Samstag, 21.09.2019
 
Seit 19:10 Uhr Sport am Samstag
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenFamilienplanung im Wandel21.04.2016

Tagung in MainzFamilienplanung im Wandel

Freie Lebenspartnerschaften, Pille, künstliche Befruchtung - die Familienplanung ist in der heutigen Zeit selbstbestimmt. Der Staat hat sich aus dieser Privatangelegenheit weitgehendst rauszuhalten. Doch das war nicht immer so. Eine Tagung an der Gutenberg Universität Mainz widmete sich der europäischen Geschichte der menschlichen Reproduktion.

Von Eva-Maria Götz

Ein Zusatzschild eines Verkehrsschildes zeigt in Berlin eine Familie mit Kinderwagen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Auch, wenn Familienplanung und Sexualität heute weitgehend Privatsache sind, gibt es staatlich gesetzte Parameter. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Mehr zum Thema

Familienplanung China schafft die Ein-Kind-Politik ab

Gesellschaft Familienplanung heute

Studie zum Sexualverhalten Verhütung bei Jugendlichen heute selbstverständlich

Verhütung Fortschritt bei der Pille für den Mann

Den Franzosen kommt die Vorreiterrolle zu in Sachen selbstbestimmter Familienplanung in Europa. Lange bevor auch in anderen Ländern die Zahl der Geburten so weit zurückging, das deutlich wurde: Das geht nicht mit natürlichen Dingen zu, da wird manipuliert - sank in Frankreich die jährliche Anzahl der Neugeburten signifikant, sagt Anne Katrin Gembries vom Institut für Neueste Geschichte an der Universität Mainz:

"Die Geburtenrate ging nach der Französischen Revolution zurück, während sie in den anderen europäischen Ländern erst Ende des 19. Jahrhunderts anfing zu sinken. Und es ist Konsens unter Historikern und Demografen, dass Geburtenkontrolle der Grund war und nicht spätere Ehen oder andere Gründe, die man sonst noch haben könnte."

Kriminalisierung von Verhütung

Nachdem die Geburtenrate bis Ende des Ersten Weltkrieges um 40 Prozent gesunken war und die Franzosen schon befürchteten, auszusterben, fühlte sich das Parlament bemüßigt, zu reagieren: Verhütung wurde kriminalisiert, es durfte keine Information über Verhütungsmethoden publiziert werden. Allerdings waren diese Maßnahmen nicht sehr erfolgreich:

"Die Geburtenkontrolle, die praktiziert wurde, konnte nicht erreicht werden durch staatliche Eingriffe. Die Technik der Geburtenkontrolle, die am meisten verbreitet war, war der Koitus Interruptus. Da braucht man kein Objekt, man muss nichts kaufen, man muss auch nicht drüber reden." 

Gesellschaftliches Umdenken, dem die Politik folgen musste

Das gesetzliche Abtreibungsverbot in Frankreich wurde 1923 eingeführt und galt bis 1967. Proteste in der Bevölkerung führten dazu, dass Abtreibung Schritt für Schritt legalisiert wurde und die Pille auf Rezept verordnet werden konnte. Ein Umdenken hatte stattgefunden, dem sich Politik und Gesetzgebung schließlich beugen mussten. Das war auch in Deutschland ähnlich. In der DDR war Schwangerschaftsabbruch legal, in der Bundesrepublik jedoch verboten. Auch hier führten Kampagnen im Jahr 1974 zu einer Liberalisierung. Familie und Familienplanung hatten im Verlauf des 20. Jahrhunderts einen anderen Stellenwert bekommen.

"Familie kann betrachtet werden als Keimzelle der Nation, also als kleinste Einheit, so wurde sie in den 20er-, 30er- und 40er-Jahren betrachtet und bewertet danach, was sie für einen Wert für die Nation hat, also Nachwuchs für die Nation liefert. Während dann in den 60er-, 70er-Jahren nach und nach ein Familienbild entwickelt wurde, nach dem Familie gut ist für die Individuen, weil sie sich darin entfalten, weil das ihre Lebenswirklichkeit ist, weil sie da materiell und sozial Halt finden."

"Wenn wir auf die bürgerliche Moderne schauen, dann stellen wir fest, dass die revolutionäre Veränderung der bürgerlichen Gesellschaft darin liegt, dass Menschen ihre gesellschaftliche Position nicht mehr durch Geburt und Stand gewinnen, sondern durch Bildung und berufliche Leistung", meint Andreas Roedder, Professor am Institut für Neueste Geschichte der Gutenberg Universität.

