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StartseiteMusikjournalFür mehr Diversität im Klassikbetrieb19.02.2018

Symposion in HamburgFür mehr Diversität im Klassikbetrieb

Das Publikum in Konzertsälen entstammt überwiegend aus dem Bildungsbürgertum - die Diversität des urbanen Raums wird kaum wiedergespiegelt. Fünf Intendanten von bedeutenden europäischen Musikeinrichtungen wollen das ändern und haben sich zu diesem Thema für ein Symposion in Hamburg getroffen.

Von Claus Fischer

Rote Theaterstühle (picture-alliance / dpa-ZB / Patrick Pleul)
Wie können Musikeinrichtungen neues Publikum in die Konzerte locken? (picture-alliance / dpa-ZB / Patrick Pleul)
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Musik: Unterbiberger Hofmusik

Solche Klänge erwartet man eigentlich nicht bei einem Symposion, in dem es um klassische Musik geht. Die Unterbiberger Hofmusik ist auf den ersten Eindruck eine traditionelle bayerische Blaskapelle. Doch sie zeigte spielerisch das Thema der Hamburger Tagung auf: Diversität. Die vordergründige musikalische Heimattümelei wurde nämlich immer wieder durchbrochen, und zwar durch Melodien der türkischen Volksmusik. Und die harmonierten erstaunlich gut mit den bayerischen "Ländlern" und "Zwiefachen".

Diversität von Gesellschaft im urbarnen Raum

Scheinbar Unvereinbares miteinander in Dialog zu bringen, ja zu verbinden, das ist die Herausforderung an die städtische Gesellschaft der Gegenwart, sagt Kai-Michael Hartig, Leiter der Abteilung Kultur in der Hamburger Körber-Stiftung.

"Natürlich ist es so, dass die Stadtgesellschaft sich diversifiziert. Wir haben meistens dreistellige Zahlen von Sprach- bzw. Kulturhintergründen in Großstädten heutzutage."

Das ist eine Herausforderung, gerade für den traditionellen Kulturbetrieb.

"Es geht darum, auch die Lebensrealitäten von Menschen einzubeziehen, die zunächst mal davor stehen. Und da macht es wahrscheinlich in manchen Fällen noch nicht mal einen Unterschied, ob man einen Migrationshintergrund hat oder nicht."

Intendanten von fünf bedeutenden europäischen Musikeinrichtungen

Die Aufgabe ist erkannt. Aber wie kann man sie angehen? Das war Thema eines Podiumsgesprächs zum gesellschaftlichen Auftrag von Konzerthäusern, bei dem die Intendanten von fünf bedeutenden europäischen Musikeinrichtungen sich austauschten. Zunächst ging es um das Repertoire von Konzerthäusern. Emmanuel Hondré, Direktor des Departements des concerts Philharmonie de Paris, plädierte dafür, den doch eher begrenzten Kanon an Werken zu erweitern, etwa durch den Blick über den europäischen Tellerrand.

"Wenn Sie immer nur Bruckner, Wagner und Beethoven aufs Programm setzen, dann gewinnen Sie vielleicht für dieses Segment neues Publikum. Aber wenn Sie etwa anspruchsvolle Filmmusik oder Werke von südamerikanischen Komponisten vorstellen, dann ist das auch für das Stammpublikum neu."

Ein Orchester mit auschließlich Musikern aus ethnischen Minderheiten

Das Stammpublikum zu erweitern versucht man auch in der Royal Festival Hall in London, betont deren Intendantin Gillian Moore. In diesem Zusammenhang verwies sie auf eine ihrer Partnerorganisationen, das vor zwei Jahren gegründete Sinfonieorchester Chineke!, in dem ausschließlich Musiker aus ethnischen Minderheiten mitspielen.

"Wenn wir dieses Orchester aufs Programm setzen, dann haben wir ein völlig anderes Publikum als sonst."

Um das vielzitierte "Konzertpublikum von morgen" zu gewinnen, gibt es übrigens eine recht einfache Lösung, meint Gillian Moore: Man muss es einladen.

"Wenn wir jetzt im April Leonard Bernstein feiern, dann wird die amerikanische Dirigentin Marin Alsop seine Messe aufführen. Und da werden 450 Schülerinnen und Schüler aus den Stadtteilen der Umgebung dabei sein. Das ist aber – da lege ich Wert drauf - kein spezielles Event, das ist ein ganz normales Konzert innerhalb des Spielplans."

Paris setzt auf Projekte für Kinder und Jugendliche

In Paris setzt man dagegen auf spezielle Projekte mit Kindern und Jugendlichen, sagt Emannuel Hondré. Etwa 7.000 Musik-Workshops für alle Altersstufen werden vom Departement de Concert in Paris angeboten. Das kann ein normaler Konzertsaal allerdings niemals stemmen, betont Matthias Naske, bis vor einem Jahr Intendant der Philharmonie in Luxemburg und inzwischen in gleicher Funktion beim Wiener Konzerthaus. Für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat er sich eine Reihe von Partnern ins Boot geholt, zum Beispiel sozio-kulturelle Zentren in verschiedenen Wiener Stadtteilen.

"Diese Einrichtungen inspirieren uns – und wir inspirieren wieder sie. Das machen wir aber, weil wir an, das glauben, das die Gesellschaft sich durch Kunst, durch Musik weiterentwickeln kann."

Neues Publikum ansprechen

Dazu müssen sich, das kam auf dem Podium auch zur Sprache – die Strukturen von Konzerthäusern ändern. So sollte sich die diversifizierte Stadtgesellschaft auch im Stab der Mitarbeiter widerspiegeln. Hier, so Gillian Moore gibt es an ihrem Haus noch Nachholbedarf. Immerhin 16 Prozent der Angestellten kommen aus Indien, Pakistan und afrikanischen Ländern. An der Hamburger Elbphilharmonie ist das Verhältnis, was ethnische Minderheiten in Deutschland betrifft, ähnlich, sagt deren Intendant Christoph Lieben-Seutter.

Sein Konzept, um Menschen außerhalb des traditionellen Publikums ins Haus zu holen: niedrigschwellige und preiswerte Angebote, etwa Konzerte mit Laienchören oder Orgelnächte. Das, meinte er, müsse man eigentlich gar nicht machen, denn dank der enormen touristischen Bedeutung wäre die Elbphilharmonie momentan immer mit Käufern hochpreisiger Konzertkarten zu füllen. So fehlen bislang auch spezielle Angebote für Migranten. Neil Wallace, Intendant der Konzerthalle "De Doelen" in Rotterdam kommentierte das mit leicht ironischem Unterton, in dem er sinngemäß sagte, dass der touristische Bonus auch irgendwann verschwinde. Er habe es jedenfalls so erlebt.

"Mit vielen Werkzeugen dieses Problem bearbeiten"

Unterm Strich brachte die Podiumsdiskussion der Intendanten viele gute Gedanken zur Sprache, wie Konzertsäle sich den sozialen Anforderungen in einer Großstadt stellen können. Eine Patentlösung gibt es nicht, aber die war auch nicht zu erwarten.

"Man muss wirklich mit vielen Werkzeugen dieses Problem bearbeiten", meint Gerald Mertens, der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, der die Debatte verfolgt hat.

"Also ich nehme aus der Veranstaltung mit, dass Konzerthäuser sich heute mehr noch mit der Stadtgesellschaft verbinden müssen, dass sie also schauen müssen: Wer lebt in unserer Stadt? Was sind die Gruppen, die wir schon erreichen und was sind Gruppen, die wir noch erreichen wollen? Welchen multikulturellen Hintergrund haben die auch unter Umständen? Wie kann man Protagonisten aus der Kulturszene auch dieser verschiedenen Communities ansprechen und damit ein Programm entwickeln, das wirklich auch für diese Communities ansprechend ist."

Dass es auf diesem Gebiet etliche gelungene Projekte gibt wurde beim Symposion der Hamburger Körber-Stiftung, eindrücklich demonstriert, in Form von Vorträgen und Workshops. So stellte Michael Dreyer, Gründer und Leiter des "Morgenland-Festivals" in Osnabrück sein Konzept für gelungene multikulturelle Konzerte vor. Erstaunlicherweise lehnt er den vielzitierten Begriff des Crossover, also der Vermischung von Musikstilen, ab.

"Generell ist es einfach wirklich schwierig, so verschiedene Tonsysteme und Tonsprachen zusammenzubringen. Es geht sehr gut mit der Alten Musik, weil die Alte Musik spielt auch nicht in dies der wohltemperierten Stimmung und es geht sehr gut mit Jazz, weil Jazzer einfach mit sehr offenen Ohren unterwegs sind und mit offenen Ohren reagieren und so."

Impulse anderer Kulturen

Der klassische europäische Konzertbetrieb, meint Michael Dreyer könne Impulse anderer Kulturen am besten aufgreifen in Form von neu komponierten Werken.

"Eines meiner liebsten Projekte in dieser Art war von einem iranischen Komponisten, Nader Mashayekhi heißt der. Der jetzt Musik schreibt für europäisch-westliche Orchester, Ensembles und traditionelle Musiker aus Iran, wobei aber jeder seine Sprache beibehält."

Damit, so Michael Dreyer bekomme die europäische Musik nach Cage und Lachenmann einen neuen Impuls.

"Wenn jeder seine kulturelle Identität behält, dann kann aus Eins plus Eins drei werden, einfach was Neues, was Schönes, was nie Dagewesenes."

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