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StartseiteInterview"Sie sterben vor unseren Augen und wir können nichts tun"24.08.2019

Syrischer Weißhelme-Helfer"Sie sterben vor unseren Augen und wir können nichts tun"

Der Zusicherung des syrischen Präsidenten Assad, einen Fluchtkorridor für Zivilisten in der Provinz Idlib zu ermöglichen, schenke er kein Vertrauen, sagte ein Helfer der Rettungsorganisation Weißhelme im Dlf. Für die drei Millionen Zivilisten in der Gegend werde das eine humanitäre Katastrophe.

Mahdi Omar (*) im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Eine Totale der zerstörten Stadt Khan Shaykhun, Idlib, Syrien (picture alliance / Xinhua News Agency/XinHua)
"Wir Weißhelme werden die letzten sein, die gehen", sagte Weißhelme-Helfer Mahdi Omar (*) im Dlf (picture alliance / Xinhua News Agency/XinHua)
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Stephanie Rohde: Der Krieg in Syrien kommt zu einem Ende - diese Vorstellung scheint sich langsam in Europa durchzusetzen. Allerdings ist die Realität eine andere: Es wird weiter erbittert gekämpft – in der letzten Hochburg der Dschihadisten. In dieser Woche haben die syrischen Truppen von Bashar al-Assad mit Unterstützung der Russen den Ort Khan Sheikhun in Idlib eingenommen. Bei der Offensive sind auch mehrere von Deutschland geförderte Kliniken und Helfer Ziel von Angriffen geworden, bestätigte das Auswärtige Amt.

Die syrischen Regierungstruppen wollen die gesamte Provinz Idlib zurückerobern, die die Dschihadisten der Hajat Tahrir al-Scham derzeit noch teilweise kontrollieren. Diese radikalislamistische Allianz ist aus der Al-Nusra-Front hervorgegangen. Die Türkei sieht sich als Schutzmacht der Dschihadisten und hat dort Beobachtungsposten. Einer soll mittlerweile eingekesselt sein von syrischen Truppen. Das NATO-Mitglied Türkei und syrische Truppen stehen also vor einer direkten Konfrontation. Auch deshalb will türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Syrien-Gipfel veranstalten und sich in der kommenden Woche mit dem russischen Präsidenten Putin treffen.

Zwischen den Fronten leben oder überleben weiterhin mehrere Millionen Zivilisten. Die sollen nun über einen humanitären Korridor fliehen können, so hat es zumindest der syrische Präsident Assad am Donnerstag versprochen. In Idlib sind die Weißhelme im Einsatz, sie bergen dort Verschüttete nach Bombenangriffen. Die Organisation hat 2016 den Alternativen Nobelpreis erhalten, sie wird unter anderem von Großbritannien, den USA und Deutschland finanziell unterstützt. Von russischer Seite wird ihnen allerdings vorgeworfen, mit Islamisten zusammenzuarbeiten.

Gestern Nachmittag hat das Presseteam der Weißhelme für uns einen Kontakt zu Mahdi Omar hergestellt, der wie er sagt aus Homs geflohen ist und nun für die Weißhelme in Idlib im Einsatz ist. Seinen richtigen Namen will er aus Sicherheitsgründen nicht im Radio hören. Eingangs habe ich ihn gefragt, wie man sich die Situation der Menschen in Idlib vorstellen muss?

Mahdi Omar (*): Im ganzen Gebiet von Idlib, nicht nur in die Stadt selbst, wie Sie wissen, wird gekämpft. In Khan Scheikhun und Marat Numan genauso wie nordwestlich von Idlib greifen das Regime und russische Kräfte diese ganze Gebiete an. In Idlib kommt es nicht so oft zu Angriffen. Nur alle ein- bis zwei Wochen fliegen Flugzeuge Angriffe auf das Stadtzentrum. Aber es gibt Angriffe in der ländlichen Gegend rund um Idlib und vor allem im Nordwesten. Das Regime will diese Gegend einnehmen, um von dort aus die Stadt anzugreifen.

