudan. Seit der Unabhängigkeit hat er schon mehrmals mit Präsident Salva Kiir eine Regierung gebildet, der zur Bevölkerungsgruppe der Dinka zählt, der größten im Land. Doch der Streit zwischen den politischen Kontrahenten und ihren Anhängern hat den Bürgerkrieg in der Vergangenheit immer wieder neu entfacht. Seit Februar 2020 regieren Salva Kiir und Riek Machar wieder zusammen. Auf den Alltag der Menschen in Old Fangak wirke sich das bislang aber nicht aus, sagt Missionspriester Gregor Schmidt.

"Ein Staat, der korrupt ist und Steuern eintreibt, aber überhaupt nichts in die Infrastruktur, in Bildung oder das Gesundheitswesen investiert, ist für die Bürger nutzlos. Und dann sind die Nuer oder auch andere ethnische Gruppen hier eher geneigt, ihre Probleme und Angelegenheiten nach traditionellen Verfahrensweisen zu lösen, wie sie das aus der Vergangenheit kennen, und dann brauchen sie wirklich keinen Staat hier."

Die südsudanesischen Athleten und Athletinnen üben japanische Schriftzeichen. (dpa / picture alliance / Yomiuri Shimbun) (dpa / picture alliance / Yomiuri Shimbun)Südsudans Olympia-Hoffnungen
Südsudan tritt mit eigener Mannschaft bei den Olympischen Spielen an und hat die Athletinnen und Athleten schon früh nach Tokio geschickt, auch als Botschafter des Landes.

Große Plakate mit den Porträts der Politiker werben in der Hauptstadt für Frieden und Versöhnung. Doch viele Menschen im Südsudan zweifeln daran, dass das so schnell gelingen wird - trotz internationaler Vermittlung. In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Angriffe und Vergeltungsschläge mit mehreren Hundert Toten. Die vielen bewaffneten Kämpfer seien eine der größten Herausforderungen für den Südsudan, sagt Lawrence Korbandy. Der Jurist war bis zum Februar 2020 ein Berater von Präsident Salva Kiir:

"Fast die Hälfte unserer Bevölkerung sind Menschen in Uniform. Wir können sie nicht alle in der Armee unterbringen. In der Armee findet nur eine begrenzte Anzahl von Leuten Platz. Also brauchen wir ein spezielles Programm. Wenn wir die Leute entwaffnen, was machen wir dann mit ihnen? Wir haben keine Firmen, keine Fabriken, wo sie zur Entwicklung des Landes beitragen können."

Schwierige Suche nach Identität

Drei Männer schlagen auf Trommeln, fünf Frauen tanzen dazu im Takt: Dreimal in der Woche trifft sich die Gruppe "Orupap" in Juba, probt Rhythmen aus allen Teilen des Südsudan. Für die meisten von ihnen ist das ein Hobby - für Stephen Utshalla geht es um mehr:

"Wir müssen unsere Kultur bewahren. Und unsere Sprache. Mit Hilfe von Kunst kann man seine Kultur, seine Sprache, seine Identität erhalten. Wir sprechen Arabisch, obwohl wir keine Araber sind, oder Englisch, obwohl wir keine Engländer sind. Das sind die Sprachen, die wir in der Schule lernen. Aber die Stammessprachen sind unsere Identität."

Dinka, Nuer, Bari, Schilluk – so gut wie jede Volksgruppe im Südsudan spricht ihre eigene Sprache. Selbst auf der Trommel:

"Früher haben die Leute wichtige Nachrichten per Trommel verbreitet: Wenn eine Frau ein Kind bekommen hat, wurde ein bestimmter Rhythmus geschlagen, und die Leute weiter weg wussten: ah, diese Frau in dem Haus, in dem und dem Dorf. Oder ein alter Mann ist gestorben. Oder ein Feuer ist ausgebrochen oder ein Tier bedroht die Menschen - so wurde das bekanntgegeben."

