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Syrien-Krieg"Die UNO kann nicht die simpelste Form der Humanität gewährleisten"

Das deutsche Hilfsprojekt "Adopt a Revolution" macht den Vereinten Nationen im Syrien-Krieg schwere Vorwürfe. Die letzte Hilfslieferung nach Aleppo sei im Juli erfolgt, sagte Vereinssprecher Elias Perabo im DLF. Dabei müssten die Menschen sofort mit dem Wichtigsten und Nötigsten versorgt werden, um Humanität zu zeigen.

Elias Perabo im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker | 23.11.2016

Elias Perabo, Initiator des Projekts "Adopt a Revolution", bei der Bundespressekonferenz in Berlin.
Elias Perabo, Initiator des Projekts "Adopt a Revolution", bei der Bundespressekonferenz in Berlin. (imago stock&people)
Die UNO schaffe es nicht, die simpelste Form der Humanität zu gewährleisten, sagte der Sprecher des Leipziger Vereins, Perabo, im Deutschlandfunk. Die letzte Hilfslieferung nach Aleppo sei im Juli erfolgt. Die Menschen seien am Verhungern. Perabo forderte einen "immensen Push an internationaler Diplomatie", um die Lage in Syrien zu verbessern. Die Gemeinschaft müsse endlich damit beginnen, die Zivilgesellschaft ernsthaft zu unterstützen.
"Adopt a revolution" wurde 2011 gegründet, um die Revolution in Syrien zu unterstützen. Heute fördert sie zivilgesellschaftliche, gewaltfreie Projekte.

Das Interview in voller Länge:
Ann-Kathrin Büüsker: Seit Anfang der Woche fliegt die russische Luftwaffe wieder Angriffe auf die syrische Stadt Aleppo. Im Osten der Stadt sind rund 250.000 Menschen eingeschlossen. Insgesamt harrt in Syrien eine Million Menschen in belagerten Gebieten aus. Das hat ein Sprecher der Vereinten Nationen gestern erklärt. Die Lage in Syrien ist festgefahren. Vielleicht könnte der neue US-amerikanische Präsident Veränderungen bringen, aber ob die zum Guten sein kann, das scheint im Moment auch fraglich. Und dennoch zeigte sich der UN-Sondervermittler Staffan de Mistura gestern in Berlin vielleicht nicht optimistisch, aber doch zumindest geradlinig:
Büüsker: "Du hast es versucht, Du bist gescheitert, also versuch es wieder, scheitere besser, denn die Syrer dürfen nicht alleine gelassen werden." - Über die Situation in Syrien möchte ich jetzt mit Elias Perabo sprechen. Er ist Sprecher von "Adopt a Revolution", einer Organisation, die sich gegründet hat, um die Revolution von 2011 zu unterstützen und inzwischen der Opposition in Syrien nahesteht. Guten Morgen, Herr Perabo.
Elias Perabo: Guten Morgen.
Büüsker: Herr Perabo, wir haben ja hier in Deutschland das Problem, dass es sehr schwierig ist, gesicherte Informationen aus Syrien zu bekommen. Welche Kontakte hat Ihre Organisation in das Bürgerkriegsland?
"Militarisierung bringt diesem Konflikt nichts"
Perabo: Wir unterstützen ungefähr 25 Partner in Syrien. Das sind zivilgesellschaftliche Akteure quer durchs Land mit einem ganz, ganz großen Fokus in den Gebieten, wo das Assad-Regime nicht mehr präsent ist. Das sind sozusagen die Akteure, die sich für einen dritten Weg jenseits der Gewalt entschieden haben, die gesagt haben, Militarisierung bringt diesem Konflikt nichts, sondern, was wir versuchen, ist, in Syrien eine Alternative zu schaffen, uns selbst zu verwalten, eine andere Perspektive auch für die Menschen zu schaffen, die in Syrien geblieben sind. Und das sind die Akteure, über die wir auch ganz viel erfahren über diesen Konflikt. Darunter sind Bürgerjournalisten, darunter sind sehr viele Ärzte, darunter sind aber auch ganz andere Akteure, die uns genau berichten können, was vor Ort wirklich passiert in den einzelnen Regionen.
