Synthetische Opioide
Die unsichtbare Gefahr aus dem Labor

Sie nennen sich „Forschungschemikalien“, sind billig und im Onlineshop leicht zu bestellen - und sie sind hochpotent: Immer mehr gefährliche synthetische Substanzen gelangen auf den Drogenmarkt und schon kleinste Mengen können tödlich sein.

    Zwei Hände halten ein brennendes Feuerzeug und einen Löffel mit einer Spritze
    Synthetische Opioide verändern den deutschen Drogenmarkt – schneller, gefährlicher und unberechenbarer als jede Substanz zuvor. (picture alliance / Shotshop / Michelangelo Oprandi)
    Synthetische Opioide wie Cychlorphin und Nitazene gelten derzeit als größtes neues Risiko auf dem Drogenmarkt: Sie wirken extrem stark, sind schwer einzuschätzen und gelangen problemlos über das Internet in den Umlauf.
    Immer häufiger werden sie Heroin beigemischt, ohne dass Konsumierende davon wissen. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung und Bundestagsabgeordnete Hendrik Streeck (CDU) beschreibt die Lage als zunehmend unübersichtlich, dynamisch und riskant – besonders für jüngere Nutzerinnen und Nutzer.

    Inhalt

    Synthetische Opioide: die neue Gefahr auf dem Drogenmarkt

    Synthetische Opioide sind hochwirksame Substanzen, die vollständig im Labor hergestellt werden und sich in ihrer chemischen Struktur teils stark voneinander unterscheiden. Entscheidend ist jedoch, dass sie alle an denselben Opiatrezeptoren im Gehirn wirken wie Heroin oder Morphin, obwohl sie keinerlei pflanzlichen Ursprung im Schlafmohn haben.
    Viele dieser Substanzen wurden ursprünglich in der medizinischen Forschung entwickelt – teilweise schon vor Jahrzehnten. Ziel war es, besonders starke Schmerzmittel zu schaffen. So stammen etwa die Nitazene aus den 1950er-Jahren. Sie waren jedoch so extrem potent, dass sie nie als Medikament zugelassen wurden: Nitazene sind bis zu 300-mal stärker als Morphium und um ein Vielfaches stärker als Heroin. Der Mediziner Christoph Stoll sagt, dass bereits ein „kleines Stäubchen“ einen Atemstillstand auslösen könne.

    Immer neue Substanzen: Wettrennen zwischen Herstellern und Behörden

    Genau diese Substanzen, die es nie in Medikamente geschafft haben, tauchen heute wieder auf. Produzenten greifen dafür auf alte wissenschaftliche Literatur zurück und experimentieren gezielt mit Molekülen, die einst als zu gefährlich eingestuft wurden.
    Die Hersteller nutzen dabei gezielt gesetzliche Lücken: Neue chemische Verbindungen sind anfangs oft nicht erfasst und daher legal, bis Behörden sie verbieten. Kurz darauf erscheinen leicht veränderte Nachfolgesubstanzen – ein fortlaufendes Katz-und-Maus-Spiel. Der Handel findet daher nicht mehr nur im Darknet oder an dunklen Straßenecken, sondern zunehmend in öffentlichen Onlineshops statt.
    In Deutschland dürfen nach dem Bestimmtheitsprinzip nur eindeutig bezeichnete Stoffe verboten werden, nicht aber zum Beispiel die Grundsubstanz. Darum erfasst das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) jeweils nur bestimmte, namentlich genannte Substanzen. Das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) verbietet zwar ganze Stoffgruppen, deckt aber dennoch viele mögliche chemische Varianten nicht ab.
    Die Folge ist eine neue Generation von Drogen: hochpotent, schwer einschätzbar und äußerst riskant. Die Drogensituation sei „entglitten“, warnt der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck: nicht nur in Deutschland, in ganz Europa kämen „immer neuere, immer potentere, immer unvorhersehbarere Drogen“ auf den Markt, insbesondere bei synthetischen Opioiden.
    Hinzu kommt globaler Druck: Durch den starken Rückgang des Schlafmohnanbaus in Afghanistan sinkt die Heroinreinheit in Europa. Dadurch steigt das Risiko, dass Heroin gestreckt oder ganz durch synthetische Opioide ersetzt wird, was deren Verbreitung weiter fördert.

    Mehr Todesfälle: jüngere Menschen besonders gefährdet

    Auch die Nachfrage treibt die Entwicklung: In bestimmten Szenen junger Menschen, etwa unter „Psychonauten“, besteht großes Interesse an neuen, experimentellen Substanzen. Daher sei diese Gruppe besonders gefährdet, warnt Streeck: „Das sehen wir in der Drogentoten-Statistik, wo wir einen Zuwachs von rund 14 Prozent an Drogentoten unter 30 Jahren hatten. Insgesamt verzeichnen Toxikologen eine Zunahme an Todesfällen im Zusammenhang mit synthetischen Opioiden.
    Deutschland verfügt jedoch über keine verlässlichen Zahlen. Laut Toxikologe Volker Auwärter wird nur etwa die Hälfte der Drogentoten obduziert und davon nur ein Bruchteil überhaupt toxikologisch untersucht. Auch der Drogenbeauftragte Streeck spricht von der „Spitze des Eisbergs“ und einer „hohen Dunkelziffer“.

    Maßnahmen zur Prävention und Schutz vor synthetischen Drogen

    Zu den wichtigsten Schutzmaßnahmen gehören laut Expertinnen und Experten ein verlässliches Frühwarnsystem, regelmäßige Obduktionen und toxikologische Untersuchungen sowie der Ausbau von Drugchecking-Angeboten. Drugchecking ermöglicht nicht nur die nachträgliche Analyse von Urinproben, sondern auch, Substanzen schon vor dem Konsum auf gefährliche Beimengungen prüfen zu lassen. Die Umsetzung ist jedoch Ländersache.
    Eine Ermittlerin des Bayerischen LKA warnt, dass neue synthetische Varianten oft schneller entstehen, als sie rechtlich erfasst werden können, und fordert deshalb schnellere gesetzliche Mechanismen. Ergänzend betonen Fachleute, dass angesichts der extremen Gefährlichkeit dieser Stoffe umfassende Risikoaufklärung zentral bleibt und Prävention früh und niedrigschwellig ansetzen muss, um gefährdete Gruppen zu erreichen.

    Online-Text: Olivia Gerstenberger