Mittwoch, 21.10.2020
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteForschung aktuellSuper-GAU in Zeitlupe20.04.2011

Super-GAU in Zeitlupe

Warum Fukushima nur bedingt mit Tschernobyl vergleichbar ist

Schnelle Explosion in der Ukraine, langsames Schmelzen in Japan: Die beiden Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima unterscheiden sich deutlich im Hergang. Doch eine Wende in Richtung Tschernobyl ist auch in Fukushima noch möglich.

Von Sönke Gäthke

Igor Kostin fotografierte den völlig zerstörten Reaktor 2 des Atomkraftwerks Tschernobyl aus einem Helikopter heraus wenige Stunden nach der Explosion. (AP Archiv)
Igor Kostin fotografierte den völlig zerstörten Reaktor 2 des Atomkraftwerks Tschernobyl aus einem Helikopter heraus wenige Stunden nach der Explosion. (AP Archiv)

Am 26. April 1986, kurz nach Mitternacht, zerrissen zwei Explosionen den Reaktorblock vier vom Atomkraftwerk Tschernobyl. Zerfetzte Brennstäbe, glühende Spaltstoffe und Graphit schleuderten aus dem Inneren des Reaktors in die Luft. Das restliche Graphit im Inneren des Reaktors entzündete sich - und brannte zehn Tage lang. Ein radioaktives Inferno.

"Dadurch entstand, was man Kamineffekt nennt, eine sehr hohe Höhe für die Freisetzung von Radioaktivität, also man geht so von drei Kilometern aus, vielleicht sogar mehr, das hat dann dazu geführt, dass die Radioaktivität über den ganzen Kontinent verteilt worden ist. Das ist in Fukushima bisher zumindest nicht der Fall","

erklärt Mycle Schneider, unabhängiger Atomenergie-Experte aus Paris.

""Das ist in Fukushima bisher zumindest nicht der Fall."

Zwar legte dort ein Tsunami die Kühlung von gleich sechs Reaktoren lahm. Drei überhitzen, Brennstäbe schmolzen, Explosionen zerstörten die Reaktorhäuser. Abklingbecken mit Hunderten von strahlenden Brennelementen liegen ohne Schutz und ausreichende Kühlung fast unerreichbar unter Tonnen von Schrott eingeklemmt. Aber trotzdem sind deutlich weniger radioaktive Substanzen bis jetzt in die Umwelt gelangt als in Europa 1986, ergänzt Rolf Michel. Vorsitzender der Strahlenschutzkommission.

"Wir haben beim Jod etwa einen Faktor 10 in Fukushima weniger bisher in die Luft freigesetzt als in Tschernobyl. Und beim Cäsium ist der Unterschied nicht ganz so groß, aber so etwas um einen Faktor 3 an Unterschied dabei."

Auch fehlt in den Reaktoren von Fukushima das Graphit, dessen Brand den radioaktiven Staub weit empor riss. Die Explosionen von Fukushima reichten bei weitem nicht so hoch. Mycle Schneider:

"Bisher geht man davon aus, dass die Ausbreitungshöhe in etwa 300 Metern liegt. Also ein Zehntel von dem, was wir in Tschernobyl hatten."

Eine gute Nachricht für Japan also? Nein.

"Das ist gute Nachricht für fremde Länder, schlechte Nachricht für die anliegenden Bewohner. Denn auch wenn die freigesetzte Menge auf etwa zehn Prozent geschätzt wird - wenn die Oberfläche erheblich kleiner ist, und die Bevölkerungsdichte erheblich höher ist, dann kann der Effekt auf Mensch und Umwelt erheblich - bereits heute erheblich höher liegen als in Tschernobyl."

Bereits heute - der Experte wählt bewusst diese Formulierung, weil ein Ende des Unfalls in Fukushima noch lange nicht abzusehen ist. Auch das war in Tschernobyl anders.