Bürgerliche Modell gerät in Spannung

"Aber wenn ich sage Menschen, müsste ich genauer sagen: Männer. Zunächst einmal. Denn die bürgerliche Gesellschaft trennt die Menschen in Männer, das sind die, die beruflich unterwegs sind und Frauen, die sich zunächst einmal vor allen Dingen um die Familie kümmern. Das ist die Situation des 19. Jahrhunderts. Und im 20. Jahrhundert holen Frauen dieses Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft an die Männer nach, in dem sie es für sich einfordern, was aber zugleich dazu führt, dass das bürgerliche Familienmodell unter eine enorme Spannung gerät."

Mehr als ökonomische, politische oder gar militärische Bedingungen prägt das veränderte Verhältnis zwischen Männern und Frauen die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen im 20. Jahrhundert.

"Wir gehen davon aus, dass sich Werte in einer Art von Dreieck vollziehen zwischen den Werten der Menschen, zwischen der sozialen Praxis innerhalb einer Gesellschaft, und zwischen den institutionellen Rahmenbedingungen und politischen Setzungen. Diese drei Dinge wirken jeweils aufeinander ein, ohne dass man sagen könnte, das eine folgt aus dem anderen. Und interessanterweise stellen wir offenkundig fest, dass der eiserne Vorhang Europa gar nicht so sehr getrennt hat wie in vielen anderen Hinsichten."

Ungarn in Zeiten des Kalten Krieges

Zum Beispiel in Ungarn in Zeiten des Kalten Krieges. Hier wurde die Familienplanung zunächst stark staatlich kontrolliert, wie Ezster Varsa vom Institut für Osteuropaforschung der Universität Regensburg erklärt:

"Die Geburtenkontrolle in Ungarn war Anfang der 50er-Jahre sehr restriktiv, Abtreibung war verboten, und nachher wurde das sehr liberalisiert, das heißt, die Frau hatte die Entscheidung, ob sie eine Abtreibung haben möchte. Und nachher ist die Abtreibungsrate sehr hoch geworden in Ungarn, war Anfang der 60er-Jahre eine der höchsten in Europa, und deswegen versuchten Politiker andere Methoden zu popularisieren statt Abtreibung in der Verhütung."

Sexuelle Aufklärung wurde zum wichtigen Thema in Schule und Medien, es erschienen zahlreiche Veröffentlichungen zu Familienplanung und Geburtenkontrolle, die ein konservatives Lebensbild vertraten.

"Die Hauptaussage von diesen Publikationen war, dass Sex in der Ehe stattfinden sollte. Oder wenn vor der Ehe, sollte Sex nur in einer Liebesbeziehung stattfinden und zur Ehe leiten. Was aber sehr progressiv war, die Idee, dass Männer auch innerhalb der Familie eine Rolle spielen sollten in der Erziehung von Kindern und Babys und das war mit einer sozialistischen oder kommunistischen Ideologie verbunden, die besagte, dass die Frau in der sozialistischen Gesellschaft gleichberechtigt sein sollte mit Männern."

Weibliche Lust, Masturbation und Homosexualität

Doch nicht nur die eigenen Veröffentlichungen, sondern auch internationale Studien wie der Kinsey-Report wurden in Ungarn mit Aufmerksamkeit gelesen und führten zu einem Umdenken. Seit den 80er-Jahren war die Bedeutung weiblicher Lust ein Thema. Masturbation und Homosexualität bekamen in Umfragen eine immer offenere Akzeptanz. Das spiegelt sich auch in anderen europäischen Staaten wieder.

"Die Geburtenkontrolle ist ein Indikator für eine freie Gesellschaft, für eine demokratische Gesellschaft", sagt Professor Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart.

"Demokratisierung war für mich noch einmal ein Aufhänger zu zeigen, dass wir inzwischen eine Station auf unserer langen Geschichte erreicht haben, wo der Staat sich im wesentlichen nicht mehr in diese höchst private Sache einmischt."

Reaktion auf einen Wertewandel

Doch auch, wenn Familienplanung und Sexualität heute weitgehend Privatsache sind, gibt es staatlich gesetzte Parameter, die auf den Wertewandel reagieren und neue Entwicklungen in Bahnen zu lenken versuchen:

"Wenn wir schon die Reproduktionsmedizin nehmen auch die Frage: behindertes Kind. Also, brauchen wir nur gesunde Kinder, dafür aber weniger? Auch hier ist sicher ein Wertewandel eingetreten, wo Menschen sagen, es gibt doch pränatale Diagnostik, es gibt andere Möglichkeiten schon herauszufinden, deswegen haben wir ja die Möglichkeit der Abtreibung, also warum brauch ich noch ein ungesundes Kind? Das ist sicherlich ein Wertewandel, den wir früher so nicht gesehen haben, aber auch die Frage, was ist wichtiger: Ein Kind oder ein höheres Einkommen? Ein besserer Lebensstandard? Das sind sicher Probleme, mit denen man offen umgehen muss."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk