Samstag, 19.09.2020
 
Seit 16:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteWirtschaft am MittagDas Gefühl, wirtschaftlich Bürger zweiter Klasse zu sein02.10.2019

Tag der Deutschen EinheitDas Gefühl, wirtschaftlich Bürger zweiter Klasse zu sein

Die Wirtschaft in Ostdeutschland brummt inzwischen. Die einst hohe Arbeitslosigkeit ist zurückgegangen, Fachkräfte werden gesucht. Trotzdem fühlt sich über die Hälfte der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse. Ein Grund für die Unzufriedenheit ist die persönliche wirtschaftliche Lage.

Von Angela Tesch

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Kiel Nationalfeiretag am 3. Okt. 2019: Überall an den markanten Punkten in der Innestadt und der Kielline ist für die Feier geflaggt. (www.imago-images.de)
Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit (www.imago-images.de)
Mehr zum Thema

30 Jahre nach dem Mauerfall Verhaltener Optimismus im Jahresbericht zur Deutschen Einheit

30 Jahre Deutsche Einheit "Bei den Löhnen ist heute noch die alte Grenze sichtbar"

Deutsche Einheit Mehr Selbstbewusstsein bitte!

Carsten Schneider war 14 als die beiden deutschen Staaten wieder zusammenkamen. Dem Thüringer, der für die SPD im Bundestag sitzt, ist es heute wichtig, "nicht nur so ein Klagelied zu zeichnen." Denn: Dafür gebe es keinen Grund. "Wir haben extrem viel persönliche Freiheit gewonnen. Wir haben ein starkes wirtschaftliches Fundament im Osten, tolle Städte und Dörfer."

Anders als in den 90er Jahre

2018 erreicht die Wirtschaftskraft im Osten 75 Prozent des Westniveaus. Zum Vergleich: 1990 waren es 43 Prozent. Arbeitslos waren im vergangenen Jahr knapp 7 Prozent der Ostdeutschen und knapp 5 Prozent der Westdeutschen. Die Wirtschaft brummt, es werden Fachkräfte gesucht.

Das sah in den 1990er Jahren ganz anders aus. Die Abwicklung vieler Betriebe im Osten hatte die Arbeitslosigkeit stetig steigen lassen, bis auf über 17 Prozent im Osten. Im Westen lag die Quote zwischen 8 und 9 Prozent.

Es gibt reichlich Baustellen

Der Ostbeauftragte der CDU, Christian Hirte sieht bis heute das Problem: "Zur Situation in Ostdeutschland gehört, dass wir strukturell ländlicher aufgestellt sind, dass uns aber auch die ganz großen Unternehmen fehlen, mit ihren Konzernzentralen."

Fehlenden Jobs und die schlechtere Bezahlung führten dazu, dass viele Auszubildende, Berufsanfängerinnen und Erwerbstätige ihrer ostdeutschen Heimat den Rücken kehrten. Das waren zwischen 1991 und 2006 knapp 1 Mill. Menschen. Erst 2015 konnte der Trend gestoppt werden.

Begeisterung sieht anders aus

Von der Euphorie der Wiedervereinigung ist nicht viel geblieben. Über die Hälfte der Ostdeutschen fühlt sich als Bürger zweiter Klasse. Und nur ein reichliches Drittel hält die Wiedervereinigung für gelungen.

Reiner Haseloff, Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, sieht wirtschaftliche Gründe für die Unzufriedenheit: Löhne und Renten müssten endlich Westniveau erreichen. Und: Die Menschen müssten wieder enger zusammenrücken:

"Besuche organisieren, Menschen reden lassen. Es geht darum, den Osten transparenter zu machen und rüberzubringen, dass wir hier ebenfalls ein Stück Deutschland waren. Wir wollten die deutsche Einheit. Wir sind mit wehenden Fahnen da reinmarschiert."

Und was erreicht wurde seit dem, sollte erzählt werden. Nicht nur aus Westsicht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk