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StartseiteKoran erklärt Menschliches Klonen und künstliche Befruchtung im Islam09.11.2018

Sure 19 Vers 20Menschliches Klonen und künstliche Befruchtung im Islam

Die moralische Bewertung moderner Techniken der Reproduktionsmedizin wie künstliche Befruchtung wird auch im Islam diskutiert. Auf der Suche nach Argumenten werden viele im Koran fündig - etwa in der Erzählung der Jungfrauengeburt Jesu. Doch wo manche Gelehrte selbst menschliches Klonen befürworten, sorgen sich andere um die traditionellen Werte.

Von Prof. Dr. Abdulaziz Sachedina, George Mason University, Fairfax, USA

Weiterführende Information

Das Buch "Koran erklärt". (Suhrkamp)Zu unserer Sendereihe ist ein Buch "Koran erklärt" im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienen. (Suhrkamp)

"Sie sprach: 'Wie soll ich einen Knaben bekommen, da mich noch kein Mann berührt hat und ich auch keine Dirne bin?'"

Der Vers ist Teil eines längeren Abschnitts über Maria. Er berichtet von der jungfräulichen Empfängnis Jesu. Muslime betrachten diesen Schöpfungsakt als Demonstration der absoluten Macht Gottes. Gott kann alles! Obwohl die embryonale Entwicklung des Menschen mit einiger wissenschaftlicher Klarheit im Koran erwähnt wird, ist es Gottes Befehl, der die natürlichen Kausalitäten erst ermöglicht.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Als ein Bote Maria versichert, er sei von Gott gesandt, um ihr die gute Nachricht von der Schwangerschaft mit einem "lauteren Knaben" zu überbringen, weist sie selbstverständlich darauf hin, dass das ganz unmöglich sei. Schließlich habe sie "noch kein Mann berührt". Der Bote entgegnet: "So spricht dein Herr: 'Das ist für mich ein Leichtes!'". (Sure 19 Vers 21) Um Maria von jeglichem Fehlverhalten bezüglich der Schwangerschaft freizusprechen, wird mit ihrer unbefleckten Empfängnis eine weitere Vorkehrung im Koran getroffen.

Porträt von Abdulaziz Sachedina (priv. )Abdulaziz Sachedina befasst sich viel mit islamischer Bioethik. (priv. )Die Jungfrauengeburt Jesu wird von einigen muslimischen Gelehrten zur Rechtfertigung für reproduktionsbiologische Techniken genutzt, mit denen man sich über die herkömmliche geschlechtliche Fortpflanzung hinwegsetzen kann. So befürworten sie etwa menschliches Klonen, das entweder per somatischem Zellkerntransfer erfolgt, also mit der sogenannten Dolly-Methode, oder mit Zellen künstlich befruchteter menschlicher Embryonen.

Zwar brauche die Wissenschaft bis heute ein männliches und ein weibliches Wesen für die geschlechtliche Fortpflanzung, argumentieren diese Gelehrten, die Jungfrauengeburt zeige aber, dass es in der Welt der Natur Möglichkeiten gebe, wie Gott ungeschlechtliche Geburten durch nur ein Elternteil bewirken könne.

Seit dem Aufkommen der Technologie wird versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Die neuen Techniken stellen den Respekt vor dem Leben und der menschlichen Würde fundamental in Frage. Sie werfen komplizierte ethische Fragen auf: Welchen moralischen Status hat ein Embryo und welchen Respekt für dessen Leben verlangt das von der Gesellschaft?

Solche Themen sind von muslimischen Theologen verantwortungsvoll zu handhaben. Wenn der Koran die sich aufdrängende Frage nach der Identität Jesu löst, indem er ihn seiner Mutter zuordnet - Jesus, Sohn der Maria -, wie ist es dann mit einem Kind, das von drei Elternteilen erzeugt wurde?

Für den Erhalt einer einwandfreien Abstammungslinie, die für die islamische Religion und Kultur so wichtig zu sein scheint, ist ein legitimes Verhältnis von Mann und Frau unter der Institution der Ehe zentrale Voraussetzung. Viele Gelehrten übersehen das. Sie rechtfertigen menschliches Klonen, was nicht auf einer ehelichen Beziehung beruht. Eine Reproduktion durch künstliche Befruchtung aber, wenn eine solche In-vitro-Fertilisation (IVF) bei unverheirateten Paaren durchgeführt wird, schließen sie aus.

Warum diese Abweichung!? Die religiös-ethischen Bedenken bei beiden Reproduktionsformen bleiben die gleichen! In der islamischen Kultur ist ein ordentlicher Nachweis der Abstammung entscheidend, um legitime Beziehungen einzugehen und bestimmte Privilegien zu beanspruchen, die das religiöse Recht - die Scharia - etwa beim Erbe gewährt. Ein Kind, dessen Blutlinie unklar ist, kann hinsichtlich seiner rechtlichen Identität in der Gesellschaft leicht stigmatisiert werden.

Traditionelle Werte sind heute mit beispiellosen Herausforderungen konfrontiert. Das zeigen die Unzulänglichkeiten im Umgang mit den beschriebenen Situationen auf. Wir haben keine greifbaren Lösungen parat, um die Auswirkungen auf das moralische Gefüge der Gesellschaft zu regeln.

Die Audioversion musste aus Sendezeitgründen etwas gekürzt werden.

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