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StartseiteHintergrundUnbeliebte Neuankömmlinge04.12.2013

Syrische Flüchtlinge in JordanienUnbeliebte Neuankömmlinge

Der Krieg in Syrien hat Tausende Menschen zu Obdachlosen gemacht. Massenweise fliehen sie durch die Wüste nach Jordanien. Viele verhungern auf dem Weg. Und am Zufluchtsort warten neue Probleme.

Von Martin Durm

Syrische Flüchtlinge laufen im September 2013 über die Hauptstraße eines Flüchtlingscamps in Mafraq, Jordanien. (picture alliance / dpa/ Jamal Nasrallah)
Syrische Flüchtlinge in Jordanien (picture alliance / dpa/ Jamal Nasrallah)
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Mach Tee für unsere Gäste, sagt Yassin und legt drei Matratzen auf den Steinboden. Hier haust er also seit einem Monat, in diesem Rohbau am Stadtrand Ammans. Zwei enge, feuchte Zimmer, Löcher eher, die ausreichen müssen für ihn, seine Frau und die vier Kinder. Vorm Eingang flattert ein graues Tuch. Es soll die dahinter liegende Armut verdecken. Weißt Du, wie wir früher lebten, fragt Yassin:

"Wir hatten ein Haus, ein Auto, ich hatte Arbeit. Ich war Dekorateur. Ich hab mich nie für Politik interessiert. Keiner in meinem Dorf hat sich je für Politik interessiert, die meisten Leute bei uns wussten nicht mal, was eine Partei ist."

Es sind genau diese Leute, die der Bürgerkrieg am härtesten trifft, der ihre Leben zerstört und sie vertreibt. In Syrien wurden in den vergangenen Monaten ganze Ortschaften entvölkert, Dörfer, Stadtviertel, Straßenzüge, in denen sich jetzt Aufständische und Regimetruppen bekämpfen. Wie extrem der Konflikt eskaliert ist, lässt sich an einer längst veralteten Statistik ablesen: Im März 2012 zählte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen noch 30.000 Syrer, die ins Ausland geflüchtet waren. Heute, eineinhalb Jahre später, sind es zweieinhalb Millionen. Yassin lebte im Rif Dimaschk – im Umland westlich von Damaskus. Bis Mitte Juli blieb die Gegend vom Morden verschont:

"Wir waren nicht gegen die Revolution. Wir waren auch nicht gegen das Regime. Wir haben einfach nur unser Leben gelebt. Und auf einmal kam der Krieg in unser Dorf. Plötzlich waren da überall Panzer, Rebellen, auf den Straßen wurde geschossen. Wir trauten uns nicht mehr aus unseren Häusern. Überall waren Scharfschützen, sie feuerten auf alles, was sich bewegte. Da sind wir aus unserem Dorf geflüchtet in eine Gegend, wo es etwas ruhiger war. Wir wohnten dort bei Freunden. Wir dachten: Das wird schon vorübergehen. Nach ein paar Tagen gingen wir dann wieder zurück. Aber da war nichts mehr. Unser Haus war völlig zerstört."

Wieder und immer wieder erzählen sie solche Geschichten. Flüchtlingsgeschichten, jede einzelne eine Tragödie für sich. Und doch sind sie sich alle auch fürchterlich ähnlich, weil es immer nur um Gewalt geht, um Angst und Verlust. Sie gleichen einander, wie die abgetragen Hemden und Hosen, die diese Flüchtlinge tragen: immer zu klein oder zu groß, zu eng oder zu weit. Es sind Flüchtlingsklamotten, abgetragenes Zeug, das aus irgendwelchen europäischen Kleidersammlungen stammt.

"Es ist für die Menschen unheimlich hart und man muss das wirklich erlebt haben, um sich in die Situation reinversetzen zu können, diese Menschen haben alles verloren - und sie wissen nicht, wann sie wieder zurückkommen."

Sagt Dieter Pool, der für die Diakonie Katastrophenhilfe im Krisengebiet unterwegs ist. Die evangelischen und katholischen Hilfswerke erreichen etwa 200 000 Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln und Medikamenten. Fast alle großen westlichen Hilfsorganisationen engagieren sich in der Region. Allein die Bundesregierung hat über 350 Millionen Euro für Flüchtlingshilfe bereitgestellt.