Büüsker: Und was berichten die derzeit?
Perabo: Man muss ganz ehrlich sagen: Wir beobachten diesen Konflikt jetzt seit fast sechs Jahren und sind mit diesen Menschen verbunden. Es gibt wenig Momente in diesem Konflikt, die so dramatisch sind wie in den letzten Tagen, wo es zu einer neuen Offensive der russischen und syrischen Luftwaffe kam. Ich will das ganz kurz mal an Aleppo verdeutlichen. Aleppo ist eine geteilte Stadt. Wir haben den Westteil, wo auch alles andere als Normalität ist. Auch dort schlagen Granaten ein. Erst am Wochenende ist eine Schule getroffen worden. Dieser Teil wird von dem Regime gehalten und von den Rebellen beschossen. Auf der anderen Seite haben wir allerdings einen Zustand, der faktisch unerträglich ist. Das ist faktisch, wir sagen manchmal, ein apokalyptischer Albtraum im Wachzustand. Wir haben 250.000 Menschen, die eingeschlossen sind in einer Hungerblockade, wo die WHO am Wochenende festgestellt hat, es gibt keine medizinischen funktionierenden Einrichtungen mehr, weil systematisch die Krankenhäuser und die medizinischen Einrichtungen bombardiert worden sind. Diese Menschen können nirgendwo hin, werden täglich von Fassbomben bombardiert. Es ist, wie der UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien am Wochenende auch gesagt hat. Was faktisch dort stattfindet, ist eine Vernichtung von Ostaleppo und den Einwohnern und es ist leider, muss man ganz ehrlich dazu sagen, nicht nur Ostaleppo, sondern wir sehen das in anderen Gebieten in Syrien auch, etwa in den Vororten von Damaskus.
Büüsker: Die Lage für die Menschen ist sehr schwierig und das ist ja ein Krieg, in dem sehr viele Akteure Schuld auf sich geladen haben. Sie haben das gerade selber gesagt. Auch die Rebellen beschießen ja den Westteil von Aleppo. Es ist ja auch ein Krieg um Wahrheit, um Deutungshoheit. Die Regierungsseite ist da immer wieder in Kritik, aber beispielsweise auch die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte wird immer wieder kritisiert. Wem können wir denn in diesem Krieg überhaupt noch glauben?
"Das Assad-Regime hat zehnmal so viele Menschen getötet wie jegliche andere Partei"
Perabo: Es ist in der Tat genau so, wie Sie es sagen. Ich glaube, es gibt in Syrien keinen militärischen Akteur mehr, der nicht Menschenrechtsverbrechen begeht. Ich glaube, das ist ganz wichtig, sich das immer wieder vor Augen zu führen. Und ich glaube, trotzdem darf man nicht den Fehler begehen, Sachen gleichzusetzen. Ich will das einfach mal verdeutlichen. Wenn wir von einem Gefängnis sprechen, stimmt natürlich die Wahrheit, dass alle Menschen in einem Gefängnis Kriminelle sind. Aber auch da gibt es natürlich Unterschiede zwischen Leuten, die Ladendiebstahl begangen haben, und Mördern, die in einem Gefängnis sitzen. Ich glaube, so ist es auch bei Syrien. So richtig es ist zu sagen, alle Akteure begehen Menschenrechtsverbrechen, so wichtig ist es, hinzugucken und zu sagen, was ist es und wie sind die Quantitäten. Die Zahlen dazu sprechen eine ganz deutliche Sprache. Wenn wir gucken, wo sind denn die Todesopfer, hat das Assad-Regime zehnmal so viele wie jegliche andere Partei. Und selbst Russland, ein Akteur, der seit einem Jahr erst in Syrien bombardiert, hat inzwischen mehr Menschen durch das Bombardement getötet als die Nusra-Brigaden und die Terroristen von dem IS zusammen. Und ich glaube, das ist ganz wichtig, sich das genau anzugucken, wo das stattfindet, ohne das andere relativieren zu wollen.
