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StartseiteKultur heuteNeue Stücke, bekannte Bilder03.06.2018

Tanztheater WuppertalNeue Stücke, bekannte Bilder

Fast zehn Jahre sind seit dem Tod von Pina Bausch vergangen, aber die Themen und die Ästhetik ihrer Arbeit prägen das Tanztheater in Wuppertal bis heute. Auch die neuen Produktionen junger Regisseure setzen bewusst oder unbewusst auf bekannte Bilder und Bewegungen.

Von Nicole Strecker

Der Tänzer Tsai-Chin Yu in einer Probe für "Neues Stück II" am Tanztheater Wuppertal. (Tanz Theater Wuppertal Pina Bausch / Copyright Mats Becker )
Der Tänzer Tsai-Chin Yu in einer Probe für "Neues Stück II". (Tanz Theater Wuppertal Pina Bausch / Copyright Mats Becker )
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Schon zu Lebzeiten von Pina Bausch versprach jede Reise nach Wuppertal viele kleine Déjà-vus. Auch die große Tanztheater-Prinzipalin zitierte in ihren späteren Stücken fleißig sich selbst, flocht Vertrautes und Bekanntes ein, egal ob ihre Stücke durch Reisen nach Indien, Korea oder in die Türkei inspiriert waren. Und so ist es ebenso wahr wie fade und selbst schon redundant, immer wieder zu bemängeln, dass es nun so weiter geht.

Das Tanztheater Wuppertal bleibt Pina Bausch treu

Auch bei einer neuen Generation von Choreografen sind sie also wieder da sind: Die reifen Frauen, die sich als mädchenhafte Lolitas mit Schleifchen im Haar wähnen und wieder jung und heiter über die Bühne tänzeln. Oder die verzweifelten Tragödinnen, die kurz vor dem Kollaps noch nach Berührungen, Zigaretten, Stühlen rufen, während der hilflos-dienstbeflissene Mann kaum hinterher kommt, die Wünsche zu erfüllen. Man muss sich wohl damit abfinden, dass das Tanztheater Pina Bausch immer nach Tanztheater Pina Bausch aussieht. Und es gilt nicht das Ähnliche, sondern das Andere zu erspüren - jetzt, wo die Choreografen aus Griechenland und Norwegen kommen, und Dimitris Papaioannou oder Alan Lucien Øyen heißen. Der zum Beispiel mag ebenfalls den Retro-Look, aber als gewissermaßen mittanzende Kulissenarchitektur. Gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Alex Eales lässt Øyen die Bausch-Truppe durch ein sich ständig veränderndes Film-Set wandeln, das aus amerikanischen 50er-Jahre-Streifen übrig geblieben zu sein scheint. Zwischen abgewetzten Tapeten, großen Spiegeln, kargen Küchen-Interieurs und plüschigem Motel-Design umkreisen die Tänzer in zahllosen Szenen-Miniaturen die immergleichen großen Themen: Trauer, Liebe, Tod, Erinnerung.

Aus Tanz wird Dekor

Eine Frau wird von einer Film-Crew präpariert wie für einen großen Auftritt. Kaum sitzt sie in perfekter Beleuchtung im Sessel erschießt sie sich. Und das Merkwürdige: Die Film-Crew räumt alle Requisiten um sie herum fort, bis nur noch die einsame Tote im Fauteuil zurückbleibt - als wäre aus einer Inszenierung Wirklichkeit geworden. Schnitt, nächste Szene. Da begegnen Hinterbliebene dem brutalen Pragmatismus von Bestattern und Sanitätern. Sie schreiben Telegramme an Selbstmörder, hauchen Streichholz-Flämmchen aus, sitzen rauchend an Tischen im Dämmerlicht als warteten sie auf die Rückkehr der Toten. Intime, ein bisschen spukige Tableaus, in denen der Tanz allerdings bis auf wenige Ausnahmen nur süßliches Dekor bleibt. In einer der besten Choreografien begegnen sich zwei Männer als gelte es den anderen zu verführen: Doch dann beginnt der eine den anderen zu dominieren wie ein böser Spuk. Er schubst, schleudert, schlägt den Körper des anderen, fängt ihn trotzdem immer wieder auf und konfrontiert ihn in knappen Sätzen mit dem Selbstmord seines Vaters - als wäre er eine fleischgewordene Erinnerung, die das Unterbewusstsein immer wieder aufs Neue erschüttert.

Trauerarbeit, süß-ironisch

Das alles ist sehr schön, sehr traurig und mysteriös wie ein Foto von Gregory Crewdson. Choreograf und Regisseur Alan Lucien Øyen ist ein Poet der Ellipse - nur wenige Worte brauchen seine Figuren und eine Seelen-Hölle reißt auf. Doch in die stürzen die Menschen nicht mit Getöse, sondern schweben gleichsam auf den Engelsflügeln eines sanften Fatalismus hinab. Auf Øyens Bühne hat der Mensch seinen Frieden mit dem Schmerz gemacht und eben das macht ihn groß. Zwar mag man gelegentlich denken, dass der Abend als Dreieinhalb-Stunden-Elegie vielleicht doch ein bisschen zu gründliche Trauerarbeit leistet. Aber dann hilft wieder die zart ironische Künstlichkeit der Szenen über die vielen Leichen, Mörder und Verlassenen hinweg. Als wolle Øyen zeigen: Auch das schlimmste Trauma verwandelt sich in der Erinnerung doch in Fiktion. Weltentrückt und bewältigbar.

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