Sonntag, 08.12.2019
 
Startseite@mediasresVielfalt geht anders29.05.2019

SymbolbilderVielfalt geht anders

Viele Medien benutzen für Artikel Symbolbilder aus Datenbanken. Diese Bilder zeigen allerdings häufig eine Welt voller Klischees und bilden selten die Diversität in der Gesellschaft ab. Und auch Medienmacher tun bislang zu wenig für eine realistischere Bildauswahl.

Von Annika Schneider

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Arabische Muslima mit Burkas spazieren in der Innenstadt von München. (imago / Ralph Peters)
Frauen mit Kopftuch sind ein beliebtes Motiv für Artikel über Flüchtlinge - Texte über Bewerbungsgespräche illustrieren sie eher selten. (imago / Ralph Peters)
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Bildersuche in einer großen Fotodatenbank. Ich gebe den Suchbegriff "Chefin" ein. Und obwohl ich mit diesem Wort eindeutig nach weiblichen Vorgesetzen suche, finde ich vor allem: Männer. Entsprechend groß ist die Chance, dass der nächste Artikel über Führungskräfte wieder mit einem Anzugträger illustriert wird. Aber Stock-Fotos finden sich nicht nur in Zeitungen und Zeitschriften. Sie leuchten uns von Werbeplakaten entgegen, beim Surfen begegnen sie uns auf fast jeder Webseite. Giorgia Aiello von der University of Leeds:

"Stockfotografie ist zum Rohmaterial für visuelle Medien in der ganzen Welt geworden. Sie ist die visuelle Luft, die wir jeden Tag atmen, und meistens bemerken wir das nicht einmal. Die Tatsache, dass sie in den Händen einiger weniger Unternehmen ist, sollten wir unbedingt kritisch überdenken. Wir müssen darüber nachdenken, dass diese Firmen dafür verantwortlich sind, wie wir die Welt sehen."

Nachfrage nach Klischeebildern hoch

Shutterstock, Adobe Stock und Getty Images heißen einige der großen Bilddatenbanken. Zusammen bieten sie Hunderte Millionen Fotos und Videos an. Dass sie auch Klischeebilder im Programm haben, entspricht der Nachfrage: Einen Artikel über Muslima illustrieren viele Medienprofis eben mit einer Frau mit Kopftuch - einen Text über Bewerbungsgespräche eher nicht. Doch das Suchverhalten ändert sich, gerade bei den Unter-30-Jährigen, berichtet Kathrin Schäfer, als Agenturchefin bei Shutterstock verantwortlich für den deutschsprachigen Raum und Benelux:

"Marketingverantwortliche der Generation Y oder die Millenials, mehr als die Babyboomer oder die Generation X, suchen nach diversen Bildern für ihre Kampagnen. Und wir fordern immer wieder, immer wieder, also wirklich jeden Monat, unsere Kontributoren dazu auf, diversen Content hochzuladen und den dann auch entsprechend aktuell zu verschlagworten."

Wer bei Shutterstock das Suchwort "Chefin" eingibt, findet tatsächlich zahlreiche Fotos von Frauen. Auch andere Anbieter haben das Thema Vielfalt inzwischen auf dem Schirm und bieten zum Beispiel mehr Bilder von schwulen, lesbischen und Trans-Menschen an. Giorgia Aiello dämpft dennoch die Erwartungen an Bilddatenbanken - sie seien nur ein kleiner Teil des Mediensystems.

Bilddatenbanken werden vielfältiger

"Sie sind kommerzielle Unternehmen. In den Kollektionen mit feministischen Bildern oder Fotos von Trans-Menschen, geht es vor allem darum, die eigene Marke zu stärken. Das ist ihre Antwort auf die Kritik der vergangenen Jahre, dass sie Stereotype produzieren und Klischees verbreiten würden."

Demnach spiegeln Datenbanken die Stereotype wieder, die in einer Gesellschaft bereits verankert sind. Dieser Zusammenhang beschäftigt auch den Fotografen Andi Weiland. Gemeinsam mit dem Berliner Verein Sozialhelden hat er 2016 selbst eine Bilddatenbank entwickelt - weil ihm nicht gefiel, wie Medien Menschen mit Behinderung zeigen.

"Also zum Beispiel bei Rollstuhlfahrerinnen wurde die Augenhöhe nicht eingehalten, sondern man hat ganz oft Bilder gesehen von oben nach unten fotografiert, was ja perspektivisch aussieht, als ob man auf jemanden herabschaut."

"Vielfältige Gesellschaft auch in Bildern abbilden"

Über 2.500 Fotos von Menschen mit Behinderung und anderen Minderheiten hat sein Team inzwischen gesammelt. "Gesellschaftsbilder" haben sie ihre Datenbank genannt. Die abgebildeten Personen entscheiden mit, wie sie fotografiert werden. Dass Journalisten und Medienmacher häufiger realistische Stockfotos auswählen, ist aber nicht der einzige Wunsch von Andi Weiland:

"Warum nicht mal bei einem Bericht über eine Steuerreform ein queeres Paar dabei zu haben? Oder bei einer Sportberichterstattung auch einfach mal Rollstuhlfahrerinnen, die im Stadion jubeln, zu sehen? Wir sind eine sehr vielfältige Gesellschaft und diese sollten auch in mehr Bildern abgebildet werden."

Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, hängt allerdings nicht nur von den Bilddatenbanken ab - ob es nun die großen Player oder kleine Alternativprojekte sind. Denn welche Fotos wo gezeigt werden, entscheiden letztendlich die Nutzer, die sie downloaden und verwenden.

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