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StartseiteBüchermarktMännliche Gewalt, erneut30.10.2019

Täter-Opfer-RomanMännliche Gewalt, erneut

#MeToo-, Künstler-, Literaturbetriebs- und Familienroman: Mareike Fallwickls zweiter Roman "Das Licht ist hier viel heller" ist und will viel - zu viel. Trotzdem liest man das Buch gern, findet Dina Netz. Auch, weil die Autorin ihre Figuren ernst nimmt.

Von Dina Netz

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Die Österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl (Frankfurter Verlagsanstalt/Gyöngyi Tasi)
Die Österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl (Frankfurter Verlagsanstalt/Gyöngyi Tasi)
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Mareike Fallwickl traut sich, zwei Jahre nach Ausbruch der Debatte, einen #MeToo-Roman vorzulegen. Das wirkt erst einmal allzu berechnend, so als wolle sie noch eine Welle surfen. Spätestens seit der Diskussion um Karen Köhlers Roman "Miroloi" ist man als Kritikerin auf diesem Ohr hellhörig. Und doch hat "Das Licht ist hier viel heller" als Beitrag zur #MeToo-Debatte seine Berechtigung. Mareike Fallwickl erzählt überzeugend aus der Perspektive eines Täters und zweier Opfer.

Der Schriftsteller Maximilian Wenger hatte vor langer Zeit nicht ganz einvernehmlichen Sex mit der gerade 18-jährigen Tochter eines Kollegen – ein Racheakt, denn der andere hatte ihm einen wichtigen Literaturpreis weggeschnappt. Die Angelegenheit geriet in Vergessenheit, weil die Zeiten damals andere waren. Wenger behandelt Frauen allerdings bis heute herablassend und berechnend.

"Ist es für Frauen nicht das Natürlichste der Welt, sich dem Stärkeren zu unterwerfen? Hat die Natur der Frau nicht sogar die Lust an der Unterwerfung mitgegeben? Das ist doch der beste Beweis dafür, dass das ursprüngliche Verhalten von Mann und Frau bar jeder Zärtlichkeit war, dass dieses Verzärtelte eine Erfindung der Neuzeit ist, um Romantikwochenenden mit Heublumenbädern zu verkaufen."

Alte weiße Macho-Männer

Kein Wunder, dass Wenger sich zu Beginn des Romans in einem kleinen Apartment wiederfindet, da die Gattin ihn aus dem gemeinsamen Haus geworfen hat. Genau wie die alten weißen weinerlichen Macho-Männer in Romanen von Martin Walser oder Bodo Kirchhoff ist Maximilian Wenger zwar abstoßend. Aber Fallwickl schafft es, auch ein gewisses Verständnis für ihn zu wecken, ihn als Kind seiner Herkunft und seiner Zeit zu zeichnen. Nicht zuletzt beschreibt sie ihn als einen Hadernden, der seine Familie nicht verlassen wollte, der gern ein herzlicheres Verhältnis zu seinen Kindern hätte – der aber schlicht nicht weiß, wie er es anstellen müsste. Wie differenziert Fallwickl diesen Unsympath Wenger darstellt, verdient Anerkennung.

Wenger ist zwar eine laute Stimme in diesem Roman, aber Fallwickl hat ihm zwei starke weibliche gegenübergestellt. Die eine gehört Wengers Tochter Zoey, fast 18-jährig, die unter dem Auseinanderbrechen ihrer Familie leidet, sich nur von ihrem Bruder verstanden fühlt, unglücklich in Jonathan verliebt ist und nach ihrer beruflichen Zukunft sucht. Sie erlebt einen sexuellen Übergriff.

Häme für den Literaturbetrieb

Katalysator der nun folgenden Geschichte sind Briefe, die Maximilian Wenger in seinem Briefkasten findet und die eigentlich an seinen Vormieter adressiert sind. Geschrieben hat sie eine Frau, die auf äußerst grausame Weise Opfer männlicher Gewalt wurde. Wenger liest die Briefe, auch Zoey bekommt sie in die Hand. Für sie werden sie zum Auslöser, sich endlich gegen die Opferrolle aufzulehnen:

"Ich kann nicht warten und zusehen, wie die Jahre vorbeiziehen, bis ich irgendwann so bin wie diese Frau, über und über voll mit schwarzer Paste, gelähmt außen und innen."

Zoeys Entwicklungsschritte sind zum Teil ein wenig erstaunlich. Trotzdem, die junge Frau ist eine überzeugende Sympathieträgerin – auch weil Fallwickl sie zur Ich-Erzählerin gemacht hat, während über Wenger in der dritten Person erzählt wird.

Auch bei Maximilian Wenger bewirken die Briefe, die gar nicht ihn meinen, einen Aufbruch: Er war einst ein erfolgreicher Bestseller-Autor, sitzt aber nun mit Schreibblockade in seiner versifften kleinen Wohnung. Er lässt sich von den Briefen nicht nur inspirieren, er schreibt sie sogar ab – dieser Wenger ist tolldreist, und er kommt einmal mehr damit durch. Gegen Ende von "Das Licht ist hier viel heller" jagt er auf der Frankfurter Buchmesse von Termin zu Termin. Mareike Fallwickl spart nicht an ätzender Häme für den Literaturbetrieb, die Buchmesse zum Beispiel riecht bei ihr nach "Hektik und Geltungsdrang".

Du mich auch

Dass Mareike Fallwickl Texterin ist, also Sprache ganz bewusst für Werbezwecke einsetzt, merkt man ihrem Buch an – jeder Satz sitzt, und fast jeder ist auf Pointe geschrieben. Das wirkt manchmal ein bisschen angestrengt, aber die Pointen sind oft witzig, die Dialoge sitzen, zum Beispiel die zwischen Vater und Tochter:

",Und?' fragt Papa. ,Was gibt’s Neues?' Meine Gabel zieht eine Spur durch die Butternockerl, essen kann ich sie nicht. Mein Magen ist voll von der Enttäuschung wegen Jonathan, es passt nichts hinein. Niemand antwortet Papa.
,Was ist los?' fragt er zwischen zwei Bissen, ich kann das halbzerkaute Zeug in seinem Mund sehen. ,Hast du keinen Hunger?' Ich schüttle den Kopf. ,Sonst freust dich doch so, wenn's Fleisch gibt.' Ich nicke. ,Hast du Ärger mit den Lehrern?' Ich schüttle wieder den Kopf. ,Probleme mit deinem Freund?'
Ich stehe auf und gehe rüber zur Couch. ,Schön, dass man so tiefgehende ausführliche Gespräche mit dir führen kann!' ruft Papa mir nach. ,Du mich auch!' rufe ich."

Buchcover: Mareike Fallwickl: „Das Licht ist hier viel heller“ (Frankfurter Verlagsanstalt)Buchcover: Mareike Fallwickl: „Das Licht ist hier viel heller“ (Frankfurter Verlagsanstalt)

Fallwickl will zu viel

Programmatisch heißt es im Buch, dass "Worte scharf sein können wie Messer". Und so setzt Mareike Fallwickl sie auch ein. Das Hauptproblem des Romans ist, dass Mareike Fallwickl zu viel will: Die alten weißen Männer bekommen ihre Portion #MeToo ab. Eine Frau bekommt Raum für die Schilderung ihrer Qualen nach einer Vergewaltigung. Der Literaturbetrieb wird als Jahrmarkt der Eitelkeiten gebrandmarkt, ebenso die sozialen Netzwerke. Fallwickls Buch ist außerdem Künstlerroman, Familienroman und Entwicklungsgeschichte. Wahrscheinlich kann man noch einige Aspekte mehr finden. "Das Licht ist hier viel heller" ist überfrachtet, zu plakativ und auch ein bisschen länglich.

Dennoch liest man Mareike Fallwickls Buch über weite Strecken gern, und das hat mit ihrem Umgang mit den Figuren zu tun: Sie gibt ihnen jeweils eine eigene Sprache, zeichnet die Charaktere detailliert in ihren Stärken und Schwächen. Und im Unterschied zu Maximilian Wenger hat Fallwickl etwas Wichtiges begriffen: dass man die Nebenfiguren beachten muss.

Zu nah am Zeitgeist

"Wenn Wenger an seine Kinder denkt, dann wie an Nebenfiguren in einem Roman", ...heißt es einmal. Zu spät wird Wenger klar, dass, wenn man die Nebenfiguren vernachlässigt, das "Ganze zusammenbricht". Mareike Fallwickl tritt nicht in diese Falle, sie verhilft auch den Nebenfiguren zu ihrem Recht: Zoeys schwuler Bruder, die  nur online anwesende Mutter, der junge Schweizer Liebhaber werden genau entwickelt. Fallwickl stellt ihre Schwächen genüsslich aus, aber man spürt, dass sie ihre Figuren zu jeder Zeit ernst nimmt.

Mareike Fallwickls Roman entfaltet seine Wirkung in Etappen: Erst liest man ihn neugierig, weil man mehr über die interessanten Figuren wissen will. Dann kommt der Ärger, weil die vielen Botschaften nerven, die einem das Buch um die Ohren haut. Und mit etwas Abstand reift die Erkenntnis, dass "Das Licht ist hier viel heller" ein zu stark programmatischer und zu nah am Zeitgeist segelnder, aber doch ein bemerkenswerter Roman ist.

Mareike Fallwickl: "Das Licht ist hier viel heller"
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M.
384 Seiten, 24 Euro.

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