Stephen Utshalla von der Gruppe Orupap (Deutschlandradio / Anne Allmeling)Stephen Utshalla von der Gruppe Orupap: "Menschen im Tanz vereinen" (Deutschlandradio / Anne Allmeling)

Stephen Utshalla hat sich die Mühe gemacht, die Rhythmen der unterschiedlichen Stämme zu sammeln. Dafür hat er mit den Stammesältesten gesprochen, den Trommeln gelauscht und sich die Rhythmen erklären lassen. Stephen Utshalla gehört zum Stamm der Anywaa. Dort seien drei Trommeln üblich, sagt er. Stephen und seine Gruppe "Orupap" greifen die Rhythmen der Stämme auf, schaffen aber auch Neues.

"Von Anfang an habe ich versucht, die Rhythmen des Südsudan zu kombinieren, sie miteinander zu verbinden - und nicht nur die Rhythmen, sondern auch die Menschen zu vereinen."

Vereint im Tanz

Keine einfache Aufgabe in einem Land, in dem die meisten Menschen mehr Krieg als Frieden erlebt haben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Südsudanesen von den Briten und den Ägyptern beherrscht - und unterdrückt. Nachdem sich der Sudan 1956 für unabhängig erklärt hatte, kämpften die Südsudanesen gegen die Sudanesen im Norden - und für ihren eigenen Staat. Als dieser Staat nach mehr als fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg ausgerufen wurde, hatten die Bevölkerungsgruppen im Südsudan keinen gemeinsamen Feind mehr. Sie begannen sich gegenseitig zu bekämpfen: aus Misstrauen, um ihre Machtansprüche durchzusetzen, und um Rache zu üben für früheres Unrecht - ein Kreislauf von Verbrechen und Vergeltungsschlägen. Tänzerin Atong Wol kann das nur schwer nachvollziehen. Sie gehört zum Stamm der Dinka - und will zur Verständigung beitragen.

"Bei unserer Gruppe Orupap kommen alle Traditionen und Tänze vor. Die Leute sprechen oft von Frieden und beschreiben, was sie damit meinen. Aber auch das hier ist eine Form von Frieden: Orupap vereint alle Stämme und verbreitet die Nachricht: Wir sind ein Volk. Wir diskriminieren niemanden. Wir gehören zusammen. Wir integrieren von allem etwas und machen etwas Neues daraus."

Auch Simon Bingo probiert gerne Neues. Der 34-Jährige gehört zu den Gründern des Juba Film Festivals. Im Dezember 2019 veranstalteten er und seine Mitstreiter das Festival bereits zum vierten Mal – und lockten mehr als 20.000 Zuschauer an.

"Wir machen eine schwere Zeit durch. Deshalb nutzen wir das Filmfestival auch, um das friedliche Zusammenleben zu fördern. Wir bringen zum Beispiel unsere Filme in verschiedene Landesteile und zeigen sie in verschiedenen Sprachen – nicht nur in Englisch, sondern auch in den Sprachen der Dinka und Nuer."

Ein Leben auf der Flucht vor dem Krieg

Frieden schaffen - das liegt Simon Bingo am Herzen. Kurz nach seiner Geburt floh sein Vater mit ihm und seinen Geschwistern vor dem Bürgerkrieg nach Uganda. Weil auch dort Krieg herrschte, zog die Familie weiter nach Kenia. Mehr als zehn Jahre lebte Simon Bingo dort in einem Flüchtlingslager, bevor er 2009 nach Juba zurückkehrte. Seither hat auch er mehr Krieg als Frieden erlebt. Dennoch will er bleiben.

"Wir wollen einen Südsudan, in dem wir von einem Landesteil in den anderen reisen können, ohne gefragt zu werden, wohin wir gehen. Ich bin hier Zuhause! Und um so einen Südsudan zu bekommen, müssen wir alle mithelfen. Wenn wir in einem besseren Haus leben wollen, müssen wir es bauen, und wenn wir in einem besseren Land leben wollen, müssen wir uns am Aufbau des Landes beteiligen. Wenn nicht, wenn wir alle dieses Land verlassen, dann werden wir nie den Südsudan bekommen, den wir haben wollen."

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