Mit ein paar Spenden für ein gutes Gewissen

Doch andererseits scheint Europa zu glauben, es könne sich damit von der humanitären Verpflichtung freikaufen, Kriegsflüchtlingen Asyl zu gewähren. Gerade mal 45.000 Syrer wurden bislang in der EU aufgenommen, die meisten von ihnen in Schweden und Deutschland. Syriens Nachbarländer hingegen - Jordanien, Libanon und die Türkei - tragen die wirkliche Last der syrischen Katastrophe: die zweieinhalb Millionen Flüchtlinge, die der Krieg über die Grenzen gejagt hat. Nun steht der dritte Kriegswinter bevor. Und Dieter Pool, der Vertreter der Diakonie, versucht zu erklären, warum es so schwer ist, in Deutschland Spendengelder für syrische Flüchtlinge aufzutreiben:

"Es gibt eine Zurückhaltung, die liegt meines Erachtens daran, dass man sich nicht sicher ist, ob das Geld ankommt. Die Menschen in Deutschland befürchten vielleicht, dass dieses Geld in falsche Hände kommt und bei irgendwelchen Kriegsparteien landet. Und ich glaube, dass die Angst vor dem Islam dazu beiträgt, dass die Zurückhaltung so groß ist."

Zurückhaltung - ein vornehmes Wort. Vielleicht sollte man besser von "Verweigerung" reden. 2012 spendeten die Deutschen insgesamt 5 Mrd. Euro für Not leidende Menschen. Die syrischen Kriegsflüchtlinge haben davon in den vergangenen beiden Jahren gerade mal 12 Millionen Euro ab bekommen. Im Vergleich zu Katastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen scheint Kriegselend wenig Mitgefühl zu erregen. Natural desaster beats manmade desaster, Naturkatstrophen schlagen menschengemachte Desaster - so nennt man das im NGO-Slang – der abgeklärten Sprache, die internationale Helfer benutzen. Und was im Nahen Osten derzeit geschieht, ist eine einzige menschengemachte Katastrophe.

"Es gibt kaum etwas, was für uns so weit weg ist in Deutschland wie der Nahe Osten. Das ist nicht eine Frage von Kilometern, uns ist Sri Lanka, Thailand wesentlich näher als der Nahe Osten."

"Uns graut vor dem nächsten Winter"

Wir sind allein gelassen, sagen zwei Frauen in einem der Flüchtlingslager nahe der syrischen Grenze. Wir sitzen hier und betteln um unser Essen. Und ihre Tochter sagt: Uns graut vor dem Winter, das Dach hier ist undicht, es hat schon in den vergangenen Nächten rein geregnet. Wir haben nicht genug Decken für die Kinder und nichts zum Heizen.

Die Caritas verteilt jetzt im Spätherbst Matratzen im Lager al Husn, wo die Flüchtlinge wenigstens nicht mehr in Zelten, sondern in Baracken ein provisorisches Obdach gefunden haben. Der Winter wird hart werden in diesem kargen, steinigen Hügelland. Doch sie werden ihn überstehen, weil internationale Hilfsorganisationen die Lager an der jordanisch-syrischen Grenze versorgen. Das ist der Unterschied zwischen den Flüchtlingen außerhalb Syriens und denen, die noch im Land sind. 4,5 Millionen Menschen ziehen zurzeit durch Syrien, sind Vertriebene im eigenen Land, weil der Krieg ihre Dörfer und Städte heimgesucht hat. Die einen sind vor Assads Truppen und den gefürchteten Shabiha-Milizen geflüchtet, die anderen vor radikalislamistischen Milizionären. Aleppo, Homs, Hama sind verwüstet, das Land verwahrlost, die Felder wurden in diesem Jahr nicht mehr bestellt.

"Der Krieg ist jetzt überall. Die meisten Städte sind belagert. Man bekommt in manchen Gegenden nicht mal mehr Brot, um seine Kinder durchzubringen. Und wenn es irgendwo noch ein bisschen Brot gibt, dann ist es so teuer, dass es sich die meisten Leute nicht kaufen können. Wie soll man das auf Dauer aushalten?"

Syrien – das war einmal ein Land, das seine eigene Bevölkerung ernährte. Die Syrer brauchten keine Importe – sie produzierten selbst genug Lebensmittel und auch Medikamente. Das Regime, das nie zögerte, seine Oppositionellen in den Kerkern der Geheimdienste zu zerbrechen, wollte sich die Loyalität seiner Untertanen zumindest durch ein funktionierendes Sozial-und Gesundheitssystem sichern:

"Wir hatten unser Leben in Syrien. Es ging uns nicht schlecht, wir hatten genug zu essen, wir konnten für uns selbst sorgen. Aber als dann in Daraa die ersten Leute auf die Straße gingen, weil ihre Kinder verhaftet wurden, als sie friedlich protestierten und nichts weiter wollten, dass ihre Kinder wieder freikommen - da ahnte ich gleich: Das wird eine Katastrophe, das Regime wird das nicht hinnehmen. Und so kam es dann ja auch. Die Armee rückte in unser Dorf ein, alles wurde zusammengeschossen, zusammen gebombt. Und am Ende haben uns die Soldaten noch die Lebensmittel weggenommen."

