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Supermedikament Schweinegrippe-Impfstoff

Als 2009 der Impfstoff gegen die Schweinegrippe zur Verfügung stand, wollten ihn nur wenige nutzen. Es gab Zweifel an seiner Wirksamkeit und Sorgen wegen möglicher Nebenwirkungen. Jetzt zeigt eine Studie aus Kanada: Das Medikament schützt offenbar auch vor anderen Grippeerregern.

Von Volkart Wildermuth | 14.05.2012

Das Grippevirus ist ein Verwandlungskünstler, jedes Jahr sieht es ein wenig anders aus. Das Immunsystem ist noch auf die Verkleidung vom letzten Winter eingestellt, das neue Kostüm wird nicht erkannt, das Virus kann sich ausbreiten. Schutz bieten nur Impfstoffe, die ebenso jede Saison neu angepasst werden. Ausgerechnet die Schweinegrippe hat dem Immunsystem aber einen Blick unter die Verkleidung des Erregers erlaubt, auf seine immer gleichen Unterhemden sozusagen, meint der Immunologe John Schrader, Professor am Biomedizinischen Forschungszentrum der Universität in Vancouver

"Im Sommer 2009 stelle ich fest, dass Menschen nach einer Infektion mit der Schweinegrippe Antikörper bilden, die denen gegen die Vogelgrippe ähneln. Wir haben diese Antikörper getestet und sie binden beide Viren. Damit wussten wir, Menschen können Antikörper bilden, die gegen viele Grippevarianten schützen."

Die meisten Antikörper gegen Grippeviren binden an das sogenannte Hämagglutinin. Das ist das H in H1N1 oder H5N1. Dieses Protein hat eine pilzförmige Gestalt. Der Kopf des Hämagglutinins ist sehr wandelbar, er bildet das jährlich etwas umgestaltete Kostüm der Viren. Der Stiel darunter ist das Unterhemd im alt bewährten Schnitt. Das Immunsystem bildet viele Abwehrzellen, die die immer neuen Kopfvarianten erkennen. Den Stiel beachtet es dagegen weniger. Nach einiger Zeit richtete sich die Immunantwort deshalb vor allem gegen den Kopf des Hämagglutinins. Und weil der so wandelbar ist, greift es immer erst einmal leicht daneben. Die Stiel-Antikörper würden vielleicht schützen, aber es gibt im Vergleich einfach zu wenige. Was geschieht aber, wenn ein Grippevirus vom Tier auf den Menschen überspringt? John Schrader untersuchte acht Personen, die sich entweder mit der Schweinegrippe infiziert hatten, oder den Pandemieimpfstoff erhalten hatten. Aus ihrem Blut isolierte der Immunologe einzelne Antikörper bildende Zellen. Bei jeder Person erkannten viele dieser Zellen nicht den Kopf, sondern den konstanten Stil des Hämagglutinins.

"Die bieten einen wirklich guten Schutz. Wir haben Mäuse mit einer eigentlich tödlichen Dosis Vogelgrippe infiziert und ihnen dann kleinste Mengen dieser Antikörper gegeben. Sie haben noch nicht einmal Gewicht verloren, sie blieben gesund."

Dabei richteten sich die Antikörper doch eigentlich nicht gegen die Vogel- sondern gegen die Schweinegrippe. Forscher suchen schon lange nach einer Impfstrategie, die solche universellen Antikörper hervorruft. Die verschiedenen Ansätze befinden sich aber noch weitgehend im Laborstadium. Nun sieht es so aus, als habe ausgerechnet der viel gescholtene Pandemieimpfstoff dieses Ziel quasi nebenbei erreicht. Und zwar, so vermutet John Schrader, weil das Schweinegrippen-Hämagglutinin im Impfstoff für das menschliche Immunsystem so fremd war.

"Wenn es eine so große Veränderung im Kopf gibt, dann werden die vielen vorhandenen Kopfabwehrzellen nicht aktiviert, die Stielzellen aber sehr wohl."

Der Hämagglutininkopf der Schweinegrippe hatte eine ganz andere Gestalt, als der der saisonalen Influenza. So als ob das Kostüm nicht zwischen Prinz und Ritter und Jäger wechselt, sondern plötzlich zu Astronaut oder Alien. Bei gleichem Unterhemd wohlgemerkt. Gerade weil der Hämagglutinin-Kopf so fremd war, konnte sich das Immunsystem auf den Stil konzentrieren und Antikörper bilden, die letztlich gegen ganz unterschiedliche Grippeviren schützen. Schon nach einem Jahr nimmt die Zahl dieser Antikörper aber wieder ab. John Schrader denkt deshalb über neue Impfstrategien nach.

"Ich glaube, ein Universeller Grippeimpfstoff sollte aus einer Mischung von mehreren Hämagglutininen bestehen, die dem menschlichen Immunsystem unbekannt sind. Drei Impfungen sollten einen lebenslangen Schutz bieten, auch gegen Viren, die sich erst noch entwickeln."

Das klingt sehr optimistisch. In Deutschland ist das Paul-Ehrlich-Institut zuständig für Impfstoffe. Die Experten dort halten die Versuche aus Kanada für sehr interessant. Dieser Ansatz sollte weiter erforscht werden. Aber ob er sich tatsächlich so einfach umsetzen lässt, ist alles andere als klar. Schließlich hat John Schrader die Immunantwort von nur acht Menschen untersucht. Und die Schutzwirkung ihrer Antikörper ausschließlich im Mausmodell getestet. Es ist wohl immer noch ein weiter Weg zu einer wirklich universellen Grippeimpfung. Aber eines scheint klar zu sein: Sie darf sich nicht von den wechselnden Kostümen täuschen lassen, sie muss sich auf das Konstante konzentrieren und das ist in diesem Fall sozusagen das Unterhemd.