Büüsker: Die Zahlen sprechen ja für sich. Sie sagen, die Regierungsseite und die Russen töten die meisten Menschen. Bedeutet das dann nicht automatisch auch, dass die Seite gerade dabei ist, diesen Krieg zu gewinnen?
Perabo: Nein, das ist überhaupt nicht der Fall. Ich glaube, das hat gestern Staffan de Mistura gesagt, und alle anderen Beobachter dieses Krieges sind sich relativ darin einig zu sagen, dieser Krieg kriegt keinen militärischen Sieg. Das wird an dieser Stelle nicht funktionieren, weil zu viele Leute jeweils die andere Seite ablehnen. Es kann nur eine politische Lösung geben. Selbst in Aleppo, selbst in anderen Gebieten Syriens, mit denen wir verbunden sind, sieht es nicht so aus. Das Leiden wird immer intensiver. Die Situation der Menschen vor Ort wird intensiver. Die UN spricht von über einer Million Menschen, die inzwischen eingeschlossen sind, die ausgehungert werden sollen. Das Ende des Krieges in Syrien davon ist aber noch sehr weit weg.
Büüsker: Jetzt haben Sie gerade selbst gesagt, die Akteure liegen sehr weit auseinander. Aber Sie betonen auch, dass eine politische Lösung wichtig ist. Aber wie soll diese Lösung zustande kommen, wenn die Seiten gar nicht mehr miteinander sprechen?
"Vier von fünf UN-Vetomächten bombardieren momentan in Syrien"
Perabo: Ich glaube, das ist die Aufgabe der internationalen Gemeinschaft. Das können wir natürlich als kleine Organisation so nicht beantworten.
Büüsker: Aber trotzdem werden Sie ja eine Idee haben?
Perabo: Richtig. Ich glaube, die Lage ist in der Tat so dramatisch, wie ich probiert habe, es Ihnen eben zu sagen. Und ich glaube, was wir jetzt brauchen, ist noch mal einen immensen Push an internationaler Diplomatie. Wir haben vier von fünf UN-Vetomächten, die momentan in Syrien bombardieren. Wir haben die Situation, dass die UN es nicht schafft, parallel dazu eine simpelste Form der Humanität den Menschen zu gewährleisten. Die Leute sind faktisch am Verhungern. Die letzte Lieferung nach Aleppo ist im Juli erfolgt. Und wir sehen die Situation, um das einfach mal plastisch zu machen, was das konkret bedeutet. Wir sehen die Situation, dass die letzten Lebensmittel für die Leute in Ostaleppo ausgerechnet von den Terroristen, von den Nusra-Brigaden gebracht worden sind, die diesen Belagerungsring durchbrochen haben. Das heißt, die internationale Gemeinschaft hat sich selbst in eine Situation manövriert, wo sie die Humanität den Terroristen auch noch überlässt - die Leute, die eine menschenverachtende Ideologie haben. Und ich glaube, wenn wir die Zivilgesellschaft, das was noch übrig ist in Syrien, wirklich unterstützen wollen, müssen wir anfangen, das wirklich ernst zu nehmen und diese Menschen sofort mit dem Wichtigsten und Nötigsten zu versorgen, um auch Humanität zu zeigen.
Büüsker: Wenn es einen Impuls von außen braucht, woher soll der kommen? Von Donald Trump?
Perabo: Ich glaube, Donald Trump ist an dieser Stelle der falsche Akteur. Wir werden sehen, dass Donald Trump eine relativ starke autoritäre Politik fährt. Sie wird sich eingliedern in die Politik etwa eines Erdogan oder eines Putin im Sinne von, dass versucht wird, diese Region sicherlich neu zu sortieren. Das hat aber mit den Werten, auch für die die Menschen auf die Straße gegangen sind, Selbstbestimmung und Partizipation nichts zu tun. Ich glaube auch nicht, dass es langfristig eine Chance hat.
Büüsker: … sagt Elias Perabo, Sprecher der Initiative "Adopt a Revolution", die der Opposition in Syrien nahesteht. Vielen Dank für das Gespräch heute Morgen hier im Deutschlandfunk.
Perabo: Bitte schön.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.