Hungertote und Seuchenopfer werden aus den Städten getragen

Nun werden aus den umkämpften Städten die ersten Hungertoten und Seuchenopfer gemeldet, Dutzende Kinder sind an Polio erkrankt. Auch dies – ein man made desaster, weil wegen des Bürgerkriegs kein staatliches Impfprogramm mehr realisiert werden kann. UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, befürchtet, dass in diesem Winter 500.000 Kinder nicht geimpft werden können. Wenn der Krieg nicht beendet wird, drohen an der östlichen Mittelmeerküste somalische Zustände: ein zerfallener Staat, in dem die Bevölkerung islamistischen Milizen und kriminellen Terrorbanden ausgeliefert ist. Weil er das ahnt und fürchtet, deshalb ist Yassin nach Jordanien geflohen:

"Wir sind durch die Wüste nach Osten gezogen, zuerst Richtung Irak. Fünf Tage waren wir unterwegs, bis wir zum irakischen Grenzzaun kamen. Wir wären fast verdurstet. Da tauchten plötzlich Beduinen auf, setzten uns auf ihre Pickup-Trucks und fuhren mit uns bis zur jordanischen Grenze. Dort setzten sie uns einfach ab. Wir warteten bis es Nacht wurde und zündeten ein Feuer an. Jordanische Grenzsoldaten haben uns dann gefunden und versorgt."

Yassin wirkt so ausgezehrt und erschöpft, als habe er gerade eine lange, lebensgefährliche Krankheit überstanden, ein Leiden, das seinen ganzen Körper geschwächt hat. 66.000 syrische Lira, umgerechnet etwa 300 Euro, zahlte er den Beduinen für den Weg durch die Wüste, alles was er hatte.

"Für die Strecke von Um Walad nach Um Kassr verlangten sie 41.000 Lira, und dann noch einmal extra von Um Kassr bis an die jordanische Grenze. Der Weg durch die Wüste ist sehr gefährlich, da braucht man ortskundige Leute. Überall in der Gegend sind Milizen und Regierungstruppen unterwegs. Es kommt immer wieder zu Kämpfen. Flüchtlingskonvois geraten da schnell zwischen die Fronten und werden beschossen. Es sind schon viele, die flüchten wollten, in der Wüste gestorben.   

Die Wüste als letzter Ausweg

Trotz aller Risiken ist der Weg durch die Wüste für viele Flüchtlinge mittlerweile zum letzten Ausweg geworden. Yassin hatte zuerst an einem regulären Grenzübergang versucht, nach Jordanien zu kommen. Dort wies man ihn ab, immer wieder, zwei Monate lang. Syriens Nachbar Jordanien hat schon im Sommer damit begonnen, den Flüchtlingszustrom zu drosseln. Yassin blieb deshalb nichts anderes übrig als die illegale Einreise durch die Wüste.

Über 660.000 Syrer sind mittlerweile im Königreich, einem Land, das gerade mal sechs Millionen Einwohner hat, von denen viele selbst unter Armut und Arbeitslosigkeit leiden. Nun erleben sie, dass ihr Gesundheitsministerium einen Krisenfonds einrichtet, um syrische Flüchtlinge zu versorgen, dass dafür 350 Millionen Dollar bereitstehen, dass die Syrer in den jordanischen Städten mit den Einheimischen um Wohnungen und Jobs konkurrieren. Auf Dauer geht das nicht gut, sagt Dana Shahin von der jordanischen Caritas:

"Unglücklicherweise gibt es hier mittlerweile viele Hausbesitzer, die die Not der anderen ausnutzen und von der Krise profitieren, die Preise für einfache, billige Mietwohnungen sind extrem gestiegen, weil die Syrer ihr letztes Geld dafür hergeben, irgendwo unter zukommen. Darunter leiden aber auch viele arme Jordanier, die keine billigen Wohnungen mehr finden. Das Gleiche geschieht auf dem Arbeitsmarkt. Die Flüchtlinge nehmen jeden Job, den sie kriegen können, egal wie schlecht er bezahlt ist. Es gibt Jordanier, die deshalb nur noch Syrer einstellen. Die arbeiten zum halben Lohn. Und die Jordanier finden gar keine Jobs mehr."

Neuer Ärger am Zufluchtsort Jordanien

Die Mietpreise sind in den Vororten von Amman um 300 Prozent gestiegen, mindesten 160.000 Syrer verdingen sich derzeit illegal und zu Niedrigstlöhnen auf jordanischen Baustellen, Feldern, in Fabriken und Bäckereien.

"Die Jordanier leiden massiv unter der Krise. Vor zwei Wochen sind wir in den Süden. Den Leuten geht es dort in den Dörfern mittlerweile oft schlechter als Syrern, die es bis Amman geschafft haben und von uns versorgt werden. Wir können armen, arbeitslosen Jordaniern nicht vorwerfen, dass sie manchmal aggressiv auf die vielen Flüchtlinge reagieren."

Dennoch hat es in Jordanien noch keine wütenden Demonstrationen vor Flüchtlingslagern gegeben, keine Fackelzüge, keine Brandanschläge wie in Europa.

"Als wir endlich in Amman waren, hatten wir nur noch die Kleider, die wir am Leib trugen und ein paar Plastiktüten. Das war alles, was wir besaßen. Die Leute aus der Nachbarschaft haben uns dann geholfen. Sie haben uns Kleider gegeben und ein paar Möbel. Die Jordanier waren gut zu uns."

Deutschland - nur für Auserwählte

Er sagt, er wolle jetzt erst einmal hier bleiben, in Amman. Wo sollte einer wie er auch hin in der derzeitigen Lage:

"Würdet ihr uns aufnehmen in Deutschland, fragt Yassin. Ich weiß, deutsch soll eine schwere Sprache sein. Aber der Mensch kann vieles lernen. Und nichts ist so schwer wie das, was wir hinter uns haben."

Yassin hat nicht die geringste Chance, auf legalem Weg nach Deutschland zu kommen. Er ist kein Oppositioneller im klassischen Sinn, keiner der sagen könnte, er sei ein Verfolgter des Assad-Regimes. Das sind die wenigsten hier. Yassin ist mit seiner Frau und seinen vier Kindern nur vor dem Krieg davon gelaufen – das reicht nicht, um zu den 5.000 Auserwählten zu zählen, die Deutschland erklärtermaßen aufnehmen möchte. 5.000 – die ausgesucht werden vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und von denen schon ein paar Hundert mit Charterflügen nach Deutschland gebracht worden sind.

"Wenn ich nach Europa wollte, dann nur auf legalem Weg. Ich werde mich nicht in ein Boot setzen und versuchen, übers Meer zu kommen. Zu viele sind schon ertrunken. Ich habe doch Kinder. Ich habe ihnen schon viel zu viele Risiken zugemutet."

Vielleicht wird es ja doch noch eine Friedenskonferenz geben. Die für 23. November in Genf geplante wurde wieder verschoben, weil sich Opposition und Regime nicht mal darauf einigen konnten, wer verhandeln soll, über was und mit welchem Ziel. Im vergangenen Mai hätte es auch schon eine Friedenskonferenz geben sollen, und 2012. Es ist nie etwas daraus geworden. Aber jetzt legen sich angeblich erneut amerikanische, russische und EU-Diplomaten ins Zeug. Yassin hat es im Radio gehört.

"Wie soll das weiter gehen? Keiner kann diesen Krieg gewinnen. Die Aufständischen sind zu stark, um aufzugeben. Und das Regime ist zu stark, um nachzugeben. Also kämpfen sie weiter, es hört einfach nicht auf. Und wir sind es, die dafür bezahlen. Unsere Kinder, die alten, die einfachen Leute."

Im Zimmer neben an wird es jetzt etwas lauter. Yassins Frau übt Lesen mit der siebenjährigen Tochter.

"Kinderreime aus Syrien: Ein Kind verspricht seinen Eltern, gut zu sein, freundlich, nicht zu lügen und Allah zu ehren."

"Es braucht ja nicht viel, um Dein ganzes Leben zu zerstören. Eine Rakete, eine Granate genügt. Weißt Du, wir haben alles verloren. Aber ich fühl mich hier trotzdem so reich. Wir sind in Jordanien. Meine Familie, meine Kinder. Wir sind Gott sei Dank in Sicherheit."

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