Rohde: Wie und wo versuchen die Menschen sich zu verstecken, um den Bomben zu entgehen?

Omar: Sie verstecken sich im Erdgeschoss und in Kellern. Nachts verstecken sie sich außerhalb der Stadt unter Bäumen. Denn dort wird nicht gebombt. Die Angreifer konzentrieren sich auf Gebäude, aber nicht auf die Felder. Wir Weißhelme standen in Khan Scheikhun und Marat Numan mehr als zehn Mal in den vergangenen Wochen unter Beschuss. Daher schlafen unsere Freiwilligen unter Bäumen und in Zelten, da es in Gebäuden zu gefährlich ist. Die syrische Armee benutzt spezielle Technik der Russen, mit der sie auch nachts bombardieren können. Daher schläft keiner in der Stadt, um den Bomben zu entgehen.

Rohde: Es gibt Berichte, dass es kaum noch funktionstüchtige Krankenhäuser gibt. Wo bringen Sie Verwundete hin?

Omar: Ja, das ist richtig. Krankenhäuser mussten ihre Arbeit einstellen. Alle medizinischen Einrichtungen sind Ziele von Angriffen durch das russisches Militär oder das Regime. Somit können wir uns nicht wirklich gut um die Verwundeten kümmern. Wir leisten Erste Hilfe mit den Dingen, die wir vor Ort haben.

"Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich menschliche Wesen sind"

Rohde: Können Sie noch ein bisschen näher beschreiben, was die genau Weißhelme tun, wenn Sie beispielsweise zu einem Haus kommen, das gerade angegriffen wurde und wo es Verletzte gibt. Was tun Sie dann?

Omar: Unsere Aufgabe ist es, die Menschen aus dem Schutt zu ziehen und zu medizinischen Versorgungseinrichtungen zu bringen. Wir selbst haben keine Ärzte. Wir haben nur ein Erste Hilfe-Set. Wir können keine Operationen durchführen. Schließlich sind wir alle ja nur Freiwillige. Ich selbst bin Lehrer. Sie sterben vor unseren Augen und wir können nichts tun. Wir können Sie nur unter dem Schutt hervorziehen und sie zu einem Krankenhaus bringen. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich menschliche Wesen sind, die uns bombardieren. Es ist furchtbar - ich habe so viele Kinder gesehen in Ariha, in Marat Numan und Khan Scheikhun, die wir unter den zerbombten Häuser haben liegen sehen. Die Köpfe voll Blut - in kleine Teile zerstückelt.

Rohde: Aber trotzdem gehen Sie jeden Tag wieder hin?

Omar: Ja, natürlich, wir haben viele Freiwillige, die so arbeiten. Klar, wenn man das auf Videoaufnahmen sieht, dann wirkt das wie ein fiktiver Film. Aber in der Realität ist es schrecklich. Doch wenn wir diesen Job machen, dann denken wir nicht über andere Dinge nach, sondern wollen nur den Menschen helfen.

Rohde: Sicher werden sich manche Menschen wundern, warum überhaupt noch Zivilisten in Idlib sind. Warum flüchten sie nicht, warum verlassen die Weißhelme Idlib nicht?

Omar: Wir können nicht alle weggehen. Es gibt die Mauer an der Grenze zur Türkei. Vielleicht haben Sie es gehört. Wer die Grenze zur Türkei überschreitet, kann getötet werden. Türkische Polizei oder Militär haben syrische Zivilisten erschossen. Und in die Richtung der Regimegebiete können wir auch nicht gehen, weil die Weißhelme dort wahrscheinlich getötet würden oder festgenommen. Aber auch andere Menschen, also Männer zwischen 18 und 40 Jahren werden gezwungen auf der Seite des Regimes gegen die Menschen hier zu kämpfen. Wir können also nicht weg, weil wir gezwungen sind hierzubleiben und haben keinen Ort, an den wir gehen könnten. Ich habe gar nicht so viel Angst um mich selbst. Aber ich habe zwei Kinder, um die ich sehr besorgt bin, ich würde sie gerne an einen sicheren Ort schicken, aber ich kann nicht.  

Omar: Assad lügt

Rohde: Der syrische Präsident Assad hat am Donnerstag einen humanitären Korridor angekündigt, über den Zivilisten das Gebiet verlassen können. Was denken die Menschen in Idlib darüber, wäre das nicht eine Chance, Idlib zu verlassen?

Omar: Mit Assad haben wir viele Erfahrungen gemacht. Er lügt. Vielen Menschen wurde gesagt, sie sollten bleiben. Sie wären dort sicher. Inzwischen wissen wir, die meisten wurden von Assad getötet. Oder kamen ins Gefängnis und wurden dort umgebracht. Wir können Assad nicht trauen. Wir haben hunderte solcher Erlebnisse mit Assad.

Rohde: Also Sie sagen, selbst wenn es diesen humanitären Korridor gäbe, würden die Zivilisten die Gegend nicht verlassen?

Omar: Sie würde nicht gehen, zumindest nicht in ein Gebiet, dass unter der Kontrolle des Regimes steht. Vielleicht nach Europa oder in die Türkei.

Rohde: Aber es gibt derzeit schon viele, die fliehen aus Idlib.

Omar: Natürlich, sie haben keine Chance, sie sehen getötete Babys direkt vor sich. Sie werden das Land verlassen.

Rohde: Einige verweisen auf die Rolle der Dschihadisten der Haiʾat Tahrir asch-Scham, dass sie die vereinbarte Waffenruhe gebrochen haben und nun die Zivilbevölkerung als Schutzschild missbrauchen. Wie sehen Sie das?

Omar: Um ehrlich zu sein, hier sind Dschihadisten und kämpfen gegen Assad. Aber sie benutzen nicht die Zivilbevölkerung. Sie sind an den Fronten, um gegen Assad zu kämpfen.

Autos und kleine Tansporter transportieren Möbel in Richtung Türkei. (imago images / ZUMA Press)Die syrische Armee hat zugesichert, dass sich die Bewohner von Idlib durch einen Fluchtkorridor in Sicherheit bringen können. "Wir Weißhelme werden die letzten sein, die gehen", sagte der Helfer im Dlf. (imago images / ZUMA Press)

Rohde: Die Russen werfen den Weißhelmen vor, lediglich vorzugeben zu helfen. Aber eigentlich würden sie die Dschihadisten unterstützen und seien Teil des Krieges, was denken Sie darüber?

Omar: Das sagen die Russen wegen der Angriffe mit Chemiewaffen. Einige unserer Weißhelme haben diese Angriffe miterlebt. Und alle zwei Monate geben sie das in der Türkei zu Protokoll. Ich glaube, das ist der Grund für die Russen.

Einnahme von Idlib wird "ein humanitäres Desaster"

Rohde: Also dokumentieren Sie die Verletzung von Menschenrechte?

Omar: Ja.

Rohde: Was wird passieren, wenn Assad mit russischer Hilfe Idlib erobert?

Omar: Wenn sie so wie jetzt weitermachen, werden sie die Stadt Idlib und die ganze Gegend einnehmen. Das wird ein humanitäres Desaster, denn hier gibt es drei Millionen Zivilisten. Die Truppen verbrennen alles bevor sie das Land erobern. Wenn Sie sich die Stadt Khan Scheikhun anschauen, da gibt es keine Gebäude, keine Menschen, keine Tiere oder Pflanzen mehr. Sie verbrennen alles nieder, um dann alles zu übernehmen.

Rohde: Das hört sich aber so an, als wenn Sie ziemlich bald die Gegend um Idlib verlassen müssten?

Omar: Ich glaube schon. Aber wir Weißhelme werden die letzten sein, die gehen. Denn solange es noch einen Zivilisten gibt, müssen wir ihm helfen. Erst dann gehen wir.

(*) Name von der Redaktion geändert.

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