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StartseiteEine Welt"Als wären wir eine Plage"16.05.2015

Syrische Flüchtlinge in Ägypten"Als wären wir eine Plage"

Etwa 140.000 Syrer leben zurzeit in Ägypten, über die Hälfte von ihnen in Alexandria. Dort bleiben wollen die wenigsten - doch viele hängen seit Jahren in der Mittelmeerstadt fest und hoffen auf eine Überfahrt nach Europa. Denn als syrische Flüchtlinge sind sie in Ägypten alles andere als willkommen.

Von Elisabeth Lehmann

Flüchtlinge aus Syrien in einem Aufnahmelager (imago stock&people)
Die ägyptischen Medien haben nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammad Mursi eine Kampagne gegen die syrischen Flüchtlinge gestartet, sie als Islamisten und Terroristen verleumdet. (imago stock&people)
Weiterführende Information

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Elf Mal ist Abu Bara mit so einem kleinen Motorboot schon Richtung Europa aufgebrochen. Elf Mal ist der Flüchtling aus Syrien gescheitert. Es läuft immer gleich ab. Die Schlepper starten an einem verlassenen Strandabschnitt in der Nähe von Alexandria. Sobald internationale Gewässer erreicht sind, steigen die Flüchtlinge auf ein größeres, hochseetaugliches Boot um, erzählt Abu Bara:

"Einmal waren wir sieben Tage auf See. 260 Menschen waren an Bord. Am Tag war es heiß, in der Nacht haben wir gefroren. Dann haben sich die Schlepper gestritten und wir sind umgekehrt. Sie haben uns der Polizei übergeben."

Elf Mal ist Abu Bara schon Richtung Europa aufgebrochen

Passiert sei nichts, sagt Abu Bara. Am nächsten Tag sei er wieder draußen gewesen und habe die nächste Überfahrt geplant. Er hat den Schleppern lange Zeit geholfen. Für zehn Flüchtlinge, die er ihnen gebracht hat, bekam er auf dem Boot einen Platz umsonst. So haben es seine Frau und die fünf Kinder bis nach Deutschland geschafft.

Seit zweieinhalb Jahren hängt Abu Bara in Alexandria fest. Ab und zu schaut er bei Mohammed El Kashef im Büro vorbei. El Kashef arbeitet für die "Ägyptische Initiative für Persönlichkeitsrechte", eine Nichtregierungsorganisation. Er hilft den Flüchtlingen im Alltag und bei Behördengängen. Abu Bara hat gerade Probleme mit einer kirchlichen Hilfsorganisation:

"Die stellen so komische Fragen. Wie viel Hühnchen ich in der Woche esse oder ob ich ein normales Handy habe oder ein Smartphone. Und sie kürzen mir immer das Geld. Sie sagen, ich solle arbeiten. Aber wenn ich frage, was ich machen kann, heißt es, es gibt keine Arbeit für mich."

El Kashef: "Aber zahlen sie nicht jedem Flüchtling jeden Monat eine feste Summe aus?"

Abu Bara: "Nein, das hat noch nie funktioniert in den zweieinhalb Jahren."

Seit Mursis Sturz haben die Syrer große Probleme in Ägypten

85.000 Syrer leben im Moment in Alexandria, schätzt El Kashef. Die Zahl schwanke sehr stark, da die meisten nur auf der Durchreise seien. Bleiben wollen nur die wenigsten, erzählt El Kashef.

"Am Anfang des Krieges haben wir die Syrer als Araber sehr offen willkommen geheißen. Aber seit dem politischen Umsturz in Ägypten im Jahr 2013 haben die Syrer große Probleme hier. Nicht nur mit den Behörden und der Regierung, sondern auch mit den normalen Menschen auf der Straße."

Die Medien haben nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammad Mursi eine Kampagne gegen die Syrer gestartet, sie als Islamisten und Terroristen verleumdet. Seitdem ist die Lage für Flüchtlinge in Ägypten problematisch geworden.

Auch Abu Nabil empfindet das so. Er hat seine Frau und zwei seiner Töchter deshalb vor drei Wochen Richtung Europa geschickt. Mit dem Boot. Jedes Mal, wenn das Handy klingelt, zuckt er zusammen. Er hat immer Angst, dass die drei Frauen in Schwierigkeiten geraten:

"Sie waren sieben Tage auf dem Wasser. Ich habe hier zu Hause gesessen voller Angst und Sorge. Aber Gott sei Dank haben sie Italien erreicht."

"Warum schmeißen sich die Syrer alle ins Meer?"

2.500 Dollar hat Abu Nabil pro Platz auf dem Boot gezahlt. Er war vor dem Krieg ein wohlhabender Mann in Syrien. Er hat sich mit seiner 18-köpfigen Familie nach Alexandria gerettet, kann die kleine Wohnung aber kaum verlassen. Er trägt einen blauen Trainingsanzug, um den Bauch eine feste Bandage. Wenn er sie abnimmt, zeigen sich fünf Einschusslöcher, seine Bauchdecke ist kaputt. Eine Kugel steckt noch im Kiefer. Folgen des Krieges in Syrien.

Im Moment sammelt Abu Nabil Geld bei Freunden und Verwandten, damit auch der Rest seiner Kinder nach Europa fahren kann:

"Die Leute fragen mich immer, warum schmeißen sich die Syrer alle ins Meer? Es ist die Ungerechtigkeit, die Ausweglosigkeit. Wenn man sagt, woher man kommt, sagen die Ägypter: 'Du bist Syrer'. Sie sagen das, als wären wir eine Plage. Und es stimmt. Es ist ihr Land. Unser Land ist befallen vom Terror dieser Welt."

"Im Vergleich zum Tod in Syrien ist das Meer harmlos"

Wenn seine ganze Familie in Deutschland ist, hofft Abu Nabil auf die Familienzusammenführung. Auch der Flüchtling Abu Bara hat einen Antrag gestellt. Seine Frau lebt mit den fünf Kindern mittlerweile in Stuttgart. Sollte es auf dem offiziellen Weg nicht klappen, wird er wieder auf ein Boot steigen. Es wäre das zwölfte Mal:

"Der Tod, den wir in Syrien gesehen haben, die Angriffe, die Bomben – im Vergleich dazu ist das Meer harmlos. Ich habe keine Angst vor dem Ertrinken."

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