"Es war sehr viel schneller klar, welches das Ausmaß der Katastrophe ist, und nachdem der Brand aufgehört hatte, also die Mengen an Radioaktivität relativ überschaubar waren. Es ist eine wesentlich überschaubarere Situation gewesen, es ist ja auch so gewesen, dass die Reaktoren nebenan weiterhin funktioniert haben. Noch Jahre danach."

Das ist in Fukushima undenkbar. Selbst die beiden noch einigermaßen intakten Reaktorblöcke fünf und sechs sollen nach dem Willen der Regierung nicht wieder in Betrieb gehen. Und wann die Kühlung der übrigen Reaktoren und Abklingbecken wieder in Gang gesetzt werden kann, um die Reaktoren unter Kontrolle zu bekommen, ist noch völlig offen. Eine Wende in Richtung Tschernobyl ist immer noch möglich.

"Es kann nach wie vor nicht ausgeschlossen werden, dass es zu einer ähnlichen Situation kommt, etwa wenn es zu weiteren Wasserstoffexplosionen in Reaktoren kommt, oder zu weiteren, andauernden Feuer in einem der Abklingbecken, dann könnte durchaus eine ähnliche Situation entstehen."

Die entstünde, wenn die Brennstäbe nicht mehr gekühlt werden können, das Wasser verdampft. Dann können die Hüllen der Brennstäbe, gefertigt aus Zirkonium, in Flammen aufgehen. Für Rolf Michel die übelste Vorstellung.

"Wenn es zu einem massiven Zirkonbrand käme, dann hätten wir eine massive Freisetzung von langlebigen Radionukliden. Da ist das Jod nicht mehr das Thema, sondern dann ist es das Cäsium, und andere Spaltprodukte und je nach der Brandtemperatur und dem Auftrieb, den dann die heißen Luftmassen bekommen, könnten da auch Brennstoffteilchen in der näheren Umgebung, das heißt also auch Strontium, Uran und Plutonium verteilt werden."

Brennt das Zirkonium heiß genug, würden sogar diese schweren Radionuklide in die Höhe gerissen. Andere wie Cäsium könnten wohlmöglich ähnlich hoch steigen wie beim Graphit-Brand in Tschernobyl und eine große Fläche verstrahlen.

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass bis jetzt die Winde einen großen Teil der strahlenden Isotope aufs Meer geweht haben.


Welche gesundheitlichen Folgen der Reaktorunfall in Japan haben wird, lässt sich im Moment noch schwer abschätzen. Denn selbst für Tschernobyl ist diese Frage noch nicht endgültig geklärt.

Von den 134 Ersthelfern, die versucht haben, den Nuklearbrand von Tschernobyl zu bekämpfen, sind 28 in den ersten 60 Tagen nach der Explosion an den Folgen der Strahlenkrankheit gestorben. Das sind die harten Zahlen. Welche Langzeitfolgen darüber hinaus durch den radioaktiven Fallout entstanden sind, darüber streiten die Experten noch. Eindeutig ist die Situation noch beim Schilddrüsenkrebs, sagt Wolfgang-Ulrich Müller, Professor am Universitätsklinikum Essen.

"Da ist definitiv klar, dass drei bis vier Jahre nach dem Reaktorunglück die Zahl der Schilddrüsentumorfälle bei den Kindern angestiegen ist – weil leider versäumt worden ist, Jodtabletten auszugeben. In der ganzen Umgebung Tschernobyls sind keine Jodtabletten ausgegeben worden. Damit hätte man viele der Fälle verhindern können."

Über 5000 Fälle wurden bislang diagnostiziert. Für Fukushima und Umgebung erwartet der Strahlenbiologe keinen signifikanten Anstieg beim Schilddrüsenkrebs. Denn in Japan habe man aus den Erfahrungen von Tschernobyl zumindest in dieser Hinsicht gelernt.

"Daraus hat man definitiv gelernt, denn in einigen Präfekturen in Japan sind zumindest Jodtabletten verteilt worden. Und ich meine, in zwei Distrikten wäre auch die Aufforderung gekommen, die Jodtabletten einzunehmen."

Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl. (AP)Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl. (AP)Neben den Kindern, die besonders anfällig für Schilddrüsenkrebs sind, wurde in Tschernobyl auch noch eine zweite Gruppe von Menschen besonders intensiv untersucht: die sogenannten Liquidatoren. Menschen, die nach der akuten Notfallsituation geholfen haben, die Sperrzone zu dekontaminieren und zu überwachen. Studien an Überlebenden der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki ließen anfangs vermuten, dass bei ihnen die Zahl der Leukämiefälle deutlich ansteigen würde.

"Eigentlich ist zu erwarten, dass der eine oder andere Leukämie-Fall durch die Strahlendosen, die die Liquidatoren erhalten haben, aufgetreten ist. Und es gibt auch einige Untersuchungen, die in diese Richtung deuten. Aber so richtig handfeste Daten, wie wir sie zum Beispiel in Hiroshima und Nagasaki haben, die gibt es leider eben nicht."

Das bevorzugte Werkzeug, mit dem Mediziner und Strahlenbiologen den Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung untersuchen, ist eine Kohortenstudie. Die Mediziner beobachten dazu eine Gruppe von Personen, von denen sie die Strahlenbelastung möglichst genau kennen. Weil es oft viele Jahre dauert, bis ein Tumor entsteht, begleiten sie die Probandengruppe teilweise über Jahrzehnte hinweg. Am Ende vergleichen sie dann die Krebsrate mit einer Gruppe, die der Radioaktivität nicht ausgesetzt gewesen ist, um das zusätzliche Risiko für eine Krebserkrankung zu errechnen. Ein langwieriges und kompliziertes Unterfangen. Außerdem gibt es noch eine weitere Schwierigkeit dabei, sagt der Strahlenexperte Keith Baverstock, der an der Universität Ostfinnland lehrt.

"Die Ergebnisse hängen davon ab, von welchen Annahmen man ausgeht. Ich habe abgeschätzt, dass durch Tschernobyl in ganz Europa ungefähr 30.000 bis 60.000 Menschen zusätzlich an Krebs erkranken werden. Andere Zahlen sind dramatisch höher, bis über eine Million. Andere hingegen liegen deutlich darunter. Zu diesen niedrigen Werten kommt man, wenn man von einem Schwellenwert ausgeht, unter dem die radioaktive Strahlung keine Wirkung hat. Sagen wir mal eine Dosis von 100 Millisievert. Nimmt man sich nun die Daten von Tschernobyl vor, dann lässt man in diesem Fall für die Auswertung nahezu jeden weg, der nicht zur Gruppe der Liquidatoren gehört oder zu den Menschen, die anfangs noch in der Sperrzone lebten."

In der Debatte um die Tumorerkrankungen werde allerdings eine zweite, wichtige Auswirkung der Katastrophe oft übersehen, sagt Baverstock: die psycho-sozialen Folgen. Das Gefühl, ein hilfloses Opfer der Umstände zu sein. Und die Angst vor einer Bedrohung, die allgegenwärtig erscheint, die man aber trotzdem weder sehen, schmecken noch fühlen kann.


"Eine Lehre aus Tschernobyl hat man in Fukushima außer Acht gelassen: Nämlich dass die Menschen darüber informiert werden müssen, ob sie vor der Strahlung sicher sind und welche Maßnahmen sie zum eigenen Schutz ergreifen müssen. Diese Hinweise kamen nicht früh genug. Und noch etwas anderes haben wir aus Tschernobyl gelernt: Diese Informationen müssen aus einer vertrauenswürdigen und verlässlichen Quelle stammen. Industrieunternehmen und Staatsregierungen zählen trauriger weise nicht dazu."

Zur Übersichtsseite der Sendereihe "Strahlendes Erbe"

Zum Portal "Katastrophen in Japan"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk