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StartseiteMusikjournalGlanz und Krisen11.10.2016

Symposium zur Geschichte der Berliner Hofkapelle Glanz und Krisen

Zwei Frauen haben maßgeblich mitgeschrieben an der Geschichte der heutigen Staatskapelle Berlin: die beiden "Sophien von Hannover". Das ist eine von vielen spannenden Erkenntnissen aus dem internationalen Symposium, mit dem die Staatskapelle am vergangenen Wochenende auf ihr 450-jähriges Bestehen im Jahr 2020 vorausblickte.

Von Eva Blaskewitz

Historischer Saal in der Berliner Staatsoper, in dem Musiker vor Publikum musizieren (Thomas Bartilla)
Symposium im historischen Ambiente: in der Berliner Staatsoper (Thomas Bartilla)

(Musik: Friedrich der Große, Sonate h-Moll)

Es war eine erste glanzvolle Blütezeit in der Geschichte der Berliner Hofkapelle: die Regierungszeit des komponierenden, flötespielenden Königs Friedrich der Große. Dass es überhaupt dazu kommen konnte, ist zwei starken Frauen zu verdanken: Da ist seine Großmutter Sophie Charlotte von Hannover, verheiratet mit Friedrich I., eine hoch gebildete Frau, die in Versailles die Musik von Lully und Couperin kennen gelernt hatte und in Venedig die italienische Oper.

"She brought a particular worldliness to what was really at that time a pretty small place."

Sophie Charlotte brachte etwas vom Glanz der großen weiten Welt ins provinzielle Preußen, meint Ellen Exner vom New England Conservatory of Music in Boston. Sie will die beiden "Sophien von Hannover" aus dem Schatten holen und ihre Bedeutung herausstellen, als außergewöhnlich kenntnisreiche Musikerinnen und als Impulsgeberinnen für das kulturelle Leben am Hof. Die zweite Sophie, das ist Sophie Charlottes Nichte Sophie Dorothea, die Frau des Soldatenkönigs. Sie muss völlig frustriert gewesen sein, dass sie in Berlin nichts von dem reichen Musikleben vorfand, mit dem sie in Hannover aufgewachsen war, sagt Ellen Exner.

"Ich nehme an, sie war gelinde gesagt etwas überrascht, als ihr Ehemann plötzlich die Hofkapelle entließ, die ihr Schwiegervater Friedrich I. aufgebaut hatte. Und dass er ihr kein Geld gab, um ein eigenes kleines Orchester zu unterhalten, und dass er nicht wollte, dass ihre Kinder die musikalische Ausbildung erhielten, die zu einer königlichen Erziehung dazugehörte. Ihre Rolle verdient die größte Bewunderung, denn sie kämpfte für die musikalische Ausbildung Friedrichs und seiner Schwestern. Ohne sie hätte es keine Blütezeit in der preußischen Hofmusik gegeben."

Blühende Landschaften

Sophie Dorothea bereitete den Boden, auf dem Friedrich der Große dann blühende musikalische Landschaften entstehen ließ – in vielerlei Hinsicht.

"Zum ersten natürlich durch den Bau der Hofoper, das ist sicher ein epochales Ereignis für die Musikgeschichte Berlins, zum ersten Mal gibt es ein freistehendes Opernhaus, direkt am Boulevard im Zentrum der Stadt", erklärt Detlef Giese, Dramaturg an der Berliner Staatsoper und einer der Organisatoren des Symposiums. "Dann ist diese Zeit sicherlich auch verbunden mit einem künstlerischen Höhenflug, mit den bekannten Namen, die Friedrich schon aus Rheinsberg oder Ruppin, seinen Kronprinzenresidenzen, mitgebracht hatte: Carl Philipp Emanuel Bach, der Kammercembalist, die Brüder Graun ‑ der eine der Hofkapellmeister und sein bevorzugter Komponist, der andere Konzertmeister der Kapelle, der dieses Ensemble wieder auf ein hohes Niveau gehoben hat ‑ die Brüder Benda, der Flötenlehrer Quantz, der einen großen Einfluss hatte, und andere mehr. Und das ist natürlich ein geschichtlicher Punkt, an dem die Berliner Hofkapelle voll und ganz im Konzert mit den großen Ensembles ihrer Art mitspielen konnte."

(Musik: Johann Gottlieb Graun, Sinfonie Es-Dur)

Das Symposium beleuchtete ganz unterschiedliche Aspekte aus der Geschichte der Berliner Hofkapelle. Die Bedeutung anderer Hohenzollern-Höfe zum Beispiel, gerade in der Zeit des Soldatenkönigs, der sich ja lieber mit seinen "langen Kerls" umgab als mit Musikern. Damals hielt Markgraf Christian Ludwig die musikalischen Fahnen hoch, der, dem Bach die Brandenburgischen Konzerte gewidmet hat. Einige Vorträge beschäftigten sich mit den ausgefeilten pädagogischen Methoden von Friedrichs Flötenlehrer Johann Joachim Quantz, mit den Aufgaben eines Ballettkorrepetitors, der seinerzeit nicht wie heute ein Pianist, sondern meistens ein Geiger war, oder mit der schillernden Figur des Kapellmeisters Johann Friedrich Reichardt, der im Laufe seines langen Lebens gleich drei preußischen Königen diente, aber immer wieder aneckte und schließlich wegen offener Sympathie für die Französische Revolution in Ungnade fiel. Und es ging um die gesellschaftlichen Umbrüche im 18. Jahrhundert ‑ sie zeigten sich in der Entwicklung des bürgerlichen Konzertlebens, für das die Hofkapelle ein wichtiger Motor war.

Wegbereiter für das moderne Konzertleben

"Es waren ja Bürger, die in der königlichen Hofkapelle angestellt waren, und das Bedürfnis, sich selber und den eigenen Geschmack auszubilden und ihn auch mit anderen zu teilen, das wuchs", sagt Ingeborg Allihn, eine ausgewiesene Expertin für die Musikgeschichte Berlins. Einzelne Musiker begannen, neben ihren Diensten Musikabende mit Gleichgesinnten im häuslichen Rahmen zu veranstalten – gesellige Runden, in denen die Standesschranken fielen und Adlige und Bürgerliche einträchtig nebeneinandersaßen.

"Das war zunächst ganz privat. Und dann durften die Aktiven Freunde einladen, da gab’s richtig Reglements, jeder durfte eine Dame mitbringen, mehr bitteschön nicht, und damit hatte das Ganze schon einen halböffentlichen Charakter. Und damals gab es auch zum Teil schon Eintrittskarten, aber es fand noch in der Wohnung statt, und irgendwann war das dann hinausgewachsen aus diesem privaten Rahmen und man suchte sich andere Möglichkeiten, eine andere Ebene. Und dann spielt es sich wirklich in der Öffentlichkeit ab, dann gibt es Eintrittskarten, es gibt Programmhefte, Erläuterungen, und man kennt sich nicht mehr. Das, was verbindet, ist die gemeinsame Begeisterung für die Musik."

(Musik: Johann Gottlieb Graun, Sinfonie Es-Dur)

Auch nach dem Tod Friedrichs des Großen im Jahr 1786 behielt die Hofkapelle zunächst ihre Strahlkraft. Einen Einbruch gab es erst 1806, zur Zeit Friedrich Wilhelms III., erzählt der Dramaturg Detlef Giese, "als der preußische Staat unter dem Ansturm Napoleons zusammenbricht und das natürlich auch Konsequenzen hat für die Hofkapelle. Es gab ja schon unter Friedrich Wilhelm II. ein Konkurrenzunternehmen zur Hofoper, das Deutsche Nationaltheater, diese beiden Einrichtungen sind dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammengekommen und haben neue Synergien entwickelt und neue Energien freigesetzt, um fürs 19. Jahrhundert, auch für eine völlig neue Ästhetik, gerüstet zu sein."

Namen wie Carl Maria von Weber, Felix Mendelssohn, Giacomo Meyerbeer tauchen am Horizont auf – aber das ist eine andere Geschichte und soll im nächsten Jahr erzählt werden.

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