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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Der Wandel bei den Arten passiert eher unbemerkt"03.03.2020

Tag des Artenschutzes"Der Wandel bei den Arten passiert eher unbemerkt"

Der Klimawandel sei in der öffentlichen Wahrnehmung sehr viel präsenter als der Artenschutz, sagte Günter Mitlacher von der Umweltschutzorganisation WWF im Dlf. Der Verlust der Natur könne nicht so plakativ wie der Klimawandel dargestellt werden. Doch könne beides nur zusammen gelöst werden.

Günter Mitlacher im Gespräch mit Britta Fecke

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Biene bestäubt eine Blüte (imago / Chromorange)
Jeder Einzelne habe in seinem Alltagsverhalten große Möglichkeiten, etwas zum Klima- und Artenschutz beizutragen (imago / Chromorange)
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Jede dritte Tier- und Pflanzenart in diesem Land ist in ihrem Bestand bedroht. Bei den Wirbeltieren - von der Feldlerche bis zum Luchs - sind es sogar zwei von drei Arten. Unter Biologen und anderen Wissenschaftlern ist unstrittig, dass wir das sechste große Artensterben der Erdgeschichte erleben. Das fünfte war in der Zeit der Dinosaurier. Diesmal ist keine Naturkatastrophe für den Rückgang der Arten verantwortlich, sondern der Mensch. Seine Landnutzung führt zum Verlust von Lebensräumen. Immer mehr versiegelte Flächen und riesige Agrar-Monokulturen sind dort, wo zuvor komplexe Ökosysteme waren wie Wälder, Moore oder Heidelandschaften. Doch die Artenvielfalt ist unser aller Lebensgrundlage, so warnt der WWF heute zum Tag des Artenschutzes. Günter Mitlacher ist Leiter der Internationalen Biodiversitätspolitik beim WWF und erklärt, dass dass der Klimawandel in der öffentlichen Wahrnehmung sehr viel präsenter sei als der Verlust von Natur. 

Britta Fecke: Herr Mitlacher, was sind denn die Ursachen für den Rückgang der Arten?

Günter Mitlacher: Wir haben im letzten Jahr eine große Studie auf den Tisch bekommen vom Weltbiodiversitätsrat. Das ist so etwas wie der Weltklimarat, vergleichbar für die Artenvielfalt. Die haben uns mitgeteilt, dass es fünf große Ursachen gibt. Das eine ist die Landschaftsveränderung, dass Natur in Agrarlandschaften umgewandelt wird oder in Siedlungsflächen. Dann die große Übernutzung der Meere zum Beispiel ist ein ganz wichtiger Punkt, auch der Klimawandel. Die Arten verbreiten sich ganz anders als bisher. Und Umweltverschmutzung, Pestizide, Stickoxide, Wasserverschmutzung, Meeresverschmutzung. Und die fünfte große Bedrohung sind invasive Arten, das Einschleppen von gebietsfremden Arten aus anderen Kontinenten in unsere heimische Fauna und Flora.

Arten verbreiten sich zunehmend durch den globalen Handel

Fecke: Man kann zusammenfassen, dass wir entweder die Arten zurückdrängen, weil wir den Boden anders nutzen als früher, oder wir vergiften sie gleich mit Pestiziden. Jetzt haben Sie auch noch die invasiven Arten angesprochen. Ist das eine Folge der Globalisierung, dass wir die jetzt hier haben?

Mitlacher: Ja, genau. Das muss man so sehen. Wir haben ja ein weltumspannendes Handelsnetz, Schifffahrt, Flugreisen, und man sieht es an der aktuellen Situation mit dem Virus. Arten werden einfach verbreitet, global heutzutage, und ob Sie jetzt eine Dreikantmuschel nehmen, die im Rhein sich angesiedelt hat, oder ob Sie den Bärenklau nehmen, eine Pflanze, die aus anderen Klimaten kommt, oder den Knöterich aus Japan, der jetzt unsere Flussufer besiedelt, das sind Ergebnisse von der Globalisierung unserer Handelsströme und unserer Arbeit.

Der Wandel bei den Arten passiert eher unbemerkt

Fecke: Der Klimaschutz ist inzwischen recht präsent in der Öffentlichkeit. Der Green Deal der EU-Kommission ist auch eine Folge davon. Wie würden Sie das sagen? Ist der Klimaschutz präsenter als die Bedrohung durch den Verlust der Arten?

Mitlacher: Im Moment sieht es ja so aus, dass der Klimawandel in der öffentlichen Wahrnehmung sehr viel präsenter ist als der Verlust von Natur. Das ist natürlich ein Ergebnis von 20-, 25-jähriger Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Thema. Das ist für die Natur im Moment noch nicht so präsent. Die Menschen haben natürlich, sage ich jetzt mal, durch die tägliche Wettervorhersage und die Berichterstattungen in den Medien sehr viel mehr Informationen über das, was da passiert. Der Wandel bei den Arten passiert eher unbemerkt. Keiner bekommt es richtig mit. Und das ist ein bisschen das Problem. Wir können das nicht so plakativ darstellen, wie das jetzt mit dem Klimawandel der Fall ist. Wir sagen aber, das sind die zwei Seiten der ökologischen Medaille. Wenn Sie einen Euro nehmen, haben Sie immer zwei Seiten, und wenn Sie eine ökologische Medaille nehmen, haben Sie den Klimawandel auf der einen Seite und den Naturverlust auf der anderen Seite. Beides kann man nur zusammen denken und beides kann man auch nur zusammen lösen. Das heißt, für den Klimawandel ist auch Waldschutz unheimlich wichtig, Meeresschutz unheimlich wichtig, Moorschutz wichtig, das was Sie eben auch gesagt haben.

Nicht nur der Staat, auch jeder Einzelne kann etwas tun

Fecke: Werden denn die Gesetze zum Natur- und Artenschutz in Deutschland überhaupt konsequent angewandt?

Mitlacher: Na ja. Es gibt überall Vollzugsdefizite, auch in Deutschland bei den Naturschutzgesetzen, insbesondere bei den Naturschutzgesetzen, die die EU erlassen hat vor einer Weile. Dort gibt es immer noch Defizite. Deutschland hat da manchmal Vertragsverletzungsverfahren am Hals, wie man so schön sagt, und muss da nacharbeiten. Da gibt es immer noch viel zu tun. Wir denken ja immer, wir sind ein gut organisierter Staat, aber es funktioniert nicht überall perfekt – auch im Naturschutz nicht - leider.

Fecke: Was kann denn jeder Einzelne tun?

Mitlacher: Wenn man in Betracht zieht, was jeder Einzelne tun kann, fängt es bei seiner Ernährung an. Er kann sich bewusst ernähren. Er kann verantwortungsvoll reisen. Er kann, wenn er einen Garten hat, dort blühende Pflanzen anbauen für Insekten. Wir haben ja das große Insektensterben jetzt auch schon vor uns und gesehen, dass da nicht alles in Ordnung ist. Das kann der Einzelne tun. In seinem Alltagsverhalten hat er große Möglichkeiten, etwas beizutragen zum Klima- und auch zum Artenschutz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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